Lustspielhaus Till Hofmann über Kleinkunst in der Corona-Krise

Der Konzertveranstalter und Kulturmanager Till Hofmann in seinem Lustspielhaus. Foto: Michael Westermann

Kleinkunstkönig Till Hofmann ist besonders stark von den Schließungen betroffen, aber er nimmt die Situation mit niederbayerischer Gelassenheit 

 

Ohne Till Hofmann gäbe es in München nicht nur weniger gesellschaftlichen Widerstand gegen Rechts – er hat schließlich zahlreiche Großdemonstrationen der letzten Jahre mitorganisiert –, sondern auch viel weniger zu lachen. Doch alle seine Kleinkunstbühnen stehen nun still.

AZ: Herr Hofmann, Shutdown in München: ein veritabler Alptraum für einen multiplen Veranstalter wie Sie. Wie geht es Ihnen?
TILL HOFMANN: Gut. Es ist ja ein Komplett-Shutdown in allen Bereichen – da geht es allen gleich. Man weiß nicht, was kommt, und muss halt jetzt überlegen, wie man das gestaltet.

Nun gibt es im Kulturbetrieb eher wenig Menschen, die wie Sie gleich fünf Bühnen gleichzeitig betreiben: Lach- und Schießgesellschaft, Lustspielhaus, Vereinsheim, Milla und den Stadtsaal in Wien. Corona trifft Sie sozusagen exponentiell.
Den Stadtsaal haben wir schon vor einer Woche zugesperrt. Auf einen Schlag fünf Läden, die täglich spielen: Da hängen entsprechend viele Künstler, Techniker, die Gastro und Bürokräfte dran. Die sind jetzt erst mal arbeitsarm.

Laufen die alle weiter auf der Payroll?
Ja, einige haben ja auch Familie, Miete und andere Fixkosten. Jetzt müssen wir halt ein bisschen zusammenlegen. Bei mir ist in der letzten Zeit ja alles gut gelaufen, das heißt, ich muss nicht morgen zusperren. Aber wenn überhaupt nichts reinkommt, muss man sich Alternativen überlegen. In der Gastro, wo ja viele Leute arbeiten, muss man wohl vorübergehend auf Kurzarbeit gehen. Die Mehrkosten versuchen wir irgendwie aufzufangen, da die Kurzarbeit ja nur zu 60 Prozent gedeckelt ist. Zur Not muss halt ein Kredit her.

Die Fußball-Bundesliga rettet sich womöglich mittels Geisterspielen über die Saison – funktioniert bei Bühnenkunst eher nicht so. Gibt’s andere Ideen?
Wir hatten schon mal mit der Idee von Eulenspiegel-TV angefangen: Konzerte und Kabarettabende einfach streamen. Wenn man da ähnlich wie die Staatsoper ein paar Stunden am Tag sendet, kann ich mir schon vorstellen, dass sich das ein paar Leute anschauen. Ich bin da mit dem Johannes Kaltenhauser im Gespräch, mit dem ich damals bei der Doku über LaBrassBanda in Russland unterwegs war. Wenn man mal gemeinsam in Russland war: Das schweißt zusammen.

Ihren Humor haben Sie jedenfalls nicht verloren.
Es geht ja nicht nur um uns. Die bekannteren Kabarettisten halten das Ganze finanziell ein bisschen länger aus, aber ganz viele Slammer und Künstler können ohne einen Cent Einkommen keinen Monat überleben. Wir schauen gerade, ob es irgendeinen Fonds gibt, wo wir gemeinsam was einsammeln können. Wenn wir da im Kleinen etwas an den Start bringen, werden die Leute dazu aufgerufen, dort etwas zu spenden. Wenn jeder ein bissl was gibt, ist auch ein paar Künstlern geholfen. Ein kleiner Kreativanstoß, der interaktiv funktioniert, so etwas wie eine kulturelle Nahversorgung – bis es wieder analog wird.

Wird es finanzielle Unterstützung vom Freistaat geben?
Ich bin überzeugt, dass da dick was aufgelegt wird. Ein Fonds, der die kleinen Kinos und Theater stützen wird. Wie viel da für jeden übrigbleibt, wenn die ganze Wirtschaft so zusammenkracht, muss man sehen. Wir müssen schon auch was mitbringen. Es hat viele gute Jahre gegeben – dieses ist halt nun eins, das man finanziell löscht. Aber es ist trotzdem eine Erfahrung.

Konkret haben Sie bislang noch keine Information vom Freistaat?
Nein, da muss man denen auch mal Zeit geben, um das zu koordinieren. Aber ich habe da tatsächlich großes Vertrauen, dass die das gut hinbekommen. Wenn die das öffentlich so ausstellen, haben die das schon geprüft. Bayern ist ja nicht das ärmste Land. In Österreich ist eine solche Aussage bislang noch nicht gefallen. Natürlich kann das nicht ewig gehen. Wenn der Shutdown über ein halbes Jahr geht, wird es schwierig, das ohne Schließungen aufzufangen.

Wie gehen Sie im täglichen Leben mit der Situation um?
Grundsätzlich gilt es einfach, sich an das Social Distancing zu halten. Ich glaube, dass das jetzt eine große Prüfung der Solidarität sein kann. Wir merken das schon bei Leuten, die bereits Karten für Lustspielhaus oder Vereinsheim gekauft haben. Die sagen: „Lass uns das später regeln!“ Wenn all die kleinen Theater nun alles auszahlen müssen und die laufenden Kosten daherkommen, dann ist es halt noch mal doppelt eng.

Haben Sie Kontakt zu anderen Bühnenbetreibern?
Wir tauschen uns jetzt so langsam aus, wenn jeder seine eigenen Sachen erstmal geregelt hat. Wir denken eher an ein schönes Sommerfest im Englischen Garten, wenn das alles vorbei ist.

Die jüngste Lustspielhaus-Mail klang schon ziemlich optimistisch: Schließung bis 19. April, und danach geht’s wieder los...
Wir müssen ja weiter planen, sozusagen auf Stand-by sein, falls es wirklich nach den Osterferien weitergehen sollte. Wenn die Stadt den Shutdown verlängert, müssen wir das natürlich auch tun.

Nimmt Sie das alles nicht brutal mit?
Ich habe überhaupt keinen Anflug von einer Depression oder sonstwas. Man muss das jetzt pragmatisch lösen. Es gibt Leute und Gruppen, die mehr darunter leiden.

Noch keine schlaflosen Nächte?
Nein, ich beschäftige mich ab der Früh damit, wie alle anderen auch. Klar trifft es uns, weil die Menschen auch physisch so nah beinander sitzen. Damit muss man verantwortungsbewusst umgehen und eben nicht spielen. Im Sommer muss man sich halt neue Formen überlegen. Ich kann mir vorstellen, dass es im Freien vorher geht: Open Air! Wenn es behördlich einfacher ist, das zu machen, mit weniger Leuten und größeren Abständen – die Leute wollen ja wieder unterhalten werden. In Passau beim Zeltfest war drei Mal Hochwasser, und wir haben über Nacht auf Open Air umgeschaltet. Dieses Improvisieren hat ja auch einen Zauber. Der kreative Theater- und Konzertbereich findet da bestimmt Lösungen. Wichtig ist doch: Wann können wir endlich wieder kicken? Auf Kabarett kann man doch wirklich mal verzichten...


 
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