Literatur Menschen und Leere: Land und Fluss

 Foto: Sony

Natürlich lassen sich die USA von Nord nach Süd nicht komplett zu Fuß durchwandern. Irgendwann hören Landstraßen auf, gibt es nur noch Highways oder in den Städten keinen Gehweg. Darüber hinaus machen Schneefall, starker Wind oder brennende Sonne das Weiterwandern zu einer zu großen Strapaze.

 

Ohnehin gehört das Einsteigen in ein Auto zum Erfahrungs-Inventar einer USA-Reise. Und so sitzt Wolfgang Büscher in seiner Reise-Erzählung „Hartland – Zu Fuß durch Amerika” doch bald auch einmal in einem roten Dodge auf dem Weg nach Rapid City in South Dakota. Hier gibt er das Auto ab, um weiter zu Fuß zu gehen, auf seinem 3-monatigen Weg durch die amerikanische Landschaft, was an der kanadischen Grenze beginnt und in Mexiko enden wird.

Eine romantische Figur ist dieser Weltenwanderer, einer, der seine Umgebung nicht an sich vorbeifliegen lassen, sondern Land und Leute unmittelbar, mit Zeit und großem Atem kennen lernen will. Büscher legte schon die Strecke Berlin-Moskau zurück oder schnürte 2006 für eine ebenfalls drei Monate lange Deutschlandreise die Schuhe.

Hinter seinen Touren steckte immer Pioniergeist, der ihn jetzt fast folgerichtig in die USA geführt hat. Wobei Büscher hier nicht der Geschichte der Grenzverschiebung folgt – sonst wäre er von Ost nach West gewandert – sondern die Essenz begreifen will, über das Land, das sich ihm Schritt für Schritt erschließt.

Es ist vornehmlich ein Amerika der Leere – zunächst die baumlose Prärie von North Dakota, dann die Great Plains. Oft zeigt sich der Kontinent menschenleer, voller Geisterstädte, wie das titelgebende Hartland, ein Kaff mit ein paar Häusern, das früher mal Heartland hieß. Zerfall und Ruinen, auch das findet Büscher im Land der Freiheit.

Büscher zieht an den Menschen vorbei, betrachtet sie interessiert, erhöht sie auch mal mythisch, wie einen Rodeoreiter: „Auf meiner Wanderung durch Nebraska hatte er sich allmählich materialisiert, war aus dem Dunst aufgetaucht wie eine Figur aus einem der rotstichigen Western meiner Kinojugend.”

Näher kommt der 59-Jährige keinem, er muss weiter und bleibt bei sich, ein Europäer im Ausland, der begeistert ein Stück Heimat genießt, als er im texanischen Lexington in einen gefüllten Krapfen beißen darf.

Es hat was Befreiendes, Büschers Tour, seiner Stimme zu folgen, seinem Weg nach Süden, der keine erzählerischen Zwänge kennt. Ein Ziel, Mexiko, gibt es, aber keinen erzählerischen Zug. Büscher streut ein: den Schnee, den Wind, die Sonne, einen Adler, der am Himmel fliegt, das Lied, das ihm die Landschaft singt, seine Begegnungen mit Halbindianern und Südstaaten-Ladys, sein Wissen über geschichtliche Wegmarken, das Schicksal von Sitting Bull, das Massaker von Waco.

Dass der Reisende seine Eindrücke ins Universelle überhöht, uns erzählen will, was Amerika ist, das möchte man schon hören, aber man wünscht ihm manchmal einen frischeren Blick: auf die Unterschicht etwa, die mit ihm im Bus nach Oklahoma sitzt, auf die er mit spießiger Pikiertheit reagiert. Am Ende „ein sich leerender Greyhound-Bus und im Ohr die Heillosigkeiten und Zoten der Fahrt, schrill dargeboten, belohnt mit dem ordinären Auflachen der anderen...”.

Konnte Büscher anfangs die kanadischen Grenzposten nur mit Mühe passieren, so fällt am Ende der Gang über den Rio Grande nach Mexiko leicht. Ein Drehkreuz, 65 Cent zahlen, und man ist drüben. Allein das erzählt viel. Die Reise hat sich gelohnt.

Wolfgang Büscher: „Hartland – Zu Fuß durch Amerika” (Rowohlt, 304 S., 19.95 Euro)

 

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