Leute Kitzbühel: Lachen über die Adabeis

Kitzbühel und seine berühmten Hänge: Allein an diesem Wochenende lassen die über 100.000 Besucher mehr als 30 Millionen Euro in der Stadt. Foto: Klaus Primke

KITZBÜHEL - Im Kitzbühel versammeln sich zur Streif die Promis und die, die es gerne wären. Doch die einfachen Leute im Nobelort schütteln nur noch den Kopf über die Exzesse der Schickeria

 

Der Weg nach unten ist nicht weit. Von der Vorderstadt, der edlen Einkaufsmeile im Zentrum Kitzbühels, geht eine kleine Gasse runter. Gleich nach den Läden mit den Taschen von Louis Vuitton und dem Schmuck von Swarovski. Zwei Minuten Fußweg in eine andere Welt, in ein anderes Kitzbühel. Dass der „Gigg“, diese kleine verrauchte Kneipe, topographisch ganz unten liegt, das passt, denn mit manchen, die hier sind, ging es wirklich abwärts im Leben. „Hier“, sagt Christian Schedler, der Wirt, „sind die normalen Kitzbüheler.“ Die, die man sonst nicht sieht an diesem Wochenende.

Die, die mit dem Remmidemmi rund um die Streif wenig anfangen können. Die froh sind, wenn’s wieder vorbei ist.

Mehr als 100000 Zuschauer sind an den drei Renntagen wieder in Kitzbühel, es kommen viele Prominente, und noch mehr, die meinen, prominent zu sein. Sie sind dann bei Veranstaltungen wie der Kitz’n’Glamour-Nacht im Hotel Grand Tirolia, bei der Hahnenkamm-Hummer-Party im Kitzhof oder natürlich bei der Weißwurstparty beim Stanglwirt.

Aber eine Würschtlparty gibt es ja auch beim Antipoden zum Stanglwirt. Bei Christian Schedler. „Keine weißen“, sagt er, „aber Kalbsbratwürschtl. Selber gmacht.“ Und die gibt es nicht nur einmal im Jahr, sondern jeden Freitag, nachmittags ab 2, sonst hat er im Angebot noch eine Bosna für dreisechzig und eine Frittattensuppe für zweineunzig.

Beim Gigg sitzen manche, die nur noch wenig zum Beißen haben, keine Zähne mehr und keine Arbeit, die auch hier in einem Ort, der sich Nobelort schimpft, durch das soziale Gitter gefallen sind.

Zwei einheimische Frauen sitzen am Freitag auch da, die Margit und die Irmi, sie sind 65 und 66 und trinken Kaffee und klagen, dass das Land Tirol letzten Sommer das Krankenhaus der Stadt zusperrte. 130 Mitarbeiter wurden arbeitslos, und die Irmi sagt, dass sie Patienten jetzt bis nach München schicken, und das alles nur, weil 1,4 Millionen Euro fehlten. Ein Nichts im Vergleich zu den 30 Millionen Euro, die die Gäste allein an diesem Wochenende in der Stadt lassen.

Auch die Margit schimpft noch, aber dann sagt der Gigg, dass das halt jetzt in diesen Tagen eine Welt ist, wo sie nicht dazugehören. Dann zapft er drei Pils und sagt: „Was die da rund um die Streif veranstalten, das ist eigentlich nur zum Lachen.“

Michael Struzynski freilich verging vor einem Jahr das Lachen. Er ist der Stadtpfarrer, er wird vom Skiclub jedes Jahr zum Abfahrtsrennen eingeladen, und er mag es, an der Strecke zu stehen und mitzufiebern. „Mich fasziniert der Sport“, sagt er, „aber das Event drumherum schreckt mich ab.“ Heuer sperrt er am Samstag seine Kirche sogar zu, weil letzten Januar Horden von besoffenen Fans in die Kirche eindrangen und alles verwüsteten. Sie zerstörten Liederbücher, und noch viel abscheulicher, sie hinterließen ihre Fäkalien. Überall, Altar, Beichtstuhl, Opferstock. „Sie benahmen sich wie Tiere“, sagt er. „Schlimm, wenn der Mensch vergisst, ein Mensch zu sein.“

