Roman über Vladimir Horowitz "Der Klavierschüler" von Lea Singer

Vladimir Horowitz (li.) wird vom Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi mit dem Bundesverdienstkreuz geeehrt. Foto: dpa

Lea Singers Roman „Der Klavierschüler“ erzählt von einer schwulen Affäre des Pianisten Vladimir Horowitz

 

Scheu sei er wie die Garbo, vergöttert werde er wie Liszt und brillant spiele er wie kein anderer, schrieb der „Spiegel“ im Mai 1982 über den Pianisten Vladimir Horowitz. „Der habe gesagt, es gebe nur jüdische, schwule und schlechte Pianisten“, heißt es am Ende des Artikels, was der namenlose Verfasser mit der Pointe krönt: „Horowitz ist weder schwul noch schlecht.“

Heute, fast 40 Jahre später, ist es kein Geheimnis mehr, dass der 1903 im Schtetl von Berditschew in der damals russischen Ukraine geborene Pianist zwar mit der Tochter des Dirigenten Arturo Toscanini verheiratet war und mit ihr ein Kind zeugte, aber auch Affären mit Männern hatte. Es ist nur die Frage, ob das wirklich so interessant ist wie seine Aufnahmen des zweiten Brahms-Konzerts oder der Sonate von Liszt.

Die in München lebende Autorin Lea Singer gibt darauf mit ihrem Roman „Der Klavierschüler“ eine klare Antwort. Sie entdeckte vor einigen Jahren in einem Archiv die unveröffentlichten Memoiren des 1916 in Zürich geborenen Nico Kaufmann. Horowitz unterrichtete das Klaviertalent zwischen 1937 und 1939, wobei das erotische Interesse dominierte.

Beginn wie ein Krimi 

Das Buch beginnt wie ein Krimi: Zwei Sterbehelfer wollen einem an seiner Homosexualität leidenden Juristen den Todestrank reichen. Der hat aber kurz zuvor Schumanns „Träumerei“ gehört und ist aus seiner Villa am Genfer See ins Leben zurückgeflüchtet. In Zürich begibt er sich in eine Bar, wo er auf Kaufmann trifft, der ihm die „Träumerei“ vorspielt und von seinem Leben mit Horowitz erzählt.

Voyeure seien ausdrücklich gewarnt: Hin und wieder liegen Horowitz und Kaufmann nur nebeneinander im Bett, ehe sie sich zum Abschied küssen. Auch in der 1986 spielenden Rahmenhandlung passiert nichts, was Klosterschülerinnen oder Klosterschüler sittlich gefährden könnte.

Voyeure bleiben unbefriedigt

Lea Singers Zurückhaltung müsste kein Schaden sein, wenn sie durch eine psychologische Entwicklung aufgewogen würde. Stattdessen verlässt sich die Autorin allzu sicher auf die Dramatik des historischen Geschehens am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Dass sich bei wörtlicher Rede die Figuren oft heftigste Gedankensprünge leisten, mag dem richtigen Leben abgelauscht sein, erschwert aber auch die Lektüre.

Und leider weicht die Autorin dem Thema aus, in ihrem Künstlerroman eine These zum Verhältnis zwischen erotischem Begehren und der Kreativität zu riskieren. Die bald erlöschende Neugierde des Lesers halten aber Auftritte von Berühmtheiten wie Arturo Toscanini, Nathan Milstein oder Sergej Rachmaninow noch eine Weile wach. Auch Thomas Mann darf einen begehrlichen Blick auf Kaufmann werfen, ehe der Leser mit der küchenpsychologischen Weisheit abgespeist wird, dass Ehefrauen schwuler Männer zu vermännlichen pflegen.

Das zweite Leben fehlt

Lea Singer erwähnt zwar, dass die Homosexualität in der Schweiz ab 1942 – und damit deutlich früher als in Deutschland – entkriminalisiert wurde. Aber sie unterschlägt alles zu Kaufmanns späterem Leben, das nicht zur Tragödie einer mittelmäßigen Begabung passt, auf die sie hinausmöchte. Denn Kaufmann wurde kein Virtuose wie Horowitz, sondern Barpianist, Entertainer und Komponist von Kabarett-Chansons.

Internet-Seiten zur Geschichte der schwulen Schweiz berichten von einem erfüllten Leben im Umfeld der europaweit gelesene Schwulenzeitschrift „Der Kreis“ und ihrer rauschenden Feste. „Er war ein Lebens-Spieler, ein Narr Gottes – hatte in späteren Jahren Geld geerbt, womit er dankbar und großzügig lebte“, heißt es auf der Homepage der von Kaufmann eingerichteten Stiftung zur Unterstützung junger in der Schweiz lebender Musikerinnen und Musiker.

Während man sich als Lohn für die Lektüre dieses Romans eine Horowitz-Platte auflegt, drängt sich die Einsicht auf: Die mit Lea Singer identische Sachbuchautorin Eva Gesine Bauer hätte besser eine Biografie über das bunte Leben des Nico Kaufmann verfasst, anstatt sich aufs glatte Parkett eines Künstlerromans zu wagen, auf dem sie mit „Der Klavierschüler“ ausgerutscht ist.
    
Lea Singer: „Der Klavierschüler“ (Kampa Verlag, 224 S., 22 Euro). Die Autorin stellt ihr Buch am Montag, 11. März, um 20 Uhr, im Literaturhaus vor, Eintritt 12 Euro
 

 

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