Libyen: Rebellen auf Vormarsch Vorwurf: Gaddafi täuscht mit platzierten Leichen

Die Kampfflugzeuge der westlichen Koalition haben die Fronten in Libyen in Bewegung gebracht. US-Verteidigungsminister Gates wirft Machthaber Gaddafi eine makabre List vor.

 

Tripolis/Brüssel/Kairo - Nach schweren Verlusten wurden die Milizen von Diktator Muammar al-Gaddafi am Wochenende bei Adschdabija und dann auch noch beim Ölhafen Brega von den Aufständischen in die Wüste gejagt. Das Regime in Tripolis gestand die Niederlage ein, sprach aber von hohen zivilen Verlusten durch die Luftangriffe. US-Verteidigungsminister Robert Gates warf dem Gaddafi-Regime vor, Leichen von zuvor ermordeten Zivilisten an Angriffspunkte der Koalition zu legen, um eine hohe Zahl von zivilen Opfern vorzutäuschen.

Ausgelassen feierten die Aufständischen am Sonntag die Einnahme des Ölhafens Brega, nachdem sie schon am Samstag die Küstenstadt Adschdabija, knapp 160 Kilometer südlich von Bengasi, zurückerobert hatten. Die Nachrichtensender BBC und Al-Dschasira zeigten Aufnahmen von brennenden und zerstörten Panzern und Schützenpanzern, von Kampfflugzeugen der westlichen Koalition außer Gefecht gesetzt. Vielfach hatten die Gaddafi-Milizen ihre Fahrzeuge einfach stehen gelassen.

Die Milizen der libyschen Regimegegner haben bei ihrem Vormarsch nach Westen nun auch den Ölhafen Ras Lanuf erreicht. Wie schon Stunden zuvor in Brega trafen sie auf keinen Widerstand der Truppen des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi, berichtete ein Korrespondent der BBC aus der Region. Die Aufständischen hatten erst am Samstag die Stadt Adschdabija, 160 Kilometer südlich von Bengasi, eingenommen.

Den Bodengewinnen der Regimegegner waren in der Nacht zum Samstag massive Luftangriffe der westlichen Militärallianz auf die Gaddafi-Truppen bei Adschdabija vorausgegangen. Seitdem befinden diese sich auf einem eiligen Rückzug in Richtung Sirte, der 560 Kilometer westlich von Bengasi gelegenen Geburtsstadt Gaddafis. Die Rebellen wollen nun nach eigenem Bekunden dorthin vormarschieren. Zunächst war unklar, wo die Gaddafi-Truppen ihre nächste Verteidigungslinie ziehen würden. Ras Lanuf hatten sie am 12. März nach tagelangen Kämpfen mit den Aufständischen eingenommen.

Die Aufständischen hätten durch die Luftunterstützung "neuen Auftrieb" erhalten, kommentierten die Sender. Schon kurz nach dem Einzug in Brega setzten die Rebellen am Sonntag ihren Vormarsch in Richtung Ras Lanuf fort, um die bedeutenden Raffinerien und Hafenanlagen wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Unklar blieb jedoch, wo die Gaddafi-Truppen ihre nächste Verteidigungslinie errichten wollten.

Der libysche Regierungssprecher Ibrahim Mussa sagte in der Nacht zum Sonntag in Tripolis, die westliche Koalition habe Gaddafi-Truppen auf dem 400 Kilometer langen Abschnitt zwischen Adschdabija und Sirte massiv angegriffen. Das libysche Staatsfernsehen berichtete außerdem, die Flugzeuge hätten "militärische und zivile Areale" in der Stadt Sebha, 800 Kilometer südlich von Tripolis, bombardiert. "Die Luftangriffe gegen unser Volk gehen mit voller Kraft weiter", sagte Mussa. Er sprach von "hohen Verlusten" unter der Zivilbevölkerung.

US-Verteidigungsminister Robert Gates warf dem Gaddafi-Regime unterdessen vor, Leichen von Zivilisten an Angriffsorte der Koalitionsstreitkräfte legen zu lassen. Das sagte Gates in einem Interview des US-Fernsehsenders CBS, das am Sonntag ausgestrahlt werden soll. Die USA hätten eine Menge Geheimdienstberichte darüber, dass Gaddafi die Leichen von Menschen, die er getötet habe, an den Orte platzieren lasse, die die Koalition zur Durchsetzung des Flugverbot angegriffen habe. Gates betonte weiter, dass die Koalitionsstreitkräfte "äußerst vorsichtig" vorgegangen seien.

US-Präsident Barack Obama hatte zuvor schon von "wichtigen Fortschritten" der internationalen Militäraktion gegen das Regime Gaddafis gesprochen. "Gaddafi hat das Vertrauen seines Volkes sowie die Rechtmäßigkeit zur Herrschaft verloren", sagte Obama in seiner wöchentlichen Rundfunkrede am Samstag. "Die Hoffnungen des libyschen Volkes müssen verwirklicht werden. Obama sprach sich dafür aus, Gaddafi für das brutale Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung zur Verantwortung zu ziehen. Zugleich mahnte er ihn, die Angriffe auf Zivilisten zu stoppen. "Diejenigen, die für Gewalt verantwortlich sind, müssen haftbar gemacht werden", forderte Obama.

In Brüssel wurde unterdessen eine Entscheidung der Nato erwartet, die Führung der gesamten Militäraktion in Nordafrika zu übernehmen. Bisher leitet das Bündnis lediglich die Überwachung des Waffenembargos im Mittelmeer sowie der Flugverbotszone über Libyen. Die Luftangriffe zur Unterstützung der libyschen Zivilbevölkerung, bei denen das Mandat des UN-Sicherheitsrates "alle notwendigen Maßnahmen" erlaubt, wurden bisher von einer Koalition von elf Staaten außerhalb des Nato-Rahmens geführt.

Diplomaten sagten am Sonntag, die Chancen stünden gut, dass die Umsetzung eines am Samstag von den Militärs erarbeiteten Operationsplans rasch von den Botschaftern im Nato-Rat akzeptiert werde. Es gebe mittlerweile deutlich mehr Übereinstimmung im Bündnis in dieser Frage.

Der britische Justizminister Kenneth Clarke warnte vor einem Racheanschlag Gaddafis im Stil des Lockerbie-Attentats. "Die Menschen in Großbritannien haben einen Grund, sich an den Fluch Gaddafis zu erinnern - Gaddafi zurück an der Macht, der alte Gaddafi, der Rache sucht; wir haben großes Interesse daran, das zu verhindern", sagte Clarke in einem Interview der britischen Zeitung "The Guardian" (Samstag). Bei dem Attentat auf einen Pan Am-Jumbo über dem schottischen Ort Lockerbie 1988 waren 270 Menschen ums Leben gekommen.

 

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