Leute Münchens Christkindlmärkte: Weihnachten, wie’s Käfer schmeckt

Drei Würstel in der Riemischen – das ist nach Gerd Käfers Geschmack. Er sagt: „Die kleinen Nürnberger hab' ich am liebsten. Ja, gut sans." Foto: Petra Schramek

Lebkuchen und Mandeln, Würstel und Flammbrot: Der Feinkost-Pionier Gerd Käfer probiert im AZ-Test, was zu Weihnachten schmeckt.

 

Von Verena Duregger

Man hätte ihm ja viel zugetraut. Dass er blind Kaviarsorten voneinander unterscheiden kann. Dass er nur einen Schluck Champagner braucht, um dessen Jahrgang zu bestimmen. Ja sogar, dass er kurz am Trüffel riecht und die Tiefe erahnt, aus der das Wildschwein die Delikatesse ausgegraben hat.

Aber Gerd Käfer, ein Romantiker? Das überrascht.

Dabei kann der Kulinarik-Papst davonnicht genug bekommen, wie er der AZ verrät.

Aber keine Sorge: Essen ist für den 78-Jährigen immer noch eine Lieblingsbeschäftigung. Und da die Münchner ihre Schmankerl im Moment am liebsten im Stehen auf einem der vielen Weihnachtsmärkte verdrücken, hat sich die jung gebliebene Küchen-Eminenz für uns auf einen kulinarisch-kritischen Rundgang über drei Weihnachtsmärkte begeben.

Wir treffen uns am Wittelsbacher Platz auf dem Mittelaltermarkt. Nachmittags, noch herrscht kein Gedränge. „Viel zu wenig romantisch hier, keine Beleuchtung, keine Atmosphäre", urteilt Käfer und rückt seinen violetten Schal zurecht. Das mit der fehlenden Romantik mag damit zu tun haben, dass der Schnee weitgehend geschmolzen ist – oder daran, dass man im Mittelalter mit der Romantik eigentlich nicht so viel am Hut hatte. Für Käfer ist sie fester Bestandteil der (Vor-)Weihnachtszeit: „Die Münchner dekorieren viel zu wenig. Das finde ich sehr schade.“

Etwas weniger darf's für Käfer im Moment beim Essen sein. Er sei „ein bisschen“ auf Diät, sagt er. Ein paar Sekunden später ist davon nicht mehr die Rede, denn der Maestro hat die Nussbrennerei entdeckt. „Was ich wirklich sehr gern esse, sind Nüsse“, sagt Käfer und steuert zielstrebig auf den Stand zu. Weil man ihn dort gleich erkennt, darf er die verschiedenen Nüsse direkt aus dem Löffel kosten. Kokos-Chips, gebrannte Walnüsse und Mandeln – Käfer ist begeistert: „Mmmh, die schmecken sehr gut, nicht zu süß!“

Weiter geht's zur Flammbrot-Bäckerei, wo Käfer eine so genannte Seele, ein Brot aus Weizen und Roggenmehl probiert: „Mit ein bisschen Butter wäre es noch besser.“

In der Wildbraterei hüpft er gleich hinter die Theke, pinselt das Wildschwein ein – „damit's nicht austrocknet“ – und schneidet den Ochsenbraten an: „Der ist noch nicht ganz durch, aber super gewürzt.“ Beim Buchenholz-Grill beißt er in eine Riemische mit drei Würsteln. „Die kleinen Nürnberger hab' ich am liebsten. Ja, gut sans", sagt er – und als er ein paar Meter vom Stand weg ist: „Aber die vom Hoeneß schmecken natürlich noch viel besser!“

Spätestens jetzt fällt eine Dame auf, die Herrn Käfer zu verfolgen scheint. Ein Fan womöglich? Käfer klärt auf: Das sei die Frau Schnitzler, seine Taxifahrerin. Ist doch viel praktischer, als zu Fuß von Markt zu Markt zu gehen. Auf dem Weg zum Auto probiert der 78-Jährige im Vorbeigehen noch eine Auszogene. „Viel zu viel Puderzucker! Viel zu süß", ruft er und zieht am gebackenen Teilchen. „Das ist ja ganz letschert. Muss man ja auch mal sagen", meint er entschuldigend und setzt eine Unschuldsmiene auf: „Generell strengen sich ja wirklich alle sehr an.“

Rein in den Wagen und ab zum Weihnachtsmarkt in der Residenz. Käfer ist entzückt: „Das ist der Schönste von allen. So romantisch! Deshalb sind so viele Leute hier. Man muss sich Mühe geben", sagt er. Sich Mühe geben, das ist so etwas wie Käfers Mantra.

Im Märchenwald bestaunt er den sprechenden Hirsch zusammen mit ein paar Kindern. Ob er deshalb beim Eierpunsch-Stand als erstes einen Kinderpunsch wählt? „Lecker. Ich schmecke Orangen raus", sagt Käfer und empfiehlt Umstehenden, auch einen zu kosten. Inhaberin Sandy Rosai strahlt und stellt ihrem Gast noch einen Eierpunsch hin. Ein kräftiger Schluck, das Urteil: „Hervorragend!“

Glühwein sei das größte Geschäft, orakelt der Gastronom. Wie der heiße Wein sein muss, um ihm zu schmecken, weiß er genau: „Ein ordentlicher Landwein, schön mit Zimt und Orangensaft, so mag ich ihn am liebsten.“ Am Glühweinstand lässt Käfer einen Schluck in die Kehle fließen, blickt auf die Fassaden und sagt: „Mei, diese Kulisse – so schön! Und der Glühwein: auch nicht schlecht."

Während er sein Urteil abgibt, kommt eine der Verkäuferinnen auf ihn zu. „Ist er's, oder ist er’s nicht, hab' ich mich gefragt", sagt sie, „weil Sie haben fei schon eine Ähnlichkeit mit dem Herrn Witzigmann.“ Käfer schaut kurz irritiert und stößt ein grelles „Ha!“ aus. „Das ist mein bester Freund“, sagt er. Eine Freundschaft kann so eine Verwechslung nicht erschüttern.

Weiter geht die Reise zum Marienplatz. Dank Frau Schnitzler steigt Käfer fast direkt unterm Rathausbalkon aus. „Da sind ja nur lauter Geschenke-Stände“, ruft er, „das finde ich nicht gut.“ Als er am Stand mit den Fischbrötchen vorbeiflaniert, verdrückt eine Asiatin gerade eine Weißwurst samt Haut, in der linken Hand hält sie eine Fischsemmel. „Greislig, so etwas.“ Käfer schüttelt den Kopf.

Die Lebkuchen und das Früchtebrot vom „Piehler's“ versöhnen ihn wieder: „Mit Liebe gemacht. Nicht wie die Auszogene am Wittelsbacher Platz. Wobei – meine Lebkuchen sind natürlich besser", sagt er – und lächelt.

 

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