Löwen-Kapitän im AZ-Interview Schindler: „Dann fällt uns ein Mount Everest vom Herzen“

Erzählt dem AZ-Reporter von einer Löwen-Saison in chronischer Abstiegsangst, seiner schweren Zeit als Neu-Kapitän und dem Abstiegs-Endspiel beim KSC: Kapitän Christopher Schindler. Foto: imago/AZ

Christopher Schindler, der Kapitän des TSV 1860, spricht im AZ-Interview über den Abstiegskampf, das Endspiel am Sonntag beim KSC und einen Auftrag seines Trainers.

 

München - Gegen den Club räumte er alles ab und trug mit einer soliden Abwehr-Leistung dazu bei, dass der TSV 1860 nach dem zweiten Sieg in Folge auf Rang 15 der Tabelle sprang: Christopher Schindler. Damit ist das Schicksal des Löwen-Kapitäns und seiner Mannschaft im Kampf um den Klassenerhalt am letzten Spieltag beim Karlsruher SC (Sonntag, 15.30 Uhr, AZ-Liveticker ) nur bedingt von den Konkurrenten abhängig: Man könnte den Nichtabstieg mit einem Sieg selbst klarmachen - ist aber noch lange nicht am rettenden Ufer angekommen.

Schindler spricht im AZ-Interview über eine komplizierte Saison im Tabellenkeller, seinen persönlichen Durchhänger im Winter und das Endspiel am Sonntag beim KSC. Und nimmt sich und die ganze Mannschaft bezüglich eines Auftrags des Trainers in die Pflicht.

AZ: Christopher Schindler, der Trainer hat im letzten Saisonspiel beim KSC einen neuen Job für Sie.

Christopher Schindler: Darüber haben wir noch gar nicht gesprochen…

Toreschießen.

(lacht) Stimmt, das hat er angedeutet. Nach Gui Valloris Ausfall ist eine Kopfball-Waffe verloren gegangen. Zugegeben: Das Kapital, das wir aus vielen kopfballstarken Spielern schlagen, ist zu wenig.

Gui Vallori hatte vor dem 2:1-Sieg gegen Nürnberg einen Treffer angekündigt – und das 1:1 gemacht. Sie hätten jetzt exklusiv die Möglichkeit nachzuziehen…

Ich habe ja vor der Saison fünf, sechs Tore angekündigt, eins ist es erst. Ich bin bisher eher den langen Pfosten angelaufen, und leider hat es nur gegen Braunschweig gescheppert. Wenn es jetzt klappt, wäre das überragend. Am Ende ist es aber egal: ob Kopfball, Weitschusstor – es geht um alles. Wir müssen gewinnen.

Durch den Dreier gegen Nürnberg hat Sechzig wieder alles selbst in der Hand.

Das Spiel war überragend. Wir haben 2014 im Pokal gegen Dortmund schon gesehen, was möglich ist, wenn das Stadion voll ist. Der Jubel nach dem aberkannten Tor war fast genauso laut wie beim 2:1. Man hat gesehen, wie die Fans das annehmen, wenn wir fighten, das Gespür hatten, dass es nichts bringt, zu pfeifen. Wir sind überglücklich, dass wir es noch drehen konnten.

Vom Klassenerhalt über die Relegation bis zum direkten Abstieg – nach wie vor ist alles drin. Ist die Erleichterung der Anspannung gewichen?

Ich weiß gar nicht mehr, wann ich zuletzt entspannt in eine Trainingswoche gegangen bin. Vor Frankfurt war der Druck unglaublich. Vor Nürnberg habe ich mich richtig auf das Spiel, die Kulisse und die Aufgabe gefreut. Es war keine Zeit, den Sieg zu feiern. Wir haben ja noch nichts erreicht.

Neben Vallori fällt im Wildpark auch Gary Kagelmacher aus, die eingespielte Viererkette muss umgebaut werden. Ein großer Nachteil?

Klar, in den letzten Wochen hat sich die Abwehr so herauskristallisiert. Aber ich mache mir keine Gedanken. Kai Bülow beispielsweise hat im Training immer Druck gemacht. Das machst du nicht dafür, dass du auf der Bank hockst. Ich weiß ja, wovon ich spreche.

Vor der Winterpause verloren Sie Ihren Stammplatz.

Die ganze Hinrunde war mental brutal für mich. Am Ende habe ich gemerkt, wie die Akkus leer waren. Dass ich im ersten Spiel nach der Winterpause gegen Heidenheim auf der Tribüne saß, war wie ein Schlag ins Gesicht.

War diese schwere Zeit auch der großen Verantwortung als Spielführer geschuldet?

Ich habe viel zu sehr versucht, das Kapitänsamt ideal auszufüllen. Darunter hat meine Leistung gelitten.

Sie haben sich Ihren Platz zurückerobert. Wie haben Sie es aus diesem Loch geschafft?

Wenn man am Boden ist, lernt man, wer für einen da ist und nicht nur auf die Schulter klopft, wenn es gut läuft. Paulina (seine Freundin, Anm. d. Red.) und meine Familie haben gesagt: ‘Lass den ganzen Mist mal hinter dir. Einfach mal weg und abschalten.’ Ich war ein absoluter Leistungsmensch, dachte: ‘Abschalten, was soll das bringen?’ Dann bin ich mit Paulina unter anderem mal nach Venedig gefahren. Mit Abstand lernt man: Man kann nicht immer 100 Prozent Zweikämpfe gewinnen. Aber man kann ausstrahlen: Ich will unbedingt! So habe ich die Kurve gekriegt und kann das an andere Spieler weitergeben, bei denen es nicht so läuft.

Was können Sie Ihren Kollegen vor dem Abstiegsfinale mitgeben?

Es geht nicht nur mir so, sondern allen: Das geht an die Substanz. Es zehrt an dir, wenn dich diese Abstiegsangst die ganze Saison begleitet. Aber das muss man wegstecken und alles raushauen, was noch irgendwo drin ist. Der KSC will aufsteigen, hat auch viel zu verlieren. Wenn es länger 0:0 steht, kommt auch bei denen das Flattern, dann werden die Beine schwer.

Der VfR Aalen steht nun als erster Absteiger fest: Der Punkteabzug bleibt bestehen. Wer folgt Aalen?

Das hat keiner verdient. So viele Punkte wie da noch gesammelt wurden, das ist Wahnsinn. Das ist bitter, aber es muss ja zwei geben, die direkt absteigen. Es geht um die Existenz. Wenn wir nicht zweimal gewonnen hätten, hätte es auch für uns sehr düster ausgesehen. Wir haben noch eine schwere Aufgabe vor der Brust, die werden wir lösen. Und dann wird uns allen ein Mount Everest vom Herzen fallen.

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