Literatur Eine bayerische Naturgewalt: Josef Bierbichler und sein Roman „Mittelreich“

Als Autor eine Wucht, als Schauspieler sowieso: Josef Bierbichler, hier in Wolfgang Murnbergers Verfilmung „Der Knochenmann“ nach dem Roman von Wolf Haas. Foto: Majestix

Was für ein kraftvolles Debüt! Der Schauspieler Josef Bierbichler beschreibt in seinem Roman „Mittelreich” deutsche Geschichte anhand einer Bauern- und Wirtsfamilie am Starnberger See

 

Vielleicht war es ja Regisseur Michael Haneke, der den Anstoß für diesen Roman gab. Wie in dessen Film „Das weiße Band”, bei dem Josef Bierbichler in einer Nebenrolle mitwirkt, erzählt nun auch der 63-jährige Schauspieler exemplarisch deutsche Geschichte und gesellschaftliche Bigotterie gespiegelt an einer Dorfgemeinschaft. In seinem Romandebüt „Mittelreich” steht eine Seewirtschaft im Zentrum, die dem Gashof „Zum Fischmeister” in Ambach ähnelt, bis heute Bierbichlers Heimat.

Allzu verwegenen autobiografischen Spekulationen nimmt der Autor auf Seite 172 den Wind aus den Segeln: „Diese Geschichte ist erfunden, und alles, was an ihr wahrhaftig klingen mag, ist demnach unvermeidbar.” Bierbichler aber würzt die Geschichte einer Bauern- und Wirtsfamile vom Ersten Weltkrieg bis in die 80er Jahre mit seiner Fantasie und vor allem seiner Sprache. Denn wie als Darsteller, so ist Bierbichler auch als Autor eine bayerische Naturgewalt.

Mit den Touristen aus der Landeshauptstadt, oder gar aus dem weiten Reich, kommt ein neuer Geist in die abgelegene Voralpenregion: Beim Seewirt, wie in Seedorf allgemein, ist wegen der gebildeten Gäste „schon so eine Art Kultur ins Dorf eingezogen”, wovon im zwei Kilometer entfernten Kirchgrub, das eine Senk- und keine Seelage hat, nicht im entferntesten die Rede sein kann. Der Konflikt Moderne gegen Tradition, Kunst gegen Dumpfheit zieht sich quer durch die Dorfgemeinschaft: Dass der Seewirt seine Töchter im Klosterinternat die Mittlere Reife machen lässt, stößt den Männern am Stammtisch auf: „,Mir wäre eine Vollreife auch lieber’, sagte der Bachhuber und senkte das Niveau gleich noch ein wenig.”

Auch der Wirtssohn ist von der Kultur angekränkelt und will Sänger werden. Doch weil sein älterer Bruder mit einer Kugel im Kopf aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrt und den Verstand verliert, muss er seine Künstlerseele der Tradition und der Fortführung des Betriebes opfern. Den empfindsamen Mann, der seinen 27. Geburtstag mit einem Besuch in der Münchner Oper bei „Tristan und Isolde” feiert, lässt Bierbichler in einer existenzbedrohenden wagnerianischen Sturmnacht zum Manne reifen – ein erzählerisches Glanzstück.

Das große Wirts- und Gästehaus bevölkert sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit Flüchtlingen, deren Lebensläufe und Schicksale der Autor mit viel Akribie und Lust an der grausamen Pointe erzählt. Die „neue Zeit” bricht an. Die Negerwiese erhält ihren Namen, weil hier die amerikanischen Soldaten lagern, unter ihnen einer mit nie zuvor gesehener Hautfarbe!
Und nach Jahren devoter Anbiederei bei der Besatzungsmacht beginnt man sich „zügig wieder in den aufrechten Gang zurückzuverbiegen”. Denn nun läuft das Geschäft in der jungen Bundesrepublik an, moderne Erntemaschinen und sogar ein Fernseher halten Einzug ins Dorf.

Idyllisch ist dieses bayerische Naturparadies bei Bierbichler aber keineswegs. An den Biertischen hat der Kommunistenhass die Nazi-Parolen nur mehr oder weniger verdrängt, und die Kirche stößt schnell in die Lücke, um die nur kurzzeitig verunsicherten Menschen wieder fest in ihre Konventionen zu zurren. Auch wenn im Klosterinternat, wohin der Seewirt den Spross der nächsten Generation, Sohn Semi, schickt, ein Mönch seine Triebe so frei auslebt, wie es im Dorf nicht einmal den jungen Erwachsenen erlaubt wäre. Semi wird sich grausam rächen.

Nicht nur hier läuft Bierbichlers Sprachmotor auf Hochtouren: Der Leser, der die seitenlange Schlachterszene übersteht, in der sich der sturzbetrunkene Metzger und Jäger Zuber („Tieren begegnete er immer erst kurz vor deren Tod”) beim finalen Hieb auf den Schweinskopf vor Anstrengung noch in die Lederhose scheißt, der braucht keine Lektüre des blutarmen Jonathan Safran Foer mehr, um wochenlang kein Schnitzel in die Pfanne legen zu können.

Josef Bierbichler stellt „Mittelreich” (Suhrkamp, 394 Seiten, 22.90 Euro) zusammen mit Tilman Spengler am 22. September im Literaturhaus vor (ausverkauft)

 

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