Literaturfest München Albert Ostermaier: "Wir müssen mehr für Flüchtlinge tun"

Der Münchner Schriftsteller Albert Ostermaier leitet das Forum Autoren des Literaturfests. Foto: Volker Derlath

Der Münchner Schriftsteller Albert Ostermaier leitet das Forum Autoren des Literaturfests

 In der Reihe „Front: Text“ versammelt Albert Ostermaier Autoren, Künstler, Politiker sowie Flüchtlinge und Exilanten zu Lesungen, Diskussionen, Spoken Word Acts und einem internationalen Fußball-Freundschaftsspiel. Wichtig ist Ostermaier, dass nicht nur über ein Thema gesprochen wird, sondern mit den Beteiligten im Austausch. Bereits im Vorfeld des Festivals reisen deutsche Autorinnen und Autoren in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in Krisengebiete, um darüber zu schreiben. In München lesen Starautoren wie Jenny Erpenbeck, Navid Kermani, Martin Mosebach und Salman Rushdie.

AZ: Herr Ostermaier, Sie schreiben für die kommenden Wormser-Festspiele ein Stück über das Nibelungen-Epos. Das ist doch quasi ein Kernstück der deutschen Leitkultur, oder?

ALBERT OSTERMAIER: Wenn wir ehrlich sind, kennt doch kaum ein Deutscher das Nibelungenlied oder könnte diese Dichtung nacherzählen. Und wenn jetzt in der Politik wieder jemand so einen unsinnigen Kampfbegriff wie „Leitkultur“ etablieren möchte, dann sollte er sich vielleicht erst einmal selbst vergewissern, was er damit meint. Wenn nur diejenigen Deutsche sein dürften, die Ahnung von deutscher und abendländischer Kultur haben, dann wären wir hier dünner besiedelt als die Wüste. Das Grundgesetz als „Hausordnung“ ist doch vollständig genug.

Sie bereiten Ihr Festival „Front:Text“ seit einem Jahr vor. Was sind Ihre Erfahrungen mit einem Thema, das täglich an Relevanz gewonnen hat?

Man kommt momentan bei fast jeder Begegnung mit Menschen auf das Thema zu sprechen. Und ich merke schon, dass eine Wende offensichtlich wird. Auf einmal kommen Ressentiments hoch, und Menschen trauen sich jetzt, reaktionäre Dinge zu sagen, die sie vorher nie gewagt hätten. Mich nerven diese ganzen Begriffe wie „Flüchtlingskrise“. Die Flüchtlinge haben doch nicht die Krise verursacht, sie sind schlicht Opfer von Diktaturen und Bürgerkriegen. Wenn jetzt Wolfgang Schäuble von „Lawine“ spricht, dann ist das fatal. Man muss sich mal vorstellen, was das für Metaphern sind! Durch solche Bilder lädt man geradezu ein zu Vorurteilen und Gewalt.

Das müssten die Politiker eigentlich auch wissen. Sie überbieten sich aber in den letzten Tagen mit solchen Äußerungen.

Das Ganze ist doch absurd. Jeder weiß, dass die verbale Aufrüstung überhaupt nichts bringt. Kein Symptom der Krise wird dadurch verändert, kein Flüchtling auf seinem Weg nach Europa aufgehalten. Das ist reine Propaganda. Bei einem Thema, das unsere Zukunft so maßgeblich bestimmen wird, so leichtsinnige Parteipolitik zu machen und Ängste zu schüren, ist traurig und gefährlich.

Sie haben für Ihr Festival auch Schriftsteller nach Albanien, Lampedusa und ins türkisch-syrische Grenzgebiet geschickt. Deren Texte werden nun in München präsentiert. Ist das nicht eigentlich Journalismus?

Es ist doch nicht jede Wahrnehmung Journalismus! Es geht darum, wie sie ihre Wahrnehmungen vor Ort verarbeitet haben. Sie sind keiner Objektivität verpflichtet. Die Autoren hatten auch keine formalen Vorgaben. Sie können Gedichte schreiben, Impressionen, Kurzgeschichten. Ich finde es spannend zu erfahren, was sie wahrgenommen haben, wie daraus Literatur wird, welchen Schwerpunkt sie gesetzt haben. Manchmal kann auch ein literarischer Blickwinkel näher an der Wahrheit sein als eine Reportage.

