Leute Im Cuvilliés-Theater: Guttenbergs Kultur-Mission

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Im Cuvilliés-Theater diskutiert ein streitbarer Verteidigungsminister über die Rolle der Kunst. Es geht um die Frage, wie viel Kultur sich Deutschland leisten kann und soll.

 

Der Mann rattert los. Roland Berger klettert auf die Bühne, stellt sich hinters Mikrofon und erzählt. Dass Deutschland in den vergangenen fünf Jahren immer mehr Geld für Kultur ausgegeben habe, dass es 5000 Museen gebe, 300 Theater, 7500 Bibliotheken. Dass Kultur ein Standortfaktor sei, wichtig für die Wirtschaft.

An diesem Abend im Cuvilliés-Theater geht es um die Frage, wie viel Kultur sich Deutschland leisten kann und soll, aber noch bevor es zur Diskussion kommt, hat Berger die Frage bereits abschließend beantwortet: „Wir müssen uns viel Kultur leisten.“ Lohnt es sich nun noch zu bleiben?

Aber ja. Schon wegen Karl-Theodor zu Guttenberg. Links außen sitzt der, perfekt gegelte Haare, eng anliegender Anzug, verschmitztes Lächeln. Eine smarte Allzweckwaffe. Heute Vormittag noch war der Verteidigungsminister beim innerparteilichen Friedenseinsatz in der CSU-Zentrale, nun blinzelt er ins Publikum. Ob in der Koalition viel über die Bedeutung von Kultur gesprochen werde, will SZ-Chefredakteur und Moderator Hans Werner Kilz wissen. Guttenberg – Klavierspieler, Literaturliebhaber, Opernfan – stöhnt da auf. „Leider allzu selten.“

Sorge bereite ihm, dass die Kulturförderung „ausblutet“. Im Publikum atmen Damen in Pastellkostümen aus, Erich Lejeune legt seine Stirn in Falten. „Wenn Geld für eine Blaskapelle im Bayerischen Wald gestrichen wird“, sagt der Chef der Staatsoper Nikolaus Bachler, „hat das auch Auswirkungen auf die Berliner Philharmoniker.“ Guttenberg nickt.

Was dagegen getan werden kann? Darüber wird gestritten. Theodor Weimer von der HypoVereinsbank empfindet viele Kulturangebote als zu elitär, Kilz hält mit dem Argument dagegen, das meist vermarktete Kulturgut Deutschlands derzeit sei die Magdeburger Band „Tokio Hotel“.

Siemens-Chef Peter Löscher erhebt seinen Mitgliedsstatus beim FC-Barcelona zum „kulturellen Akt“ und empfiehlt, in Kultur zu investieren, weil so ein „kreatives Umfeld“ entstehe. Und Chris Dercon, der Direktor vom Haus der Kunst, fordert ein „Recht auf Kultur“ und fragt: „Wo ist denn der Unterschied zwischen Kultur und Feuerwehr?“

Diese Frage kann selbst zu Guttenberg nicht beantworten. Ansonsten weiß er auf alles und jedes eine Antwort, und wenn er mal keine weiß, sind seine Sätze dennoch elegant formuliert, sanft vorgetragen, einsichtig schön.

„Das Wichtigste ist mir, dass wir Kinder an die Kultur ranführen“, sagt er ganz zum Schluss, „das leisten die Schulen nicht.“ Ein Raunen geht durch den Saal, die Menschen klatschen. Guttenberg blickt ins Publikum. Er sieht sehr zufrieden aus. Jan Chaberny

 

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