Lokales Wahnsinns-OP: Ärzte formen Zunge aus dem Oberschenkel

Operateur Dr. Markus Kapsreiter zeichnet das Transplantat mit blauen Linien auf dem Oberschenkel vor. Daraus wird später der neue Gaumen modelliert. Foto: Sebastian Stenz

Erlanger HNO-Klinik: Nach Tumor-Entfernung im Halsbereich können die Patienten mit dem Transplantat wieder sprechen und schlucken.

 

ERLANGEN Hochspannung im Operationssaal der Erlanger HNO-Klinik. Die blauen Linien, die auf den Oberschenkel der tief schlafenden Patientin gezeichnet sind, sehen aus wie eine Geige: oben und unten rund, in der Mitte tailliert. Die Ärzte werden dieses Stück aus dem Bein schneiden. Es soll den Gaumen und einen Teil des Rachens der Patientin ersetzen! Die irre Transplantation ist nötig geworden, weil der Frau dort ein Krebsgeschwür entfernt worden ist.

Tumore im Kopf- und Halsbereich gehören zu den besonders bösartigen Krebsarten. Die Krux: Mit der Entfernung des Geschwürs allein ist es nicht getan. Patienten können nach der Operation oft nicht mehr riechen, sprechen, schmecken oder schlucken. Die HNO-Klinik Erlangen setzt als eine von wenigen Kliniken in Deutschland seit einem Jahr auf ein innovatives Operationsverfahren. Die Experten um Klinikdirektor Professor Heinrich Iro und Oberarzt Dr. Ulrich Harréus modellieren aus Oberschenkeltransplantaten neue Zungen, Gaumen oder Speiseröhren.

Das Gewebe ist extrem vielseitig

Diese Art der Oberschenkellappen-Transplantation ist in den USA, Taiwan oder China längst Standard, in Deutschland dagegen ein noch junges OP-Verfahren. Das Gewebe ist extrem vielseitig. Die Wundheilung geht vergleichsweise schnell, und aus kosmetischer Sicht ist eine Narbe am Oberschenkel zu verschmerzen.

„Die Überlebenschance des Transplantats liegt bei rund 98 Prozent bei meist zufriedenstellender Funktionalität", erklärt Ulrich Harréus. Zwischen 500 und 600 Tumorpatienten kommen jedes Jahr in die HNO-Klinik Erlangen. Die Klinik gehört zum Universitäts-Krebszentrum Erlangen (UCC), das im April 2009 von der Deutschen Krebshilfe zum Onkologischen Spitzenzentrum gekürt wurde.

„Die Besonderheit bei Kopf-Hals-Tumoren ist, dass sie meist sehr spät entdeckt werden und eine multimodale Therapie erfordern", erläutert Prof. Heinrich Iro. „Außerdem ist es im Kopf-Hals-Bereich nicht mit der Entfernung des Tumors getan – hier kommt es ebenso auf eine bestmögliche Rekonstruktions-Chirurgie an, um die Funktionalitäten der Organe so gut wie möglich aufrechtzuerhalten."

Die Operation dauert fast zehn Stunden

Ärzte, OP-Schwestern und Springer – bis zu acht Personen sind bei der Operation dabei. Das Team ist gut aufeinander abgestimmt. Routine? „Nein“, sagt Ulrich Harréus. „Routine würde bedeuten, dass die Konzentration nachlässt.“ Der Mediziner hat den Tumor der Patientin inzwischen freigelegt; er hat die Größe eines Tennisballs. Teile von Gaumen, Zunge und Rachen mussten entnommen werden.

Während im Labor geprüft wird, ob der Tumor wirklich vollständig entfernt wurde, beginnt Operateur Dr. Markus Kapsreiter damit, den Oberschenkellappen entlang der blauen Linie einzuschneiden. Die Operation selbst endet nach fast zehn Stunden, wenn das Stück Haut und Gewebe im Rachen eingenäht worden ist und die versorgenden Gefäße miteinander verbunden wurden.

Immer mittwochs ist offene Sprechstunde für die Patienten: „Die Behandlung fängt nicht bei der Narkose an, sondern beim ersten Gespräch mit den Betroffenen“, sagt Ulrich Harréus. Ebenso wenig endet die Therapie nach der Operation. Es folgen Nachtherapien, Reha und Nachsorge. Viele der Patienten sind zwischen 50 und 70 Jahre alt, aber es kommen auch immer mehr jüngere. Häufig betroffen sind Raucher und Alkoholiker. „Gerade präoperativ versuche ich, Einfluss zu nehmen und die Patienten auch in der Suchtbekämpfung und Lebensführung zu unterstützen", so Ulrich Harréus. Julia Wilmer

 

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