Literaturhaus München Tanja Graf ist die neue Leiterin des Literaturhauses

Tanja Graf Foto: Christian_M_Weiss

Am 1. Juli 2016  beginnt im Münchner Literaturhaus ein neues Kapitel. Reinhard Wittmann verlässt nach fast 20 Jahren das Haus, auf ihn folgt die neue Leiterin Tanja Graf.

AZ: Frau Graf, für Franz Müntefering war der SPD-Vorsitz „das schönste Amt neben dem Papst“, das könnte man doch auch über die Leitung des Literaturhauses sagen.

TANJA GRAF: Für mich als leidenschaftliche Büchervermittlerin gilt das auf jeden Fall. Es fühlt sich an wie eine Fortsetzung dessen, was mir als Lektorin und Verlegerin am meisten Freude gemacht hat: interessante Autoren zu entdecken für ein möglichst großes Publikum. Besonders freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit dem großartigen Literaturhaus-Team. Also, ja es ist die schönste Aufgabe für mich – und es ist der schönste Arbeitsplatz der Stadt mit Blick auf die – bald wieder in frischem Glanz erstrahlende – Theatinerkirche.

Gerade die kleineren Verlage fühlten sich bisweilen von ihrem Vorgänger Reinhard Wittmann ein bisschen vernachlässigt. Sie haben jahrelang als Verlegerin die schwierige Marktlage eines Kleinverlags selbst erfahren. Werden Sie ein offeneres Ohr haben?

Alke Wendlandt hat im Literaturhaus bereits vor zehn Jahren den sehr erfolgreichen Markt für unabhängige Verlage eingeführt, „Andere Bücher braucht das Land“. Dieses Konzept gibt es nun sogar auch in anderen Städten. Ich möchte wichtige, gute Bücher vorstellen, egal in welchen Verlagen sie erscheinen. Es stimmt, gerade bei kleineren, unabhängigen Verlagen kann man oft tolle Entdeckungen machen. Das soll sich auch künftig in unserem Programm widerspiegeln. Nur ein Beispiel: Im Herbst kommt die bengalisch-französische Autorin Shumona Sinha zu uns, ihr brisanter Roman „Erschlagt die Armen“ ist in der Edition Nautilus erschienen. Wir werden sicher auch neue Lesungskonzepte ausprobieren, bekannte mit unbekannteren Autoren zusammenspannen, wo es thematisch passt. Das Literaturhaus soll jedoch nach wie vor nicht für „the happy few“ sein, sondern für alle, die Bücher lieben. Aber wir wollen uns auch was trauen.

Kann man die Schlagzahl der Lesungen noch erhöhen?

Vermutlich nicht sehr, wir wollen uns ja nicht im eigenen Haus Konkurrenz machen. Man kann vielleicht noch ein bisschen mit den Anfangszeiten experimentieren, mehr frühere Lesungen, oder auch mal nächtliche, also um 22 Uhr.

Wie würden Sie ihre eigenen literarischen Vorlieben beschreiben?

Ein Buch muss relevant sein, muss einen starken, einzigartigen Ton haben. Das gilt für Belletristik gleichermaßen wie für Sachbücher. Der Text muss den Leser ästhetisch oder inhaltlich packen, am besten beides. Meine persönlichen literarischen Vorlieben, - zum Beispiel Klassiker der Moderne oder Reiseerzählungen – werden sicher hin und wieder Eingang ins Programm finden. Aber das Literaturhaus soll weiterhin ein breites, abwechslungsreiches Spektrum bieten: Debüts, internationale Autoren und Bücher auch aus Politik, Wirtschaft, Geschichte, Kunst. Unverändert hoch soll der Qualitätsanspruch sein. Und da neuerdings sogar von Männern „mehr Feminismus!“ gefordert wird, beugen wir uns dem gerne und lassen das programmatisch erkennen, aber natürlich ganz undogmatisch. Ein Beispiel: Am 19. Juli stellt die großartige österreichische Fotografin Elfie Semotan ihre Autobiografie vor: Wie sie aus einem kleinen österreichischen Dorf nach Paris gegangen ist, um dort eine Weltkarriere zu starten, und das auf einem Gebiet, das damals noch mehr Männerdomäne war als heute: dem der bildenden Kunst. Was hat das mit Literatur zu tun? Elfie Semotan zeigt, wie mit Bildern Leben erzählen kann.

Gibt es noch Aufgaben, die neu für Sie sein werden?

Die Literatur- und Verlagsszene ist wie eine große Familie, alle kennen sich. Was für mich neu sein wird, ist die Kooperation mit anderen Kulturinstitutionen, mit Museen beispielsweise, und wir wollen auch mehr Musik ins Literaturhaus bringen. Daraus werden sich viele neue Begegnungen und Aufgabenstellungen ergeben.

Werden Sie die Räume im Haus anders bespielen, die Galerie ist ja eigentlich der schönste Ort für Veranstaltungen.

Reinhard Wittmann hat den Programmpunkt der Ausstellungen in der Galerie so erfolgreich gemacht, dass es schade wäre, darauf nicht weiter aufzubauen. Wir versuchen gerade, einen Teil der großen Houellebecq-Ausstellung aus Paris im nächsten Jahr nach München zu holen, was toll wäre. Ausstellungen sind auch deshalb so wichtig, weil man damit einen thematischen Schwerpunkt setzen kann. Also: Zum Glück haben wir im Literaturhaus viele schöne Orte für Veranstaltungen, auch atmosphärisch besondere wie die Bibliothek. Am spektakulärsten bleibt das Foyer mit seiner Glasfront über der Stadt.

Indirekt hat Ihnen Herr Wittmann ein Geschenk gemacht, indem er sich um die Helmut-Dietl-Ausstellung bemüht hat, die Sie nun im September eröffnen werden.

Wir alle sind sehr optimistisch, dass diese Ausstellung ein Publikumsmagnet wird. Es wird eine Hommage an den großen literarischen Autor Helmut Dietl, der in seinen Serien der Stadt München ein unvergleichliches Denkmal gesetzt – und damit in Varianten immer auch seine eigene Biografie geschrieben hat. Für ihn war die Grenze zwischen Kunst und Leben fließend, das heißt, eigentlich gab es keine. Jedenfalls freuen wir uns auf die wunderbaren Lesungen und Abende, die wir zum Thema „Der ewige Stenz – Helmut Dietl und München“ gestalten werden.

Volker Isfort

 

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