Lokalsport Der Pferdeversteher

Wolfgang Figge pflegt eine enge Beziehung zu seinen Pferden. Hier kümmert sich der 62-jährige Riemer Trainer um den vierjährigen Hengst Fortunato. Foto: Mike Schmalz

Wolfgang Figge, der einzige Münchner, der beim Dallmayr-Preis Galopper auf die Rennbahn Riem schickt. Für seine Tiere gibt es nur bestes Futter. Er selbst baute aber auch schon mal großen Mist

Von Florian Kinast

Die Wände, bald sind sie voll. Ein Foto neben dem anderen, halb übereinander geklebt, Erinnerungen an viele seiner 690 Siege in den letzten 33 Jahren. Baden-Baden, Frankfurt, Düsseldorf, Berlin, wo auch immer. Viel Platz ist nicht mehr, aber bei einem Erfolg am Sonntag würde sich schon ein Platz finden. Im Büro von Wolfgang Figge, in Stallung 12 ganz im Norden der Riemer Reitanlage. Denn für einen Sieg beim Dallmayr-Preis, dem größten Heimrennen der Saison, würde er zur Not auch viele andere Bilder abhängen.

„Das ist der Höhepunkt des Jahres", sagt Wolfgang Figge, der 62-jährige Trainer, der am Sonntag zwei Pferde auf die Rennbahn schickt, die dreijährige Lady Alida und den sechsjährigen Northern Glory. Die einzigen Münchner Gäule am Start, weshalb er der alleinige Lokalmatador ist, Figge, der Sauerländer.

1967, mit 21, kam er nach München runter, damals noch als Reiter, aber die Karriere war 1975 vorbei, als ihm ein Pferd beim Ausschlagen den Unterschenkel zertrümmerte, den Tag weiß Figge auch noch gut: „Ein Freitag, der 13.“

Darum sattelte er dann um.

Figge machte den Trainerschein, mit den Jahren kamen die großen Erfolge, allen voran das Europa-Championat 2001 in Frankfurt mit Noroit. 33 Pferde hat er inzwischen in seinem Stall, er pflegt und füttert sie, und fährt sie in Absprache mit dem Besitzer auch zu den Rennen. Frankfurt, Dresden, manchmal auch ins Ausland, Meran, Frankreich. Oder wie letzten Dezember sogar nach Hongkong.

25 Euro zahlt der Besitzer am Tag, dazu kommen pro Monat ein Fuchzger für den Jockey, für Trainingsbahn und Boxenmiete nochmal 130 Euro. Ein teures Hobby, das mit den Rennpferden, von denen die guten bei Auktionen 200 bis 300 000 Euro kosten.

„Wer es billiger haben will", sagt Figge, „der soll sich einen Kanarienvogel anschaffen."

Manche Ställe, sagt er, würden es auch für weniger machen. Aber dafür gebe es bei ihm nur das Beste. Beim Futter etwa, das Heu lässt er extra aus Südfrankreich bringen, das kostet ihn 3000 Euro, das Doppelte des 08/15-Pferdefraßes, aber das sei es ihm auch wert. „Da sind viel mehr Vitamine und Mineralstoffe drin“, sagt er. „ich gebe denen nur Hochwertiges.“ Für seine Stuten und Hengste eine Art Nouvelle Cousine, die gute südfranzösische Küche, fünf Sterne in Stall 12. Man könnte meinen, es sei so, wie wenn der Schuhbeck Fonsi für den FC Bayern auftischt.

Vom Fußball, sagt er, versteht er weniger, aber er kennt Namen von Übungsleitern, die ihre Spieler das tun lassen, was auch Pferde gern machen, nämlich Gras fressen. Von ihren Methoden hat er gehört, und so sagt er: „So ein Typ wie Felix Magath bin ich nicht.“ Immerhin, Figge ist kein Pferdequälix, der seine Pferde mit Medizinbällen den Wallberg hochscheucht.

