Literatur So ist der neue Bond

Autor William Boyd bei der Buchpräsentation in London.Foto: dpa Foto: Volker Isfort
 

William Boyd schickt 007 im Roman "Solo" nach Afrika, aber Ian McEwan schreibt mit "Honig" den intelligenteren Geheimdienstroman

James Bond hat Albträume aus seinem Einsatz im Zweiten Weltkrieg, er verliebt sich ernsthaft, verliert die Contenance, steigert sich in dumpfe Rachegefühle und schämt sich gelegentlich sogar für seine Brutalität. Man spürt im Roman „Solo“, dass sich Autor William Boyd alle Mühe gegeben hat, als offiziell eingesetzter Bond-Autor einerseits der Tradition zu folgen, den Helden aber emotional ein wenig facettenreicher zu gestalten als er in seinen Kinoabenteuern sein darf. Boyds Einsatz ist rundum gelungen, „Solo“ dürfte die 007-Fangemeinde begeistern.

Der 61-jährige in Ghana geborene Brite hat sich schon häufig mit dem Genre des Spionageromans auseinandergesetzt, dass sein Meisterwerk „Eines Menschen Herz“ dabei deutlich literarischer ausfällt als Bonds „Solo“ liegt an der Vorlage. Schließlich hatte schon Bond-Schöpfer Ian Fleming nicht die Hochkultur im Sinn, als er vor genau 60 Jahren den Superagenten in sein erstes Abenteuer „Casino Royal“ schickte. Immerhin aber bewaffnet Boyd seinen Helden mit Graham Greenes Afrika-Roman „Das Herz aller Dinge“ (und einer Flasche Whiskey), als er ihn im Jahr 1969 in den westafrikanischen Fantasiestaat Zanzarim schickt, der im Bürgerkrieg mit der Region Dahum liegt, es geht um riesige Ölvorkommen. „Den Krieg beenden, was sonst“, lautet Ms lakonischer Auftrag, Großbritannien wünscht Frieden in der einstigen Kolonie (und den Zugang zu den Ölvorräten für BP) und dafür soll Bond den legendären Oberbefehlshaber der Streitkräfte von Dahum ausschalten.

Die Parallelen zum realen Nigeria-Biafra-Krieg sind offensichtlich, diesen hat Boyd bereits in „Eines Menschen Herz“ thematisiert. Getarnt als Reporter einer französischen Nachrichtenagentur soll er nachsehen, wie es die Dahumer schaffen, Widerstand gegen die haushoch überlegene Zentralmacht zu leisten. Bald schon stößt Bond auf einen geheimnisvollen Millionär, der nächtliche Versorgungsflüge organisiert, und Boyd gönnt dem Geheimagenten einen geradezu napoleonischen Auftritt als militärischer Stratege der Schlacht am Kololo-Staudamm. Wie der immerhin 45-jährige Bond sein anstrengendes Afrika-Programm aus Krieg und Verführung bewältigt, ist ebenso beeindruckend wie der detailliert aufgelistete Konsum des Kettenrauchers und harten Trinkers.

Das titelgebende „Solo“ startet der knapp dem Tod entronnene Bond im letzten Drittel des Buches als privaten Rachefeldzug. Denn wer sich an Bettgefährten des Agenten vergeht, für den hat 007 keine diplomatische Lösung mehr im Sinn. Lucy Fleming, Nichte des Bond-Erfinders, erinnerte bei der Buchvorstellung letzte Woche in London an die Maxime ihres Onkels: „Bücher müssen es schaffen, dass der Leser umblättert.“ Diesen Auftrag hat Boyd zu vollster Zufriedenheit erfüllt, auch wenn er ohne die Fesseln einer weltbekannten Figurenvorgabe schon bessere Bücher verfasst hat.

Zeitgleich kommt bei uns auch Ian McEwans neuer Roman „Honig“ in die Buchläden, der sich dem Spionageroman auf eine weniger plakative, aber intelligent-doppelbödige Weise nähert. Im London der frühen 70er Jahre gerät die junge und hübsche Cambridge-Absolventin Serena Frome in Kontakt mit dem britischen Inlandsgeheimdienst MI5. Sie soll aufstrebende Jungautoren ködern und mit finanziellen Zuwendungen auf Linie bringen. Denn im Königreich sorgt man sich um die gesellschaftliche Stimmung. Warum sieht die Jugend im Kalten Krieg nicht mehr den Kommunismus als Todfeind sondern das eigene, angeknackste kapitalistische System?

McEwan, einer der großen zeitgenössischen Autoren, widmet sich nach seinem zwar komischen, aber etwas leichtgewichtigen Bestseller „Solar“ nun zentralen Fragen zur Verführungskraft des Wortes, dem Zusammenhang von Politik und Propaganda. Aus diesem theoretisch anmutenden Kampf um Ideen und Köpfe formt McEwan einen wahnwitzig spannenden Roman mit viel Zeitkolorit des Swinging London und hochinteressanten Ausflügen in die literarische Geschichte der Geheimdienste – hier bekommt auch Ian Fleming seinen kleinen Auftritt. Und wie es sich gehört in diesem Netz aus Verrat, Vertrauen und Liebe, kann auch der Leser bis (fast) zuletzt nicht sicher sein, ob hinter dieser Geschichte nicht noch eine ganz andere Wahrheit schlummert. 

William Boyd: „Solo“ (Berlin Verlag, 365 Seiten, 19.99 Euro);
Ian McEwan: „Honig“ (Diogenes, 460 Seiten, 22.90 Euro)

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