Rainald Goetz hat vergangene Woche in seiner Büchnerpreisrede den Aktualitätswahn von Literatur kritisiert und von „parapolitischen Trivialitäten“ gesprochen. Sein Credo: „Literatur braucht Zeit.“

Aber gerade Rainald Goetz hat sich zu allem geäußert, und zwar so zeitnah wie kaum ein anderer Autor. Das ist ein ganz großes Glashaus, das um seine Steine herum gebaut ist. Außerdem sind das völlig falsche Kriterien. Vielleicht gibt es erst in zwanzig Jahren den großen Roman über das Thema. Aber vielleicht entsteht er auch gerade im Moment. So war es doch immer in der Literaturgeschichte. Manchen Autoren gelingt es, dass sie aus einer unmittelbaren Erfahrung heraus Wahrheit einfangen können und verdichten. Beim Festival aber geht es ganz sicher nicht darum, dass wir alle spontan entstandenen Texte in Nobelpreisnähe rücken. Es geht um den spannenden Austausch. Der Münchner Poetry-Slammer Pierre Jarawan hat beispielsweise mit jungen Flüchtlingen Texte erarbeitet. Ich kenne sie noch nicht und bin sehr gespannt auf den Abend.

Das gehört zu Ihrer Grundidee: Möglichst viele Stimmen von Außen sprechen zu lassen.

Wenn wir Fluchtgründe und Einzelschicksale verstehen wollen, müssen wir den Autoren aus diesen Ländern zuhören. Aber nicht nur den Autoren. Wir müssen die Flüchtlinge auch als Geschenk sehen. Wir können von ihren Erfahrungen profitieren. Aber wir stehen an einer Zeitenwende, und es müssen jetzt alle Kräfte mobilisiert werden. Es geht nicht nur um das Willkommenheißen, wir müssen auch neu definieren, was Deutschland überhaupt ist. Wir müssen jetzt mit viel mehr Nachdruck die Menschen integrieren. Die Politiker reden immer alle von Dramatik, haben diese aber überhaupt nicht erkannt. Wenn wir jetzt handeln, können wir die Zukunft auch gestalten. Aber wenn man die Flüchtlinge Monate warten lässt, bis sie überhaupt die Asylanträge stellen können und sie Ewigkeiten nicht arbeiten lässt, dann ist das nicht hilfreich. Jeder von uns, der mit Dutzenden von anderen Menschen über Monate in einem Raum leben müsste, würde verrückt oder aggressiv werden. Das sind ganz klare psychologische Mechanismen, die für alle Menschen gelten.

Oskar Maria Graf - ein Beispiel für mangelnde Integration

Sie bleiben optimistisch, dass unsere Gesellschaft die Aufgabe bewältigen kann?

Natürlich. Aber man darf auch nicht so tun, als seien wir eine homogene Gesellschaft, die nun durch „Fremde“ bedroht wäre. Es gibt zahlreiche Deutsche, die überhaupt nicht integriert sind. Ich bin jetzt besonders sensibilisiert, aber die Erfahrungen sind schon krass: Ob am Flughafen oder im Stadion: Jeder, der ausländisch aussieht, wird von den Sicherheitskräften angebellt und geduzt. Sofort wechselt die Tonlage. Das ist schon bedenklich.

Gibt es einen Abend, der in seiner Bedeutung heraussticht?

Ich freue mich auf jeden. Und wir bieten für das Publikum vom Fußballspiel über Konzerte und Diskussionen sehr viele verschiedene Einstiegsmöglichkeiten. Aber es gibt ein ganz besonders wichtiges Buch: Der argentinische Autor Martín Caparrós stellt sein Buch „Hunger“ vor – ein monumentales Werk über die globale Hungerkatastrophe: Als die Gelder für die Flüchtlingshilfe gestrichen wurden, haben sich Hunderttausende aus den Lagern in Bewegung gesetzt. Wenn man die Familie nicht mehr ernähren kann, muss man fliehen. Caparrós bringt viele Probleme auf den einen Punkt. Auch die künftigen Klimaflüchtlinge fliehen ja vor Hunger. Dieses Werk müsste Schullektüre werden.

Sie haben sich jetzt ein Jahr in dieses Thema hineingekniet. Wird es Ihr eigenes Schreiben beeinflussen?

Die Endphase der Vorbereitung auf so ein Festival ist ein permanenter Ausnahmezustand, da komme ich nicht zum Schreiben. Glücklicherweise habe ich mit Heike Braun eine tolle Hilfe. Sie ist so etwas wie das Rückgrat des Festivals. Wir müssen auch improvisieren und reagieren – bis zum letzten Moment. Wir wollen ja keine Repräsentationskunst machen, sondern ein lebendiges Festival, das auf die Zeit reagiert. Aber ich kann mir nur schwer vorstellen, wie ich dieses existenzielle Thema nach dem Festival beiseitelegen sollte. Ich denke jetzt auch oft an die deutsche Exilliteratur.

Wir wissen ja, wie stark die meisten Ihre Heimat vermisst haben.

Das Exil war ja auch kein Paradies. Wenn man bedenkt, welche Probleme selbst ein weltbekannter Autor wie Brecht im Exil hatte. Wir sitzen ja hier im OskarMaria. Graf war doch ein wirklich hervorragendes Beispiel für mangelnde Integration: Der Flüchtling Oskar Maria Graf weigert sich, Englisch zu lernen, weil er Angst hat, dass ihm das die deutsche Sprache versaut. Und dann rennt er in Lederhosen durch New York.

 

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