Figge, der Pferdeversteher.

Von harter Schule hält er eh wenig. „Man kann ein Pferd schnell brechen“, meint er, „wie beim Menschen. Zu viel Druck und zu viel Stress, dann geht er ein. Das Pferd soll Freude haben und Spaß, so wie ich ihn als Trainer habe.“

Noch gar nicht lange her, da war ihm der Spaß vergangen. Kurz vor seinem 60. Geburtstag geriet seine gesamte Existenz in Not. Da lief nämlich vieles ganz schief.

Die Staatsanwaltschaft kam vorbei und fand vieles, was nicht sein durfte. Schwarzarbeiter aus dem Ausland, Steuerhinterziehung, nicht krankenversicherte Angestellte, kurzum, das war mehr Mist als alle Pferdeäpfel in seinem Reitstall zusammen.

Figge bekam beim Urteil 2006 eine Bewährungsstrafe plus 14 400 Geldbuße aufgebrummt, dazu kamen Konkurs und Offenbarungseid, noch heute steckt er in der Wohlverhaltensperiode, was heißt, dass er jeden Monat 400 Euro abgeben und Schulden abstottern muss. Viel will Figge dazu nicht mehr sagen, nur dass es ja kein Einzelfall gewesen sei, dass er nicht allein das schwarze Schaf in den Pferdeställen sei. „Ich habe nichts anderes gemacht als alle anderen Trainer“, sagt er. Und dass es recht lehrreich war für ihn.

Gerettet hat ihn Hans Gerd Wernicke, ein Salzburger Unternehmer, der in seinem Familienbetrieb Betten und Matrazen herstellt und Figge bald wieder ruhig schlafen ließ. Wernicke gründete die „Rennpferde Trainings GmbH“, bei der Wolfgang Figge nun als Angestellter arbeitet.

Nicht mehr zu retten war das Verhältnis zu seinem Sohn Michael. Zwischen den beiden, die jahrelang zusammenarbeiteten, kam es zur Zeit der Ermittlungen zum Krach, die beiden trennten sich, und auch wenn der Filius seine Pferde gleich nebenan betreut, gesprochen haben sie seit damals nicht mehr. Es sieht nicht aus, als würde sich daran noch mal etwas ändern.

„Dass wir wieder zusammenkommen, daran glaube ich nicht“, sagt er, während sein Boss Wernicke neben ihm schimpft, dass gerade die Gastronomie in Riem ein Trauerspiel sei und viel getan werden müsste, damit die ganze Anlage für Besucher endlich attraktiver wird. Von einem Geschäftsessen erzählt der 78-Jährige, als er Anfang der Spargelsaison nach Riem einlud. „Eine Katastrophe“, sagt er, „drei Stunden haben wir gewartet und dann war der Spargel auch noch hart.“

Dass sich daran etwas ändert, dass aus dem Galopprennen ein attraktives Rundum-Event gemacht wird, mit mehr als nur einem Ponyreiten für die Kinder, daran scheint Wernicke so wenig zu glauben wie Figge an die Versöhnung mit dem Sohn. Aber zumindest am Sonntag beim Dallmayr-Preis will sich Riem rausputzen, dann kommen rund 20000 Zuschauer, so viel wie sonst nie im Jahr, darunter viele Laien, die kaum Ahnung haben von Pferden, so die Kanarienvogel-Fraktion.

Für Figge geht es danach dann wieder weiter, die nächsten Rennen stehen an, Düsseldorf im Rheinland, Dresden in Sachsen, Auvergnes in Frankreich. Bald wird es wohl wirklich eng an der Fotowand, zu den 700 Siegen fehlt nicht mehr viel.

Wolfgang Figge wirkt mit sich im Reinen, er will noch lange arbeiten und Freude haben im Beruf.

Die wird er sicher haben. Solange er aufs richtige Pferd setzt. Und sich auch sonst nicht mehr vergaloppiert.

 

0 Kommentare