Literatur Voll auf die Kokosnuss

Der heute 45-jährige Autor Christian Kracht wurde 1995 durch seinen Roman „Faserland“ populär. Foto: Frauke Finsterwalder

Christian Kracht erzählt in seiner wilhelminischen Aussteigersaga „Imperium” die Lebensgeschichte des realen Nudisten August Engelhardt und wird dafür vom „Spiegel” politisch hart kritisiert

 

Nichts befeuert den Literaturbetrieb so sehr wie eine kleine Erregung. Nun hat es Christian Kracht erwischt, den Altmeister des neuen deutschen Popromans („Faserland” 1995), den Snob mit stilprägender Clique („Tristesse Royal”) und den Provokateur: Schon 2007 hatte die „SZ” den Vorwurf erhoben, Kracht stöbere bedenklich nah am rechten Rand herum.

Anlass war damals ein Interview mit dem US-Komponisten David Woodard im Magazin „Zwielicht”. Darin hatten beide laut über den Wiederaufbau der deutsch-nationalen Siedlung Nueva Germania in Paraguay als „arisches Zentrum” nachgedacht.

In seinem neuen Roman „Imperium” beschreibt der weltgewandte Schweizer, der auch im indischen „Spiegel”-Büro arbeitete, fiktiv die Lebensgeschichte eines realen Aussteigers: Der Franke August Engelhardt (1875 – 1919) entfloh 1902 der ihn beklemmenden Moderne des deutschen Kaiserreiches, um in „Neupommern” in der Südsee, auf einer kleinen Insel, seine eigene Lebensgemeinschaft zu gründen.

Und weil der kommentierende Erzähler im Roman den Vegetarier Engelhardt mit einem anderen Zeitgenossen und Vegetarier (Hitler) kurzschließt, wollte der Journalist Peter Richter vergangenen Sonntag in der „FAS” schon Wetten darauf abschließen, „wann der erste Depp über das Stöckchen springt, das Krachts wichtigtuerischer Erzähler ihm hinhält, und Engelhardt, den Erzähler oder sogar Kracht selbst zum Nazi erklärt”. Er musste nicht lange warten.

Schon montags wunderte sich Georg Diez auf vier Seiten im „Spiegel” über das „erstaunlich rechte Gedankengut” und wurde schon nach wenigen Seiten in „Imperium” fündig: „Dieser Bericht spielt ganz am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts”, schreibt Kracht, „welches ja bis zur knappen Hälfte seiner Laufzeit so aussah, als würde es das Jahrhundert der Deutschen werden, das Jahrhundert, in dem Deutschland seinen rechtmäßigen Ehren- und Vorsitzplatz an der Weltentischrunde einnehmen würde.”

„Wer denkt so?”, fragt der „Spiegel”-Autor Diez, die Antwort aber dürfte ihm nicht in die Karten spielen. Vom „deutschen Jahrhundert” ist beispielsweise in Fritz Sterns Buch über Einstein ebenso die Rede wie in der 1000seitigen Kulturgeschichte „Der deutsche Genius” des langjährigen „Sunday Times”-Herausgebers Peter Watson. Selbstverständlich verstehen sich die Aussagen allein auf die Zeit bis zu Hitlers Machtergreifung. Dass Diez „Imperium” aber als „Stellvertreter- und Aussteiger-Saga über Hitler” gelesen haben will, ist schlicht unverständlich.

„Imperium” ist Krachts bislang bestes und unterhaltsamstes Buch, ein herrlich komischer Abenteuerroman und ein ironischer Kommentar zu den wilhelminischen Expansionsträumen. Engelhardt, der esoterische Spinner, will ein Reich aus Nudisten bilden, die sich ausschließlich von Kokosnüssen ernähren. Der „kokovore Sonnenmensch” bringt es durch seine Briefe nach Europa zu einer gewissen Berühmtheit. Es gibt gar furchtlose Pilger wie den Pianisten Max Lützow, die ihm ins geschilderte Paradies folgen möchten. Aber dort lernt der Gast schnell die Schattenseiten des Lebens kennen, denn Engelhardt hat sein „Imperium” nur auf den morschen Pfeilern seines eigenen Wahns aufgebaut.

Christian Kracht: „Imperium” (Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 18.99 Euro)

 

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