Leben mit Schamanen Cécile de France über den Film "Eine größere Welt"

Corine (Cécile de France) ist auf Sinnsuche. Foto: 2019 Haut et Court, 3x7 Productions, Tel France, Scope Pictures

Cécile de France nimmt mit in "Eine größere Welt"s mythischen Mix aus fiktiven Elementen und dokumentarischen Realismus, basierend auf der wahren Geschichte von Corine Sombrun und deren Buch "Mein Leben mit den Schamanen".

 

Die Tontechnikerin reist nach dem Tod ihres Mannes mit gebrochenem Herzen in der Mongolei, um ethnographische Tonaufnahmen zu sammeln. Sie erfährt, dass sie über die bei westlichen Menschen seltene Gabe zur Schamanin verfügt und begibt sich auf eine spirituelle Reise, die ihr Leben verändert. Für Frankreichs Star ist dieses Porträt eine Paraderolle, die sie nicht so schnell abschütteln konnte.

AZ: Glauben Sie an Geister oder waren Sie bereits mit der Welt der Schamanen vertraut?
CÉCILE DE FRANCE: Das war Terra incognita für mich. Beziehungen zum Tod kann man nicht erklären, da muss man einfach mal den Verstand ausschalten. Trotz aller Erdverbundenheit glauben die Mongolen an Geister. Schamanen sind so etwas wie Ärzte bei uns. Sie helfen nicht nur bei Krankheiten, sondern weisen dem Einzelnen den Weg durchs Leben. Mich interessierte zu Beginn vor allem die Persönlichkeit von Corine Sombrun. Eine Heldin und ein Beispiel an Mut und Freiheitsdenken, eine Figur, mit der man sich identifizieren kann. Sie ist keine Superfrau, sondern fragil und gleichzeitig stark, wird von Ängsten und Zweifeln drangsaliert und zeigt eine große geistige Offenheit. Die traditionelle Lehre des Schamanismus lässt sie an sich selbst wachsen und macht sie widerstandsfähig. Sie hat mir sehr geholfen, in dieses unbekannte Universum einzutauchen und ein bisschen besser zu verstehen.

Machten Ihnen die Trance-Zustände nicht manchmal Angst oder befürchteten Sie, die Kontrolle zu verlieren?
Angst ist ein schlechter Begleiter. Wir sollten dem Ungewissen aufgeschlossen begegnen und unsere Ängste überwinden. Neuland entdecken und neue physische Erfahrungen zu machen, ist elementar. Und warum müssen wir immer alles kontrollieren? Da der Film von Corines Leben inspiriert ist, war sie in den Prozess des Filmemachens eingebunden, doubelte sogar die Schamanin in einigen Trance-Szenen, wir konnten uns voll auf sie verlassen.

Wie haben Sie sich auf diese sicherlich schwierigen Szenen vorbereitet?
Ich habe mich sehr gut informiert und dann kopfüber in die Sache hineingestürzt. Ich war bei einer dieser von Corine geführten Zeremonien dabei und bin selbst in Trance verfallen. Es ist schwierig, die Empfindungen zu erklären und einige halten das alles vielleicht für verrückt. Wer im Hamsterrad rotiert, scheut vor Experimenten zurück. Aber für mich öffnete sich eine Tür in das mir auf den ersten Blick exotische und sehr alte Reich der Schamanen, in eine außersinnliche Wahrnehmung. Diese Fähigkeit existiert in vielen Kulturen, bei uns ist das Wissen um selbige inzwischen leider verkümmert.

Stehen Sie nach diesem Film dem Leben anders gegenüber?
Ich bin kein typischer Stadtmensch und brauche die Natur, um durchzuatmen. Durch die Arbeit am Film und die Begegnung mit dem Volk der Tsaatan und ihren Ritualen verstärkte sich meine Skepsis gegenüber dem westlichen Materialismus. Es geht nicht um Religion oder Esoterik, sondern um die Suche nach Harmonie mit der Natur, um eine unsichtbare und nicht greifbare Welt, die wir erfühlen sollten. Wir können nicht alles rational erklären und haben die Liebe zur Natur vergessen, gerieren uns als ihr Besitzer und missbrauchen sie, beuten sie aus. Der Aufenthalt in der Mongolei hat mich der Natur wieder näher gebracht und gelehrt, sie zu respektieren und ein Teil von ihr zu werden, mich intensiver für ihren Erhalt einzusetzen. Ihre Zukunft ist unsere Zukunft. Das darf kein Traum bleiben.

Welche Wirkung übte die Landschaft der Mongolei auf Sie aus?
Wir drehten in der Nordmongolei nahe der Grenze zu Sibirien. Schon dahin zu gelangen, entpuppte sich als Abenteuer. Eine total wilde Gegend, ohne Telefon, Elektrizität oder fließend Wasser, von Internet ganz zu schweigen. Man lässt die westliche Zivilisation hinter sich und lebt in einer Jurte, versteht sich mit den Nomaden ohne Worte und ist auf sich zurückgeworfen. Und glauben Sie mir, man kann das sogar genießen. Die Omnipotenz der Natur macht demütig, lässt unser Ego verschwinden.

Was bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?
Dass man plötzlich andere Prioritäten setzt und Kleinigkeiten würdigt. Man sucht Holz zum Feuermachen, kocht auf offener Flamme, vergnügt sich beim Bad im Fluss und schätzt Freuden wie das Lachen eines Kindes oder den Schrei eines Vogels. Die Trennung von Kopf und Körper ist plötzlich aufgehoben. Der Aspekt der Ganzheitlichkeit fasziniert mich.

Kann man nach solchen Erfahrungen zur Tagesordnung übergehen?
Jede Rolle absorbiert einen Teil von mir und bereichert mich. Natürlich kann ich diese Erfahrungen nicht sofort abschütteln, ich bin dankbar für das Erlebnis. Aber nach Drehende bin ich wieder in meinem eigenen Leben und offen für neue Herausforderungen. "Eine größere Welt" hat mir die Augen geöffnet für die Nachteile unserer an analytischem Denken orientierten Gesellschaft, die wir hinterfragen sollten. Aber nach jedem Film kommt der nächste mit neuen Aufgaben. Das ist ja das Schöne an meinem Beruf, dass ich immer neue Welten kennen lerne und mich nicht auf einen Charaktertypus festlegen muss, mich immer wieder neu erfinden kann.

Hätte auch ein Mann diesen Film so gefühlvoll realisieren können? Sie haben mit Regisseuren wie Cédric Klapisch, Clint Eastwood oder Claude Miller gedreht. Gibt es einen Unterschied in der Zusammenarbeit mit einem Regisseur oder einer Regisseurin?
Fabienne Berthaud hat eine sehr direkte Art, redet mit uns und hört aufmerksam zu. Sie fängt die kleinste Emotion ein. Andere achten mehr auf Technik. Einfühlungsvermögen gehört zur Grundausstattung von Regisseurin wie Regisseur. Ich mache da keinen Unterschied und wir sollten nicht ein Geschlecht gegen das andere ausspielen. Wir müssen alle raus aus unserem Kokon, in dem wir uns eingerichtet haben. Die Geschichte der Menschheit ist lang, in den letzten Jahrzehnten ging es vorwärts mit Änderungen. Erziehung ist alles. Es liegt an uns, die nächste Generation noch stärker für dieses Thema zu sensibilisieren, typisches Rollenverhalten und damit Machtstrukturen infrage zu stellen.  

Der Film kommt am Donnerstag in die Kinos.
 


 
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