Lokales Tamara (18) hörte den Zug nicht – und wurde überrollt!

Erst mehrere Meter nach der Unfallstelle ist die Gräfenbergbahn zum Stehen gekommen. Feuerwehr und Polizei sichern den Tatort. Foto: News5

Gräfenbergbahn: Eine Überquerung in Nürnberg-Ziegelstein forderte ein Todesopfer. Der Lokführer brach weinend an der Unfallstelle zusammen

 

NÜRNBERG Die Gräfenbergbahn muss auf ihrem Weg durch Nürnberg direkt durch den Bauernwald im Stadtteil Ziegelstein fahren. Durch die Grünanlage müssen jeden Tag viele Kinder auf ihrem Weg zur Schule, zum Kindergarten, zum Hort. Der Bahnübergang ist nicht beschrankt. Wer sich hier nicht umschaut, ist in einer lebensgefährlichen Situation. Denn die Bahn ist leise. Die Lokführer hupen nur selten. Am Donnerstagabend wurde der Albtraum aller Eltern wahr: Tamara (18) ist mit dem gefährlichen Übergang groß geworden – und hat dennoch einen Zug übersehen. Ihr Schutzengel hat eine Sekunde nicht aufgepasst. Das zierliche Mädchen war sofort tot.

Tamara hatte es eilig am Mittwochabend, als sie gegen 18.40 Uhr die Gleise überquerte. Die Polizei fand am Unfallort Kopfhörer. Es steht zu vermuten, dass sie Musik gehört hatte. Viele in der Siedlung kennen die Situation. Eine Frau: „Wenn hier nur ein Flugzeug über uns wegfliegt, dann hören wir die Züge kaum noch.“ Sie schüttelt den Kopf: „Immer wieder haben wir uns gefragt, was eigentlich passieren muss, dass diese Stelle für unsere Kinder entschärft wird.“

Tamara betrat die Gleise, übersah die Gräfenbergbahn in Richtung Innenstadt. Sie wurde von der Lokomotive frontal erfasst.

Danach spielen sich erschütternde Szenen ab. Der Lokführer verlässt die Kanzel. Weinend bricht er neben Tamara zusammen. Fahrgäste kümmern sich um ihn, bringen ihn weg vom Unglücksort. Sie nehmen den geschockten Mann an der Böschung in die Arme, übergeben ihn dann der Betreuung eines Notfallseelsorgers. Bei ihm schreit er sich sein Trauma aus dem Leib.

Die 25 Fahrgäste des Zuges blieben unverletzt. Die Bahn organisiert Taxis, um sie weiter zu ihren Zielen zu transportieren.

„Tamara war ein Herz auf zwei Beinen“

Am Tag danach: An den Eisenbarrieren, durch die sich die Fußgänger schlängeln müssen, liegen Stofftiere. Es brennen Kerzen, Blumen sind abgelegt. Immer wieder kommen fassungslose Menschen vorbei. Tamara und ihre Familie sind im Viertel sehr beliebt. „Eine tolle, intakte Familie. Tamara war wie ein Sonnenschein“, sagt Schreibwarenladen-Besitzer Volker I. Der schlanke, grauhaarige Mann ringt um Fassung. „Tamara war ein Herz auf zwei Beinen.“

Gegen Mittag ist die Unfallstelle teilweise bevölkert. Wer Tamara, die Erzieherin gelernt hat, nicht kannte, macht seinem Ärger über den gefährlichen Übergang Luft. Wer sie kannte, stellt eine Kerze auf. Wie ein Nachbar: „Erst vor zwei Wochen wurde sie 18. Sie hatte noch ihr ganzes Leben vor sich. Sie war so fröhlich an ihrem Geburtstag.“

Zögerlich und weinend besuchen ihre Freunde die Unfallstelle. Ihnen fehlen die Worte, um den furchtbaren Schock auszudrücken. Einige kommen immer wieder. Sie zünden die Kerzen erneut an. Denn der Sog der Gräfenbergbahn – er bläst sie immer wieder aus.

Susanne Will

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