Kurioser Brief-Detektiv Er entziffert jede Anschrift!

Ein "Detektiv" kümmert sich bei der Post um die Briefe, die aufgrund von unidentifizierbaren Anschriften nicht zugestellt werden können - eine kuriose Auswahl in Bildern. Foto: AZ

Erwin Holzapfel (54) ist ein wandelndes Stadtadressbuch, ein Postleitzahlen-Computer, Grafologe und Hellseher in einem: Jetzt, kurz vor Weihnachten, hat er besonders viel zu tun

MÜNCHEN - Frau Ngyin aus der thailändischen Provinz Ang Thong muss München für ein recht überschaubares Dörfchen halten. So klein, dass der örtliche Postbote sogar die Telefonnummer ihres Enkels kennt – der junge Mann wohnt seit einiger Zeit hier. Mit zittriger Krakelschrift malte sie also dessen Namen auf das kleine braune Packerl, das sie ihm in seine neue Heimat schicken wollte. Dazu schrieb sie „Munchen“ – und: seine Handynummer. Tage später landet das Paket auf dem Schreibtisch von Erwin Holzapfel in der Ermittlungsstelle des Briefzentrums an der Arnulfstraße.

„Omeiomei“, sagt der quirlige Bürstenschopf, und muss gleich lachen. „Was isn des scho wieda“. Dann erbarmt er sich, greift zum Hörer und ruft die Nummer an. Ob der Herr denn eine Frau Ngyin aus Thailand kenne, fragt er den Mann in der Leitung. Ah ja? Ob er womöglich Post erwarte? Soso, die Oma wollt was schicken. Ja, und wo er denn, bittschön, wohne? Pasing? Bodenseestraße? Ahso. Gut. Päckchen sei unterwegs, und einen schönen Tag noch. Wieder einen Münchner glücklich gemacht.

Das tut Erwin Holzapfel (54) jeden Werktag einige dutzend Male. Der Mann ist ein wandelndes Stadtadressbuch, Postleitzahlen-Computer, Grafologe und Hellseher in einem. Seit 33 Jahren arbeitet Holzapfel bei der Post als einer von vier Post-Detektiven. Es ist nämlich so: Unter den rund 4,5 Millionen Briefen, Packerln, Postkarten oder Liebesbotschaften, die da an jedem normalen Tag ankommen, sind an die 3000 kryptisch, lückenhaft oder ganz falsch adressiert. Noch schlimmer ist es jetzt, in den Tagen vor Weihnachten, da kommen fast doppelt so viele Sendungen an – und doppelt so viele falsch beschriftet.

Mit den häufigsten Fehlern (wie keine oder eine falsche Postleitzahl, falsche Hausnummern oder fehlerhaft geschriebene Straßen) wird die Spürnase schnell fertig. Er hat von beinahe allen 5000 Münchner Straßen die Postleitzahlen, die korrekten Schreibweisen und die Lage in der Stadt im Kopf. „Ich war ja am Anfang 15 Jahre lang Kraftfahrer bei der Post. Ich kenn in München jeden Briefkasten“, sagt er. An die 150 Fälle am Tag sehen auf den ersten Blick allerdings so aus, als könnten sie ihr Ziel nie erreichen.

Da stehen zum Beispiel nur Vornamen drauf mit vagen Ortsbeschreibungen. Nicht entzifferbare arabische, georgische, chinesische Zeichen. Oder kryptische Abkürzungen ohne Ortshinweis. Da braucht’s Kombinationsgabe, Ehrgeiz, Jagd-Instinkt. „80 Prozent“, sagt er, „mach i mit Intuition. Wenn i nach acht Stundn hoam geh, bin i damisch – aber mir findn 99,5 Prozent“.

Den Herrn Holbein* zum Beispiel, für den gerade eine Glückwunsch-Karte ankam. „Alles Glück bei deiner neuen Hütte. Wir kaufen uns lieber Bier“, haben die Freunde da draufgeschrieben – und die Adresse: „Hr. Holbein, Neubau gegenüber TMG Gymnasium, München“. Höglwörtherstraße in Solln, kombiniert Holzapfel, der das TMG als Thomas-Mann-Gymnasium identifiziert. Schräg gegenüber ist ein Herr mit dem gesuchten Namen gemeldet.

Oder den „Onkel Herbert Graupner*“, dem sein Neffe aus Marrakesch eine Postkarte schreibt: „Danke fürs Urlaubsgeld“, steht da, aber sonst bloß: „Hinterm Friedhof 12, München“. Holzapfel geht alle Graupners in München durch, und kommt auf den Gesuchten: in der Zieblandstraße. Die grenzt an den Alten Nördlichen Friedhof in Schwabing. Ein Leichtes ist es, ein braunes Kuvert aus der Türkei seiner Bestimmung zuzuführen. Die kryptische und ein bissl dünne Adresszeile „T.C. Münih Baskonsoloiluguna, Almanya“ erkennt er als Post fürs Türkische Generalkonsulat in der Menzinger Straße – ein bissl türkisch kann er inzwischen halt auch.

Nur bei der Weihnachts-CD mit Kugelschreiberherzl und den Namen „Miri und Biggi“ auf der Rückseite – die hoffnungsvoll aber grandios lückenhaft an „Jimi Blue aus Sommer!, München“ adressiert ist – ist Detektiv-Kollege Gerd Makrewitz (59) eindeutig schneller. Der hat nämlich Töchter im Teeniealter. Klickt sich durch die interne Post-Datenbank lachend bis „Ochsenknecht“ durch. Und, tja, findet die Adresse des Teenie-Stars (die wir an dieser Stelle leider nicht verraten dürfen).

Was mit den hunderten von Briefen passiert, die die Münchner Kinder „ans Christkind“ geschrieben haben, von dem nun auch nicht so ganz klar ist, wo’s denn nun eigentlich sein Zuhause hat, erklären die Detektive hingegen gern: Sie schicken sie weiter: „An das Christkind, Kirchplatz 3, 97267 Himmelstadt“. Da sitzen Kollegen, die sich drum kümmern, dass die Briefe auch beantwortet werden. Und die paar dutzend Brief-Adressen täglich, die beim besten Willen nicht zu identifizieren sind? Gehen an den Absender zurück (sofern lesbar). Oder landen in Marburg. In der Briefermittlungsstelle. Dort dürfen Spezial-Fahnder die Post aufmachen und im Inneren weitersuchen nach dem richtigen Empfänger. 

* Namen geändert

 

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