Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeit Vereint gegen die Aufschieberitis

Bich (22) studiert Lehramt Grundschule und hängt jetzt noch ein Semester dran. Foto: Daniel von Loeper

„Ich hatte es mir fest vorgenommen – aber dann. . .“ Kennt irgendwie jeder. Bei der „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeit“ lernen Studenten, wie man solche Erledigungsblockaden bewältigt.

München - Zum Glück sind jetzt neue Verlängerungskabel und Mehrfachsteckdosen da. Bärbel Harju atmet auf, die Kiste ist randvoll, es kann wieder jeder Strom bekommen. Der ist hier im obersten Raum des Turms ein wichtiger Rohstoff.
Jeder hat einen Laptop dabei, die knapp 20 Tische sind beinahe voll besetzt. Auf den meisten stapeln sich Bücher, hier und da steht eine Thermoskanne oder eine Plastikdose mit Gemüse. „Wir hatten mit 50 bis 100 Studierenden gerechnet“, sagt Bärbel Harju, „angemeldet haben sich 300. Und gekommen sind noch mehr.“

Zwei Hörsäle hat das Team der Münchner „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeit“ deshalb noch schnell dazugebucht, und der Lehrturm der Ludwig-Maximilian-Universität ist nun voll von Menschen, die sich Hilfe holen wollen gegen ihre „Aufschieberitis“.

Von 16 bis 23 Uhr gibt es kostenlos Kaffee, Kekse – und Kommunikationsangebote. Für Studierende, die mit ihrer Seminararbeit nicht fertig werden. Und stattdessen die Gardinen waschen oder sich für jede halbe Stunde Textarbeit mit vier Folgen der Lieblingsserie belohnen.

Jeden ersten Donnerstag im März wird die internationale „Nacht der aufgeschobenen Hausarbeit“ begangen, und in diesem Jahr zum ersten Mal auch an der LMU. „Der Druck auf die Studenten ist gestiegen“, sagt Bärbel Haju, die Leiterin des Schreibzentrums, das an der Uni im Januar eröffnet hat. „Das liegt vor allem an den modularisierten Studiengängen, man kann nicht mal eine Seminararbeit versemmeln oder eine Arbeit ins nächste Semester verschleppen.“

Die psychosozialen Anlaufstellen von deutschen Universitäten würden in den vergangenen Jahren immer mehr in Anspruch genommen, „die Studierenden sehen also auch, dass sie Hilfe brauchen“. Die besteht hier konkret aus Tutoren für die verschiedenen Fachbereiche im Schreibzentrum unter dem Dach, einem ruhigen Arbeitsumfeld in mehreren Sälen, in denen große, bunte „Pssst!“-Schilder hängen, und Angeboten, um die Arbeit aufzulockern – sieben Stunden am Stück schreiben soll hier niemand.

Deshalb gibt es zum Beispiel mehrere Workshops eines fidelen Motivationstrainers als Abhilfe gegen die Prokrastination, Powernapping, Lockerungsübungen für den verspannten Schreibtischrücken und um halb 10 den Nachtspaziergang durch den Englischen Garten.

Science Café: Mit Wissenschaftlern am Wirtshaustisch

Die 22-jährige Bich hat Lehramtsliteratur vor sich liegen. Sie ist seit 16 Uhr hier, will ihre Zulassungsarbeit schreiben zum Thema Leseförderung, um zur Ersten Staatsprüfung zugelassen zu werden. Den Abgabetermin am 1. April wird sie verpassen, das weiß sie schon – 60 bis 80 Seiten sind zu schreiben, sie hat erst 15. „Ich hatte mir noch vor zwei Wochen fest vorgenommen, das zu schaffen“, sagt sie, „aber dann ist immer etwas dazwischengekommen.“ Bisher hat es immer geklappt mit dem Last-Minute-Schreiben, „aber diesmal eben nicht“. Nun hängt sie noch ein Semester dran.

Die meisten hier erklären mit halbverlegenem Lachen, dass sie „das immer so“ machen, dass das ja „meistens auch klappt“ und sie „unter Druck am besten arbeiten“. „Man wendet sich in der Schreibphase dann auch meistens an Leute, die auch aufschieben“, sagt die 20 Jahre alte Maria.

Im Workshop erklärt Motivationstrainer Oliver Zigann, dass man unliebsame Arbeit in kleinere Einheiten aufteilen und sich für das Erreichen von Zielen belohnen sollte. Dass man sich auch Hilfe von außen holen kann – etwa von Freunden. Und dass man sich auch die Fragen stellen sollte, die man vielleicht vermeiden will: Schiebe ich diese Arbeit vor mir her, weil ich nicht weiß oder eigentlich gar nicht mag, was nach diesem Abschluss auf mich wartet? „Man sollte sich hin und wieder die Sinnfrage stellen“, sagt Zigann, „auch wenn das unangenehm ist. Und dann lieber früh genug die Ausfahrt nehmen, als zu spät.“

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Ein Vortrag von ihm, einmal um den Kleinhesseloher See flanieren, ein paar Minuten Beratung – das löst natürlich noch nicht alle Knoten im Kopf oder schafft die Faulheit ab. Doch es geht hier um neue Impulse, neue Sichtweisen und das Gefühl, nicht allein zu sein. Und Martin, der eben mit einer großen Trommel im Gepäck und „eher aus Verzweiflung als aus Neugier“ angekommen, ist ziemlich sicher, dass er seine Hausarbeit in Technikethik jetzt pünktlich fertigbekommt

 

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