Ladensterben geht weiter München: Aus für Traditionsgeschäft im Rathaus

30 Jahre lang hat Heidemarie Pauli (78) in ihrem kleinen Laden im Rathaus Knöpfe, Broschen, Hutfedern, Kropfketten und vieles andere mehr verkauft. Foto: Marie Heßlinger

Nach 268 Jahren muss das Schmuckgeschäft Riederer im Rathaus schließen – trotz eines potenziellen Nachfolgers.

 

München - Die Schrankwand hinter der Ladenkasse ist ein Meisterwerk der Handwerkskunst: 236 Schubladen gibt es allein für die vielen nach Farben sortierten Knöpfe. In 99 weiteren Schubladen liegen viele Kuriositäten wie "Büffelhorn-Schließen" oder "Piroschkaverschlüsse". Hinter Glasscheiben werden glitzernde Gürtel und bunte Broschen aufbewahrt.

Heidemarie Pauli weiß nicht, wie alt der Holzschrank ist. "Er war schon da, als ich hier angefangen habe." Das war vor 57 Jahren. Damals war die gelernte Schmuck- und Uhrenverkäuferin 21. Seit rund 30 Jahren ist sie Inhaberin des Traditionsgeschäftes "Riederer", das es seit 1752 gibt. Nun steht der Laden im Rathaus vor dem Aus.

EU-Richtlinie: Stadt muss Neuvermietung ausschreiben

Pauli gibt ihr Geschäft aus gesundheitlichen Gründen auf. "Ich hatte die perfekte Nachfolgerin", sagt die 78-Jährige. "Anderthalb Jahre habe ich mit dem Rathaus gekämpft." Ohne Erfolg.

Laut EU-Richtlinie muss die Stadt eine Neuvermietung offiziell ausschreiben. Da der Stadtrat 2018 für den Erhalt traditioneller Geschäfte gestimmt hat, sind Ausnahmen bei inhabergeführten Geschäften zwar möglich. Doch dafür hätte Paulis Nachfolgerin eine Familienangehörige oder eine Person sein müssen, die bereits im Laden mitgewirkt hat. Pauli hätte einige Zeit mit ihrer Nachfolgerin gemeinsam im Laden arbeiten müssen. Sie habe jedoch "gekündigt, ohne rechtzeitig einen potenziellen Nachfolger ins Geschäft aufzunehmen", heißt es vonseiten der Stadt.

"Alles faule Ausreden", sagt Pauli empört. "Das wäre gegangen, wenn meine Nachfolgerin zehn, zwanzig Jahre bei mir gearbeitet hätte! Aber wissen Sie, wie alt ich bin? Soll ich noch zehn Jahre arbeiten?" Am 20. Januar öffnet die 78-Jährige ihre Ladentüre ein letztes Mal. In der Woche vor Ladenschluss ist der kleine Raum voller Stammkundinnen, die Abschied nehmen. Eine von ihnen ist Christine Jehle. "Es ist unglaublich, was in dem Laden drin ist," sagt die Kundin: "Ein echtes Schatzkästchen."

"Nur Massenware" - Ladenlandschaft in München zu einseitig

In dem Schatzkästchen finden sich Fingerhüte und Silberdöschen, Hutfedern und Handtaschen, Kropfketten und Charivarianhänger. Das Wichtigste aber: Pauli verkauft nicht nur preisgünstigen Schmuck, sie repariert ihn auch. "Wenn es ihren Laden nicht mehr gibt, muss man nach Wien fahren", schimpft Jehle. In München sei die Ladenlandschaft zu einseitig: "Alles nur noch Massenware", bedauert die 82-Jährige.

Um Ladenketten Einhalt zu gebieten, die "Massenware" verkaufen, kommt die Stadt zwar kleinen Händlern bei der Miete entgegen. Doch das hilft Pauli nun auch nicht mehr. Ihren Laden wird das Rathaus sanieren. Und den alten Schrank wird Pauli entsorgen müssen.

 

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