Bayerische Staatsoper "Fester Samstag" im Nationaltheater

Holger Falk als König, der den Vögeln das Singen beibringen möchte Foto: Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper: Holger Falk singt „Eight Songs for a Mad King“ von Peter Maxwell Davies
 

 

Nicht nur gefesselt ist der verrückte König auf seinem Thron, der an einen elektrischen Stuhl gemahnt, sondern dazu noch im ganzen Gesicht weiß eingebunden, als ob er von den stummen Ärzten in ihren Kitteln und OP-Masken anonym gemacht werden sollte: Seine Vermummung bedeckt auch die Augen. So gesehen ist er noch übler dran als die 50 Zuhörer, die, auf der Bühne der Bayerischen Staatsoper postiert, in Coronazeiten den Mund-Nase-Schutz nicht abnehmen dürfen. Doch das kann man schon aushalten, zumal der Liederzyklus „Eight Songs for a Mad King“ („Acht Lieder für einen verrückten König“) von Peter Maxwell Davies nur eine halbe Stunde dauert.

Der Wahnsinn nimmt seinen Lauf 

Die Einschränkung vergisst man als Hörer außerdem schnell, weil man von Beginn an förmlich in die Handlung eingebunden ist. Geschickt nutzt die szenische Einrichtung von Andreas Weirich, eigentlich eine veritable Inszenierung, die gesamte Bühne. Die bedrohliche Ärzteschaft marschiert am Anfang zu dumpfen Trommelschlägen hinter den Zuschauern ein; praktischerweise kann man sich auf den einzelnen Stühlen, die im vorgeschriebenen Abstand postiert sind, gut zum Geschehen hin umwenden. Wenn der Wahnsinn des englischen Königs George III. (1738 - 1820), auf dem dieses Monodram basiert, seinen Lauf nimmt, bewegt sich der Hauptdarsteller Holger Falk, nun von der Maske befreit, um das Publikum herum, singt und spricht es direkt an, macht es zum Komplizen seiner Phantasmagorien: Er ist besessen davon, den Vögeln das Singen beizubringen. Der englische Komponist Peter Maxwell Davies, der 2016 starb, legte mit diesem 1969 uraufgeführten Werk eine seiner avantgardischsten Partituren vor.

Hinein in die glitzernde Showwelt 

Er zeigt die Geisteskrankheit des historischen Herrschers schonungslos naturalistisch: Das sechsköpfige Instrumentalensemble, gebildet aus Solisten des Bayerischen Staatsorchesters und unaufdringlich exakt geleitet von Olivier Tardy, steuert nur Klangfetzen bei, radikal vereinzelte, geräuschhafte Splitter, darunter unzusammenhängende musikalische Erinnerungen aus besseren Tagen, die nachvollziehbar machen, dass der Patient über keinerlei geistige und psychische Orientierung mehr verfügt. An einem Punkt singt Holger Falk die Flötistin an, die sich ihm jedoch spielend entzieht. Genau so stellt man sich als Laie eine solche Geisteskrankheit vor, und es ist denn auch diese sehr direkte Umsetzung, die einen heutigen Hörer fragen lässt, ob das Werk nicht doch ein wenig gealtert ist: Phasenweise wirkt die Musik wie der Soundtrack zu einem experimentellen Horrorfilm der 1960er Jahre. Gleichzeitig bietet dieser szenische Liederzyklus für den Sänger aber auch maximale Entfaltungsmöglichkeiten. Holger Falk füllt mit seinem sehnigen, nach Außen drängenden Bariton den riesenhaften Umfang der Partie beeindruckend aus, von den verhältnismäßig normal gesungenen Passagen über das hässlich schnarrende Strohbassregister, verzweifeltes Lachen und Kieksen bis hinauf in ein bemerkenswert schönes Falsett. Auf dem Höhepunkt der Knochenmühle imaginiert er sich in eine glitzernde Show-Welt hinein und tickt zu den Geisterbahn-Klängen einer verzerrten Vaudeville-Musik aus, bis er dem Geiger sein Instrument entreißt und auf dem Bühnenboden zertrümmert. Dass die Zuschauer hier nicht noch deutlich vernehmbarer schockiert nach Luft schnappen, liegt nur daran, dass sie selbst - Maske tragen.

 

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