Lola Randl: Eine Münchnerin zieht in die Uckermark Von Bienen und Blumen im großen Garten

Autorin, Journalistin, Regisseurin: Lola Randl in ihrem "großen Garten" mit "Bienen und Blumen". Foto: Philipp Pfeiffer

Eine Münchnerin zieht in die Uckermark, lebt dort mit der Dorfgemeinschaft, schreibt ein Buch, dreht einen Film  und versucht eine alternative Utopie

 

Es ist alles so, wie es im Buche steht. Das Haus in der Kurve, in dem der Liebhaber wohnt. Der Friseur und Schönheitssalon Pretty Woman. Der Landmarkt, in dem es nicht nur Lebensmittel und Haushaltswaren gibt, sondern auch „neue, fast neue und gebrauchte Damen- und Herrenkleidung“. Die ehemalige Schlossgärtnerei heißt jetzt „Der große Garten“, in einem Schaukasten wird Bemalung von Ostereiern mit sorbischer Wachstechnik angeboten.

Mann und Liebhaber, Bienen und Blumen

Das Löwenhaus ist das frisch gestrichene Haus gegenüber der Kirche, mit der Löwenskulptur auf dem Dachgiebel. Hier wohnt Lola Randl, zusammen mit „dem Mann“ und den beiden Söhnen, der eine heißt im Buch Gustav, in echt aber Josef. „Und das ist der Loisl“, sagt Lola Randl. Der Loisl schaut aber nicht her, sondern starrt auf das Handydisplay vom Au-pair, das heute früh aus Neuseeland eingeflogen ist und mit totalem Jetlag im Garten sitzt. Lola Randl ist in München geboren und in der Oberpfalz aufgewachsen in einer Landkommune. Von dort nach Berlin gezogen. Und von dort wieder zurück aufs Land, aber eben in die Uckermark. Da, wo die Hügel rollen und wenige Menschen in weiter Landschaft leben.

Sie mochte keinen "Projektmenschen"

„In Berlin waren mir einfach zu viele Projektmenschen“, sagt die 39-Jährige. Also Menschen wie sie selbst, mit Kreativberufen, die sich und ihr Tätigkeitsfeld ständig neu erfinden müssen. Erstens, weil es immer weniger Festanstellungen gibt. Zweitens, weil diese Art zu leben und zu arbeiten für Randl eh das Modell der postkapitalistischen Zukunft ist. Und drittens aus eigener, innerer Not. „Ich hatte schon als Kind wahnsinnige Angst, dass alles jederzeit vorbei sein kann. Eine Angst vor dem Tod. Und auch eine Sehnsucht danach. Und daraus muss ich halt permanent etwas schaffen, kreieren.“ Während sie von Tod und Vergänglichkeit spricht, leuchten die Augen der Frau in Ringel-Shirt und Karottenjeans und ihr ganzes Gesicht lacht.

"Der Humor kommt aus der Verzweiflung"

„Der Humor“, sagt Randl, „kommt doch immer aus der Verzweiflung.“ Und so blickt Randl in ihrem Buch „Der große Garten“ genauso wie im Film „Von Bienen und Blumen“ mit liebevollem Spott und großer Selbstironie auf sich und all die anderen Sinnsucher und „Neuen Menschen“, die ihre Welt bevölkern.

So leicht und heiter Buch und Film daherkommen, es geht letztlich um die Heil- und Haltlosigkeit des überaufgeklärten Großstadtmenschen, der sich seinen Sinn schon lange selbst zusammenbasteln muss. Um das Leiden daran und um die Sehnsucht nach Erlösung. Als die Ich-Erzählerin im See schwimmen geht, blitzt der Wunsch auf, einfach nicht mehr aufzutauchen. Unter Wasser zu bleiben. Damit endlich Ruhe ist.

Kann man von der Ich-Bezogenheit erlöst werden?

