Lokales Depression: Ein Bündnis rettet Leben

Verzweiflung, Angst, Überforderung: Volkskrankheit Depression. Vier Millionen Deutsche leiden unter der psychischen Erkrankung. Foto: abendzeitung

Weg vom Tabuthema: Kinospots, Plakate, Infoabende – seit 10 Jahren macht ein Nürnberger Verein auf die Volkskrankheit aufmerksam. Die Zahl der Selbstmorde geht seitdem deutlich zurück

 

NÜRNBERG Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit – Mehr als vier Millionen Deutsche leiden unter Depressionen. Die Ursachen für diese psychische Erkrankung sind vielfältig: Das kann derTod eines geliebten Menschen, der Verlust des Arbeitsplatzes oder das Ende einer Ehe sein. „Es kann jeden treffen. Und zwar plötzlich, als wäre von heute auf morgen ein Schalter umgelegt worden“, erklärt Dr. Günter Niklewski, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nord.

Diese Erkenntnis hat sich aber noch nicht durchgesetzt. Die Depression ist als Krankheit immer noch mit einem Makel behaftet. Sie wird als Zeichen von Schwäche gesehen. Viele Betroffene verstecken ihre seelischen Leiden, schämen sich, Hilfe zu suchen.

Nürnberger Pilotprojekt als Vorbild für ganz Deutschland

Um genau das zu ändern gründete sich vor zehn Jahren das „Nürnberger Bündnis gegen Depression“. „Durch Kinospots, Plakate und Infoveranstaltungen machen wir die psychische Erkrankung zu einem Thema in der Öffentlichkeit“, erklärt der Vorsitzende Dr. Wolf-Dietrich Braunwarth die Arbeit seines Vereins. Die Aufklärung der Bevölkerung ist aber nur ein Aufgabengebiet. Mindestens genauso wichtig ist die Schulung von Hausärzten, Seelsorgern, Pflegern und Apothekern, denn für Betroffene sind sie der erste Ansprechpartner. „In Nürnberg kann man sich vertrauensvoll an jeden Allgemeinarzt wenden. Die sind mittlerweile bestens geschult“, weiß Niklewski. Den Patienten werden jetzt deutlich mehr Antidepressiva verschrieben, als noch vor einigen Jahren – auch das führt der Experte auf die Fortbildung der Ärzte zurück.

Die Erfolge des Vereins lassen sich auch in Zahlen belegen: Bereits zu Beginn der Kampagne in den Jahren 2001 und 2002 nahm die Zahl der Selbstmorde um 24 Prozent ab. Ein großer Erfolg, der sich auch über die Grenzen der Stadt hinaus herumsprach. Das Nürnberger Pilotprojekt wurde zum Vorbild für Depressions-Bündnisse in ganz Deutschland. Inzwischen gibt es 67 solcher regionalen Bündnisse und einen Dachverband, das „Deutsche Bündnis gegen Depression“.

„Als nächstes wollen wir uns zusätzlich um Zwangsstörungen und Angsterkrankungen kümmern, weil die oft mit Depressionen zusammen hängen“, sagt Braunwarth. lf

Wo Betroffene Hilfe finden, lesen Sie in der AZ-Printausgabe am 29./30.1.

 

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