Am Sonntag dann hält er nur um neun in der Früh eine Messe, die um elf fällt aus, weil dann draußen auf der Fanmeile schon die Lautsprecher auf Anschlag Stimmungssongs rausballern. Und wenn der Organist nicht mehr zu hören ist, weil DJ Ötzi durch die Kirchenmauern plärrt, wenn statt dem Lied von Gott im Himmel das vom Anton aus Tirol zu hören ist, dann macht auch ein andächtiger Gottesdienst keinen Sinn mehr.

Aber nicht nur die Kirche ist am Samstag zu. Auch der kleine Supermarkt von Manuela Geiger, zumindest mittags ab 12. Diese Woche hat sie Vogelfutter im Angebot, für 1,79 Euro, und Delikatessgurken, ein Euro das Glas. Das ist günstiger als das Mieder „Pompadur“ für 850 Euro oder das Lodensakko „Benedikt“ für 1100, ein paar Häuser weiter, in dieser Boutique, wo es Mode gibt, die als Tracht verkauft wird, die aber weniger ausschaut wie traditionelle Dirndl und Lederhosen, sondern eher wie ein schräges Faschingsgewand.

Bei der Manuela Geiger jedenfalls kamen früher viele Zuschauer nach der Abfahrt, sie räumten die Spirtuosenregale leer, rein in den Rucksack, und dann gingen sie wieder, oft ohne Bezahlung. „Mit den ganzen Rauschigen“, sagt Geiger, „war’s einfach zu extrem.“ Deswegen fährt sie dann Samstagmittag auch gleich heim, und abends mit den Freundinnen fortgehen, das macht sie an diesem Wochenende auch nicht. „Du kimmscht ja nirgendswo eini“, sagt sie, „da druckma uns liaba und san schnell weg.“

So wie Horst Ebersberg, der Fotograf, der war schon Freitagfrüh oben. Bei sich zuhause, auf seiner Hütte, an der Streif, gleich hinter der Mausefalle, im Holzhaus am Hahnenkamm, das sein Vater 1935 baute, in dem Jahr, in dem auch der kleine Horst auf die Welt kam. In den Fünfzigern fuhr Ebersberg selber bei den Rennen auf der Streif, einmal hatte er bei der Zwischenzeit vier Sekunden Vorsprung, dann schmiss es ihn, und das wurmt ihn noch heute.

Sonst, sagt er, war die Gaudi schon größer früher, auch bei den Rennläufern. Die hätten selber mitgefeiert, heute sei alles viel steriler, und mit dem ganzen Auflauf, da kann er eh nichts anfangen. „Das meiste ist doch nur Second-Hand-Prominenz“, sagt er, „Adabei-Komparsen, die mir wurscht sind, aber sich in jede Kamera drängen. Die wirklich Prominenten wollen nur ihre Ruhe.“ Ruhe will er auch, weil ihm der Wahnsinn zuwider ist, die Verunstaltung der Innenstadt mit diesen Buden und Standln. „Der ganze Dreck“, sagt er, „das ist nicht mehr mein Kitzbühel.“ Sprach’s und bestieg Freitag früh die Gondel hinauf auf den Berg, nach Hause. Runter will er erst wieder am Montag.

Wenn alles vorbei ist, und alle wieder weg sind. Wenn die Leute ihr Geld dagelassen und die Sportler ihre Prämien mitgenommen haben. Für Didier Cuche, den Sieger im Super-G gestern, gab es übrigens 50000 Euro Preisgeld. Das reicht freilich nicht für die Rolex im Schaufenster vom Uhrenladen in der Vorderstadt. Die kostet 54305 Euro. Aber es reicht für die wichtigen Dinge. Für mehr als 47 Jahre Frittattensuppe. Jeden Tag, unten beim Gigg.

Florian Kinast

 

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