Live-Übertragung, schusssicheres Glas Breivik-Prozess als Vorbild für NSU-Prozess

Der NSU-Prozess sorgt schon vor Beginn für internationalen Aufruhr. Norwegens spektakulärer Terrorprozess gegen Massenmörder Breivik zeigt: Es geht auch anders.

Berlin/Oslo – Als die norwegische Richterin Wenche Elisabeth Arntzen mit einem Hammerschlag den Prozess gegen Massenmörder Anders Behring Breivik eröffnete, sah ein ganzes Land zu.

Das Massaker mit 77 Todesopfern, noch mehr verletzten Jugendliche und hunderten trauernden Angehörigen hatte Norwegen in einen kollektiven Schock gestürzt. Tausende gingen in Blumenzügen gegen Gewalt auf die Straße, Ministerpräsident Jens Stoltenberg versprach „mehr Demokratie“ statt Hass. Den Prozessbeginn verfolgten Hunderttausende live im Fernsehen. Anders, als es im Münchner NSU-Prozess scheint, war Publikum gerade erwünscht.

Auch bei der internationalen Presse zog der Terrorprozess ein riesiges Interesse auf sich – allein rund 800 Journalisten von mehr als 200 Medien wollten live berichten. 193 Plätze fasst „sal 250“, der Hauptverhandlungssaal im Osloer Amtsgericht. Für den Terrorprozess wurde nicht nur der Raum umgebaut, sondern die gesamte erste Etage des Gerichtsgebäudes. Auf dem Weg ins Gericht mussten Besucher Sicherheitsschleusen wie im Flughafen passieren. Breivik war durch schusssicheres Glas im Rücken von den Angehörigen seiner Opfer getrennt.

Mehr als 80 Eltern und Geschwister der getöteten Jugendlichen durften die Verurteilung des Massenmörders direkt im Saal erleben. Rund 110 Plätze wurden an Journalisten vergeben. Hier ging das Gericht nicht nach Eingang der Akkreditierungen vor, sondern berücksichtigte zuerst das norwegische Fernsehen und große Zeitungen, dann internationale Nachrichtenagenturen und Fernsehsender wie CNN, BBC oder Al-Jazeera English. Auch Medien der skandinavischen Nachbarländer und sogar die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua waren live dabei.

Mehrere hundert Journalisten, die im Verhandlungssaal selbst keinen Platz bekommen hatten, konnten den Prozess in weiteren Räumen im Gericht, im Pressezentrum in einem Hotel und im Gebäude der nahegelegenen Zeitung „VG“ verfolgen. Alles, was an den 40 Verhandlungstagen im Gerichtssaal gesagt oder gezeigt wurde, wurde live dorthin übertragen – Breiviks Worte, die gefilmte Explosion seiner Autobombe in Oslo, Karten.

Für ausländische Journalisten gab es sowohl im Verhandlungssaal wie in einigen Zuschauerräumen Simultanübersetzung. Sie lobten die vorbildliche Organisation. Auch viele der Jugendlichen, die während des Amoklaufs auf der Fjordinsel Utøya verletzt worden waren, sahen aus einem Raum neben dem Verhandlungssaal zu. So konnten die Opfer dabei sein, ohne dass Breivik sie sah, konnten Gefühle zeigen und unter sich sein. Für andere Angehörige, denen der Weg nach Oslo zu weit war, wurde der Prozess in Gerichtssäle im ganzen Land übertragen.

Anders als in Deutschland sind in Norwegen Radio- und Fernsehübertragungen von Gerichtsverhandlungen mit Ausnahmen erlaubt. Beginn und Ende des Prozesses wurden daher auch live im Fernsehen gezeigt. Hier kam es trotz des sonst reibungslosen Ablaufs dann doch noch zum Streit – weil norwegische Journalisten wollten, dass der gesamte Prozess öffentlich gezeigt wird: Jedes von Breiviks grausamen, oft aber auch entlarvenden Worten.

 

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