Literatur Ist Goethes Erlkönig ein Knabenschänder?

Ach Goethe, du verkennst die Frauen! Schau dich doch um, dann siehst du, dass Weibsbilder durchaus was hermachen. Foto: dpa

Der amerikanische Germanist W. Daniel Wilson erkundet des Geheimrats Verhältnis zu den Geschlechtern

 

Die einen finden, die Ballade formuliere den Gegensatz zwischen Klassik und Romantik. Andere verstehen den „Erkönig” als Widerstreit zwischen Aufklärung und zerstörerischer Einbildungskraft. Aber eigentlich ist der Satz „Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt” an Eindeutigkeit nicht zu überbieten. Der Knabe wird von der gespenstischen Erscheinung mit Geschenken gelockt, durch Gewalt bedroht und somit pädophil bedrängt.

Ältere Deutschlehrer erröteten ob dieser Deutung, angesehene Germanisten wiesen sie mit Grausen von sich. Auch Goethes nicht minder berühmter „Ganymed” wird am liebsten sublimiert verstanden, etwa als pantheistische Verschmelzung des Ichs mit der Natur. Die Antike war da weniger zimperlich: Mit dem Mythos wurde die Leidenschaft erwachsener Männer für Knaben religiös verbrämt.

Der amerikanische Germanist W. Daniel Wilson will in „Goethe Männer Knaben” keineswegs beweisen, dass der Dicherfürst schwul war. Das wäre bei einem verheirateten Mann, der fünf Kinder zeugte und als Greis eine 19-Jährige heiraten wollte, auch Unsinn.

Trotzdem zieht sich die Knabenliebe als roter Faden durch die Gedichte, den „Westöstlichen Divan”, den Roman „Wilhelm Meister” und das Haupt- und Gipfelwerk „Faust II”. Und im Vestibül des Hauses am Weimarer Frauenplan begrüßten den Besucher Abgüsse antiker Knabenliebhaber oder geliebter Knaben wie Apoll, Herakles, Hadrians Liebling Antinous und gleich zwei Ganymede.

Goethe hielt nach „rein ästhetischem Maßstab” Männer für „weit schöner, vorzüglicher und vollendeter” als eine Frau. Insofern hielt er Pädophilie und Homosexualität für verständlich. Und er verteidigte Männer mit einschlägigem Ruf wie Lord Byron, den Kunstschriftsteller Winckelmann oder den Historiker Johannes von Müller gegen die um 1800 sich verstärkende Ächtung des gleichgeschlechtlichen Begehrens.

Wilson bleibt hart an Goethes dichterischen Texten, die bisweilen derb pornografisch, aber auch sublim romantisch sind. Sein Buch ist eine Werkbiografie mit Blick aufs andere Ufer. Die ersten und letzten Seiten präparieren den Unterschied zwischen antiker und moderner Homosexualität heraus, die deswegen im Untertitel des Buchs auch in Anführungszeichen gesetzt ist, weil sie wie jedes Verhältnis zwischen den Geschlechtern kulturellen Formungen unterliegt. „Ein erfülltes Leben braucht Liebe, ganz egal, wem sie gilt”, resümiert Wilson. Von Goethe lieben lernen, heißt besser lieben: „liebe- und achtungsvoll nach innen, liberal nach außen”. Kluger Mann, dieser Klassiker.

W. Daniel Wilson: „Goethe Männer Knaben. Ansichten zur ,Homosexualität’” (S. Fischer, 503 Seiten, 28.95 Euro)

 

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