Literatur Ein reiner Männer-Autor?

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Auf einen Kaffee über Max Frisch getroffen: Lehramtsstudent Andreas Wanger und der Gymnasiallehrer a.D. Walter Hümmelink im Barista. Foto: Gregor Feindt

Er hat 33 Jahre lang Deutsch und Englisch am Gymnasium unterrichtet. Walter Hümmelink kann sich noch an seinen Schüler Andreas Wanger erinnern. Der studiert jetzt Deutsch als Lehramt an der Ludwig-Maximilian-Universität, dazu Geschichte und Ethik. 2013 will er selbst Gymnasiallehrer werden. Die AZ hat sie zusammengebracht und sie über Max Frisch befragt. Dessen Todestag jährt sich heute zum zehnten Mal. Im Mai wäre er 100 Jahre alt geworden.

 

AZ: Meine Herren, bleibt Max Frisch ein Klassiker?
WALTER HÜMMELINK: Seine Werke haben zeitlose Bedeutung.
ANDREAS WANGER: Ja, aber ich frage mich, ob er grundsätzlich noch für den Schulkanon geeignet ist.

Haben Sie mit Ihren Schüler Max Frisch gelesen?
WH: Andreas, haben wir zusammen Max Frisch gelesen?
AW: Ja, „Andorra”. Gerade „Andorra” kann man als Parabel auf Diskriminierung im Allgemeinen und Antisemitismus im Speziellen lesen. Und „Biedermann und die Brandstifter” kann man auf politischen Populismus prüfen, ohne dabei immer auf dem Antisemitismus herumzureiten.

Und seine Romane?
AW: Das Problem ist: Der technische Mensch in „Homo Faber” wurde durch den digitalen Menschen abgelöst.
WH: Aber Homo Faber hält die Welt für berechenbar, meint, mit Rationalität alles im Griff zu haben. Wir erleben das gerade in extremem Ausmaß. Wir denken, wir haben die Technik im Griff und dann gerät alles außer Kontrolle. Jetzt müssen wir neu anfangen und bisherige Entscheidungen für hinfällig erklären.
AW: Allerdings ist Homo Faber sehr auf sich beschränkt. In einen globalen Zusammenhang werden seine Probleme nicht gestellt.

Wen spricht Max Frisch an?
WH: Ich frage mich, ob seine Literatur nicht nur das Bildungsbürgertum anspricht, statt die, die nicht in dieser Weise vorgebildet sind.
AW: Das eben macht den Zugang schwierig. Deshalb plädiere ich dafür, eher moderne Autoren zu lesen. Gerade weil da auch die Sprache für die Schüler zugänglicher ist. Was mir beim Literaturkanon fehlt, ist der Regionalbezug. In der Oberstufe kann man auch Stefan Wimmer lesen, mit seinem katastrophalen Dada-Humor, was ich auch als spezifisch für die Stadt München empfinde. Das ist in einer Linie mit dem Simplicissimus und Karl Valentin und somit näher an der Lebensrealität der Schüler. Max Frisch dagegen ist so alt, dass ich ihn ein Stück weit bereits erklären muss.

Aber kann man den Schüler nicht eine Transferleistung zumuten?
AW: Ja, aber sie haben kein Interesse an den Geschichten der Großväter. Und beim „Homo Faber” geht es auch nicht um einen Schüler...
WH: ...sondern um einen 50-Jährigen. Natürlich kann man mit seinen Schülern auch „Tschick” von Wolfgang Herrndorf lesen, dessen Helden Jugendliche sind.

Frisch hat klassische Themen wie die Identitätsfindung.
AW: Sicher, diese Themen sind zeitlos, aber die Frage ist doch: Wie verpacke ich sie?
WH: Ich verstehe das Problem nicht: Die Identitätsproblematik, das Bewusstsein immer wieder mit eigenen und fremden Rollen konfrontiert zu werden, die Ich-Suche, die im „Stiller” auf eine unglaublich vielfältige Art und Weise dargestellt wird, ist doch auch für pubertierende Schüler interessant.

Macht das Max Frisch zu einem modernen Autor?
WH: Da ist die deutsche Gegenwartsliteratur viel eintöniger und sogar biederer. Sowohl Inhalt und Form bieten bei Frisch Einsichten, die man in der modernen Gegenwartsliteratur oft suchen muss.
AW: Ja, Frisch war sehr talentiert. Aber im Literaturkanon hat alles eine männliche Konnotation. Männlicher Autor schreibt über Männer. Das gilt auch für Max Frisch.
WH: Das ist wahr. Es gibt keine weiblichen Protagonisten. Aber seine Frauenfiguren sind nicht schwach.

Ist Frisch ein speziell Schweizer Autor?
AW: Muss ich mit meinen Schülern über das Bild, das die Schweizer von sich haben, sprechen? Das wäre mir zu viel Grundarbeit, die man leisten muss, um das zu verstehen.
WH: Nein das führt zu weit. Wenn man Frisch mit Schülern liest, muss man sich überlegen, welche Themen man vertiefen will. Da kann man auch sein Tagebuch in Teilen mit einbeziehen. Er hat als junger Journalist zum Beispiel beeindruckende Sachen über das zerstörte München geschrieben.

Sprechen Sie mit Schülern auch über Max Frischs Privatleben?
WH: Da gibt es keine Tabus.
AW: Mit seiner Biografie kann man Schüler nicht packen. Dass jemand seine Frau wegen einer Jüngeren verlässt, ist ja heute eher Usus.
WH: Wir als Lehrer sind wie Showmaster und müssen Interesse wecken durch das Ungewöhnliche. Makellose Idealfiguren ziehen da nicht.

Welches ist Ihr Lieblingswerk von Max Frisch?
WH: „Stiller”.
AW: Auch der „Stiller”. Ist ja nicht so, als ob ich bei Herrn Hümmelink nichts gelernt hätte.

 

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