Literatur Kriminelle Herrenmenschen-Mentalität

Der dänische Krimi-Autor Jussi Adler-Olsen erschreckt gelegentlich über den Wahrheitsgehalt seiner Thriller. Foto: Lenz/dapd

Der nächste Bestseller mit Sogwirkung: Jussi Adler-Olsens „Verachtung”

Der Mann ist ein Phänomen: Mit drei Fällen um seinen Kommissar Carl Mørck vom Kopenhagener Sonderdezernat Q hat sich der dänische Autor Jussi Adler-Olsen als Dauergast auf der Bestsellerliste eingenistet.

Vier Bücher, Lizenzen in über 30 Länder und eine Auflage von 2,5 Millionen allein in Deutschland sprechen eine klare Sprache: Der 62-jährige Journalist und Komponist weiß genau, wie man die Nerven der Leser zum Schwingen bringt.

Morgen erscheint mit „Verachtung” der vierte Mørck-Krimi, ein komplexes, 540seitiges Buch der Rache, in dem Adler-Olsen auch ein grausames Kapitel der dänischen Geschichte beschreibt: Fast vier Jahrzehnte, bis 1961, gab es auf der Insel Sprogø eine Anstalt, in der für moralisch verwerflich gehaltene und kriminelle Frauen interniert wurden. Tausende von ihnen wurden zwangssterilisiert – auch Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Debatte über die menschenverachtende Eugenik der Nazis. „Hier liegt ohne jeden Zweifel die systematischste Schweinerei vor, die ich je im Leben gesehen habe. Herrenmentalität und Unterschiedsbehandlung in Reinkultur”, empört sich Mørcks Mitarbeiterin. Aber es ist klar, dass hier der Autor spricht.

Schon im „Alphabethaus” hat Adler-Olsen das Anstaltsthema mit Nazis und geheimen Menschenversuchen verquickt. Ein persönliches Trauma, da sein Vater Psychiater und Klinikleiter war und der Autor im direkten Umfeld von psychiatrischen Einrichtungen aufwuchs - auch wenn diese vergleichsweise harmlos war.

Jussi Adler-Olsen ist kein begnadeter Stilist. Der mürrische Mørck strahlt nicht die metaphysische Einsamkeit von Kurt Wallander aus, etliche Figuren in diesem epischen Buch gleichen eher Karikaturen. Doch das sind alles Lappalien, denn in der Königsdisziplin, der Spannung, braucht der Autor keine Konkurrenz zu fürchten. Fünf Jahrzehnte umfasst die „Verachtung” und erzählt die Lebensgeschichte der jungen Nete, die erstes Opfer des Gynäkologen Curt Wad wurde. Während dieser einen Geheimbund aufbaut, um Abtreibungen und ungewollte Sterilisierungen vorzunehmen, gelingt dem Heimkind Nete ein wundersamer, gesellschaftlicher Aufstieg – und sie dürstet nach Rache.

Mørcks Ermittlungen setzen noch einmal 25 Jahre später ein, Curt Wad ist inzwischen dabei, sein nun gemäßigt menschenverachtendes Programm in Form der Partei Klare Grenzen, ins dänische Parlament zu hieven. Mit geschickten Zeitsprüngen und etlichen, überraschenden Wendungen schafft es Adler-Olsen, eine Sogwirkung zu entfalten, die den Leser atemlos dem großen Finale entgegen eilen lässt.

Obwohl im Deutschen Taschenbuchverlag publiziert, ist der vierte MørckFall erstmals ein Hardcover und fünf Euro teurer als die vorangegangenen Fälle. Das hat einen ganz einfachen Grund: Die „Spiegel”-Bestseller ist umgestellt, „Verachtung” in der bisherigen Ausstattung würde „nur” noch in der Taschenbuchliste erscheinen.

So aber eröffnet Jussi Adler-Olsen das große Rennen um den Weihnachtsbestseller, an dem sich in wenigen Wochen mit Ken Follett, Stephen King, John Irving oder J.K. Rowlings etliche weitere Favoriten beteiligen werden. Fortsetzung folgt.

Jussi Adler-Olsen: „Verachtung” (dtv, 540 Seiten, 19.90 Euro)

 

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