Literaturhaus Rolando Villazón und sein Roman "Amadeus auf dem Fahrrad"

Rolando Villazón im Literaturhaus München. Foto: Catherina Hess

Die erste Lesung nach der Corona-Pause: Rolando Villazón stellt seinen Roman „Amadeus auf dem Fahrrad“ im Literaturhaus vor

 

Den Unterschied zwischen absoluten und relativen Zahlen scheint die Staatsregierung nicht zu begreifen. Deshalb geben wir hier noch einmal Nachhilfe in Wort und Bild, damit bis zum Wiederbeginn des Kulturbetriebs nach der Sommerpause eine weniger absurde wie die jetzt geltende Regelung gefunden wird, nach der lediglich 100 Personen in geschlossenen Räumen unabhängig von der Größe zugelassen sind.

Am Montag dirigierte Kirill Petrenko zum Abschluss der Spielzeit ein Konzert im ausverkauften Nationaltheater. Dabei blieben aufgrund des Hygienekonzepts 2000 Plätze frei. Am Mittwoch fand im Literaturhaus die erste Buchvorstellung nach drei Monaten Pause statt. Unter Beachtung der Abstandsregel von 1,5 Metern und mit nebeneinandersitzenden Paaren passten 50 Personen in einen Raum, der sonst 300 Menschen fasst.

Auf dem Sprung zum Bestseller

Man könnte auch noch über den unterschiedlichen Einsatz von Desinfektionsmitteln spotten. Aber wenden wir uns lieber dem Anlass des Abends im Literaturhaus zu: dem soeben erschienenen dritten Roman von Rolando Villazón, dessen erste Auflage von 8000 Exemplaren bereits verkauft ist und den der Rowohlt-Verlag bereits nachdrucken muss.

„Amadeus auf dem Fahrrad“ heißt das 400 Seiten starke Buch, und naturgemäß spielt es in Salzburg, wo Villazón als Intendant der immer Ende Januar stattfindenden Mozartwoche wirkt. Weil es von einem mexikanischen Bariton handelt, der bei den Sommerfestspielen als Komparse auftritt, und der Autor bekanntlich Tenor ist, könnte man auf allerlei dumme Gedanken kommen. „Das Buch ist komplett autobiografisch und zugleich gar nicht autobiografisch“, sagt der Autor dazu.

Da ist Villazón ganz nah bei Mozart, dessen Musik entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil kaum die Stimmung des Komponisten zum Zeitpunkt der Entstehung abbildet, wie Villazón eingangs im Gespräch mit Dorothea Hußlein klarstellte. Aber natürlich spiegelt es die Erfahrungen des Autors im Opernbetrieb und selbstverständlich enthält es Porträts von Kollegen wie die Schilderung eines Fahrradunfalls, in den Cecilia Bartoli verwickelt wird, die „anerkannteste, die berühmteste Mezzosopranistin der Welt“.

Ein kongenialer Vorleser

Stefan Wilkening las eine schöne Passage, in der Villazón poetisch, klug und heiter anhand von Wagners „Tristan“ den Unterschied zwischen einer berühmten Plattenaufnahme (natürlich von Furtwängler) und dem Erlebnis einer Aufführung unter Daniel Barenboim im Bayreuther Festspielhaus schildert. Einen besseren Partner wie den Schauspieler hätte Villazón kaum finden können: Er liest mit einem ähnlich heiteren Enthusiasmus und liebt ähnlich raumgreifende Gesten.

Angesichts dessen, dass der Übersetzer Willi Zurbrüggen so begeistert gelobt wurde, darf einen ein wenig wundern, dass in dem Roman von einem „Würstchenstand“ die Rede ist, der in Salzburg „Würstelstand“ heißt. Und für die verkauften scharfen Bratwürste gibt es auch einen örtlichen Ausdruck, der zwingend zum Salzburger Lokalkolorit gehören müsste, das sonst ausgesprochen lebendig geraten ist.

Das Liebespaar kommt sich bei einem Gespräch über Antonin Artaud, Arthur Rimbaud und Franz Kafka radelnd näher. Villazón hat in seinem Roman außerdem Anspielungen auf Boris Vian und Hermann Hesse versteckt. Den letzteren schätzt er seit seinen ersten Leseerfahrungen: Weil er nach Jack Londons „Ruf der Wildnis“ ein weiteres Buch mit einem Tier als Hauptfigur lesen wollte, griff er zum „Steppenwolf“, der seine Erwartungen nicht ganz erfüllte, dem er aber bis heute treu geblieben ist.

Kultur gibt es nicht gratis

Das Fahrrad versteht Villazón als Symbol der Freiheit. Und wie es sich für einen weit gereisten Weltstar gehört, war natürlich auch vom Fliegen die Rede und dem Widerspruch der zulässigen Enge in der Kabine und den Restriktionen für Literatur- und Opernhäuser. Das Thema, so ist zu fürchten, wird uns noch eine Weile begleiten.

Villazón warnte eindringlich vor der durch das Streaming genährten Vorstellung, Kultur gebe es gratis. Dafür gab es Applaus, und das Literaturhaus handelte in seinem Sinn: Es übertrug die Lesung kostenpflichtig ins Internet: Es gab 250 Zugriffe an 180 Endgeräten, und sicher hatten die nicht nur einen Zuschauer. Das sind nicht so viele wie beim Gratis-Stream der Staatsoper, aber trotzdem darf man darauf anstoßen. Und das geschah auch: Auf das im Roman fallende Stichwort „Champagner“ wurde ein Tablett mit gefüllten Gläsern gebracht, damit Literaturhaus-Chefin Tanja Graf mit Villazón auf den Neubeginn und ein schönes Sommerbuch anstoßen konnten.

Rolando Villazón: „Amadeus auf dem Fahrrad“ (Rowohlt, 416 S., als Hardcover 26 Euro, als E-Book 19,99)

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