Die Natur hat diesen ganzen Stress nicht. Tiere bilden Schwärme, in denen der eine einfach den Bewegungen der anderen folgt, und nicht jeder für sich seinen eigenen Weg finden muss. Die Natur ist der große Spiegel, in den Lola Randl unentwegt blickt, um aus ihr Sinn-und Handlungsmuster für das eigene Leben zu gewinnen. Vielleicht kann man ja in einer Kommune Gleichgesinnter oder auch als Teil einer Dorfgemeinschaft von seiner Ich-Bezogenheit erlöst werden? Der Analytiker und die Therapeutin bringen sie auf jeden Fall nicht weiter. Und auch der Rückweg ins Paradies bleibt für immer versperrt.
Aber bei einem Winterspaziergang, in Betrachtung der glitzernden Schneefläche und der Vielgestaltigkeit von Eiskristallen, blitzt wenigstens kurz ein höherer Sinn auf, eine Verbundenheit, ein Eins-Sein mit der Natur. Die Leere und Reduziertheit des Landlebens soll den Stadtmenschen heilen von der Fülle, wegen der er sich so leer fühlt, heißt es im Buch. Erlösung gibt es aber nur für den Augenblick. Soviel ist dem Menschen, dem der Glauben abhandengekommen ist, zumindest klar.

Das Buch von Lola Randl sucht das Paradies auf Erden: "Der große Garten" 

Als Randl vor 10 Jahren den alten Gasthof Zum Löwen entdeckte, war der Löwe noch nicht auf dem Dach. Den hatten die Russen nach dem Krieg weggeschossen. Erzählt man sich im Dorf. So genau will Randl das gar nicht wissen. Lieber betreibt sie in „Der große Garten“ Legendenbildung, wie jedes Dorf und jeder Mensch es mit der eigenen Geschichte machen. So, dass man auch im Buch nie weiß, was wahr und was erfunden ist.

Das Haus, das Dorf, die ganze Region lagen damals noch im Dornröschenschlaf. Oder eher in einer depressiven Post-Wende-Lethargie. „In Bayern wäre der alte Gasthof in der Dorfmitte nie verfallen und mir als Zuagreister überlassen worden“, sagt Randl. „Nichts und niemand ist hier tief verwurzelt, nichts reicht über Jahrhunderte und Generationen zurück. Deshalb gibt’s hier Platz für Neues.“

Die Mutter ist auch da und pflanzt Endiviensalat

Auch, weil der gesellschaftliche Umbruch die Uckermark voll erwischt hat. „Es war hier ein bisschen wie nach dem Krieg, alles lag brach“, sagt Randl. Unendliche Möglichkeitsräume. Randl sagt lieber Potenziale. Die genutzt werden wollen, wie die Natur das macht. Da wird jede Brache sofort in Besitz genommen. Randl hat auch den verwilderten Schlossgarten derer von Arnims erworben, mit den Terrassen, die nach dem Vorbild von Sanssouci angelegt wurden. Da pflanzt Lolas Mutter, die mit im Haus lebt, jetzt Endiviensalat.

Die Einheimischen hatten wohlwollendes Mitleid

Die Einheimischen haben Randl mit wohlwollendem Mitleid betrachtet, als sie mit zwei kleinen Kindern den verfallenen Gasthof in ein Café umwandeln wollte. Und mit Skepsis, sie war ja schließlich ein Wessi. Wenn auch keine von den Wochenendlern, die nichts mit dem Dorf zu tun haben wollen.
Sie ist geblieben und lädt alle ein, auch zu kommen und ihr Ding zu machen. Die Japanerinnen, die das Café im Schlossgarten betreiben und Matcha Cheese Cake anbieten. Das Paar aus Neukölln, das nebenan ein Geburtshaus eröffnet. Der Galerist, der im Haus in der Kurve einen Risographen aufgestellt hat. Auch der störrische Besitzer des Landmarkts lässt jetzt mit diesem japanischen Schablonendruckverfahren drucken. Einladungskarten für den Hot-Dog-Stand, den er zum Flohmarkt am 1. Mai aufbauen will.

„Es wird langsam zu viel“, sagt Lola Randl. Nach Fernsehen, Radio, Zeitungen strömen jedes Wochenende immer noch mehr Berliner Projektmenschen in das Dorf. Essen den Räucherfisch der Räucherei Glut und Späne oder die Klettenwurzel mit Fischsauce und Knoblauch im japanischen Café. Lola Randl denkt schon an das neue große Ding. Eine Akademie. Schließlich geht es ja um das Überwinden der Konsumhaltung, das Weiterdenken des postkapitalistischen Lebens-Experiments. „Wahnsinn, die Energie, die jetzt da ist, mit dem Buch, mit dem Film“, sagt Randl. „Jetzt muss ich sie nur noch in etwas verwandeln“.     

Das Buch: Lola Randl: „Der große Garten“ (Matthes & Seitz, 250 Seiten, 20 Euro)

Der Film: Lola Randl:  "Von Bienen und Blumen" (ab 9.5. im Kino) 

 

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