Literatur Charlotte Roche geht mit Alice Schwarzer ins Gericht

Alice Schwarzer (68, re.) hat Charlotte Roches neues Buch "Schoßgebete" eine "verruchte Heimatschnulze" genannt. Im Interview wehrt sich die Autorin. Foto: dpa

Ein Skandalroman ist es nicht geworden. Aber das neue Buch „Schoßgebete“ von Charlotte Roche steht dennoch an der Spitze der Bestsellerlisten. Vor zwei Wochen ist die autobiografisch gefärbte Geschichte der Elizabeth Kiehl, die von Therapie, Tod und Sex als Akt der Befreiung handelt, mit einer Rekordauflage von 500 000 Exemplaren gestartet, 100 000 weitere wurden nachgedruckt. Gut möglich, dass demnächst die „Schoßgebete“ als Theaterstück oder als Film folgen: Anfragen gibt es bereits.

Der Rummel ist groß. Nach der Anspannung hat sich bei Roche, deren Erstlingsroman „Feuchtgebiete“ rund zwei Millionen Mal verkauft wurde, aber noch nicht der große Erfolgsrausch eingestellt. „Man ist ja nicht nur eine Bestsellerautorin vom ersten Buch, sondern auch ein Kind in der Grundschule, das Angst davor hat, gehänselt zu werden, wenn es ein Flop wird“, sagt die 33-Jährige. Sie fühlt sich mehr verstanden als beim ersten, skandalumwitterten Buch – „was ein schönes Gefühl ist“. Beim dpa-Interview in Berlin erklärt die frühere Fernsehmoderatorin, warum sie den tödlichen Unfall ihrer Brüder fiktiv verarbeitet hat und was sie von Alice Schwarzer hält.

AZ: Was hat Ihre Therapeutin zu dem Buch gesagt, hat sie es gelesen?

CHARLOTTE ROCHE: „Noch nicht, wir haben gerade Sommerpause. Man weiß noch nicht mal, wo die Therapeutin Urlaub macht oder ob sie überhaupt etwas mitgekriegt hat. In einer Psychoanalyse soll man ja nicht viel über seine Therapeutin wissen, sie hält sich sehr bedeckt.“

Sie haben vorher nicht über den Unfall geredet, bei dem Ihre drei Brüder ums Leben kamen. Jetzt reden Sie sehr viel darüber. Haben Sie manchmal das Gefühl, Sie geben zu viel preis?

Ich finde die Boulevardpresse extrem ekelhaft, wenn sie einen Tag nach so etwas so einen Druck aufbaut, weil sie die Ersten sein wollen. Jetzt ist es zehn Jahre danach. Und wenn man meinen
Namen googelt, kommt immer der Unfall als allererstes. Ich spreche über etwas, was jeder weiß und worüber sowieso jeder redet. Jetzt kommt es einmal aus meinem Mund, in einen Roman gebettet. Irgendwie ist das befreiend.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie stellten das Unglück der Familie zur Schau?

Das ist für mich nicht so. Es ist so absurd, Bücher zu schreiben und diese Geschichte wegzulassen. Das war schon beim ersten Buch so, dass ich unbedingt den Unfall einbinden wollte. Ich
habe es aber nicht geschafft. Das ist jetzt auch vier Jahre her, ein riesiger Unterschied im Verarbeiten. Mir tut das Schreiben an sich, ganz alleine mit dem Computer, unglaublich gut. Dann bin ich so glücklich wie sonst nie im Leben.

Alice Schwarzer hat Ihr Buch eine „verruchte Heimatschnulze“ genannt. Verstehen Sie, was sie damit meint?

Leider nicht. Ich lese die Kritiken nicht, wie auch beim letzten Buch. Weder die guten noch die schlechten. Ich versuche, so freigeistig wie möglich zu bleiben. Wenn ich Kritiken mitdenke, kann
ich nicht gut schreiben. Ich lese auch keine offenen Briefe von Alice Schwarzer. Das mit der "Heimatschnulze" ist mir unverständlich. Ich würde nie zu jungen Frauen sagen, was Elizabeth
in dem Roman macht, sollten wir alle nachmachen. Ich hoffe, das wird klar. Ich schreibe ja nicht einen Roman als feministisches Manifest. Ich als Charlotte Roche bin viel feministischer als die Elizabeth in meinem Buch. Die ist teilweise schon eine ganz schön arme Wurst.

Warum muss Alice Schwarzer überhaupt in Ihrem Buch vorkommen, es heißt ja, für viele jüngere Frauen spiele sie keine große Rolle mehr?

Ich glaube, das liegt daran, dass sie nicht abdankt und jahrzehntelang die feministische Diskussion in Deutschland bestimmt hat. Ich finde, es ist Zeit für neue, jüngere Feministinnen, aber
die werden immer weggebissen von unserer Spitze.

Ist eine Versöhnung mit Schwarzer möglich?

Das ist auch so ein Punkt. Das muss man weit von sich weisen, dass sie sagt, wir wären mal befreundet gewesen. Das finde ich unmöglich, mit solchen Begriffen um sich zu werfen, um sich so
jovial heranzuwanzen. Wir haben uns zweimal professionell getroffen. Das ist über zehn Jahre her! Einmal habe ich mit meiner Mutter zusammen ein Interview der "Emma" gegeben – was die "Emma" leider immer macht, ist, junge Frauen zu vereinnahmen. Das war auch mein Problem. Das andere Mal war, dass Alice Schwarzer in meiner Musiksendung "Fast Forward" zu Gast war.“

Sie kämpfen gegen Zwänge und die Unterdrückung von Frauen. Ist es nicht auch Druck, wenn Sie sagen "Liebe Singles, habt so viel Sex wie möglich"?

Das ist eher nett und freiheitlich gemeint. Man sollte sich nicht verrückt machen. Frauen neigen oft dazu, auf den Märchenprinzen zu warten oder nur Sex zu haben, wenn alles perfekt ist. Vielleicht kann man da von den Männern viel lernen. Man ist keine Schlampe, wenn man in der Übung bleibt und Sex ausprobiert, wenn es nicht die große Liebe ist.“

Sie sagen, im Fernsehen gebe es nur inszenierte Authentizität. Sind Sie nie Sie selbst?

Jeder, den ich gut finde im Fernsehen, ist komplett durchchoreografiert. Bei jemandem wie (Harald) Schmidt, dem Besten, den wir haben: Da ist kein einziger Satz spontan. Das finde ich viel
besser, weil es den Zuschauer ernst nimmt. Der hat zehn Leute, die ihm die Witze schreiben, und er pickt sich die Rosinen raus.

Haben Sie sich schon etwas für Ihren Auftritt in Harald Schmidts Sendung überlegt?

Ich hoffe, ich werde eingeladen. Sobald ich einen Termin habe, mache ich mir wahnsinnige Gedanken. Es ist fast schon lächerlich, was für eine Bedeutung ein Auftritt bei Harald Schmidt
in meinem Leben hat. Es ist eine komplett eigene Kunstform. Ich war zwölf Mal bei ihm, seit ich 18 bin. Und jedes Mal ist der totale Terror zu Hause, weil ich denke, ich treffe den lieben Gott.
 

 

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