Kunstminister Bernd Sibler im Interview

Bernd Sibler im Ministergang seines Ministeriums am Salvatorplatz. Foto: Bernd Wackerbauer

Kunstminister Bernd Sibler über die Zukunft des Hauses der Kunst, überzogene Baukosten, Bayreuth und sein Faible für Karl V.

 

Beim Sieben-Kilometerlauf in Plattling hat letzte Woche die Uhr nach 28 Minuten und 31 Sekunden gestoppt. „Fast persönliche Bestzeit“, sagt Kunstminister Bernd Sibler. Seit fünf Monaten ist er nun in seinem neuen Amt, die Kondition hat jedenfalls noch nicht gelitten. Vier, fünf Mal die Woche trainiert Sibler, meist vor 6 Uhr morgens. „Es ist die halbe Stunde, die nur mir gehört“, betont er und nutzt die Laufzeit zum Abschalten – oder doch zum Pläne schmieden für den Tag im Ministerium.

AZ: Herr Sibler, Sie haben früher Deutsch und Geschichte unterrichtet. Waren Sie ein guter Lehrer?
BERND SIBLER: Ich war sehr gern Lehrer! Und ich habe Schülerinnen und Schüler getroffen, die gesagt haben: Schade, dass Sie in der Politik sind.

In der Politik kann man sicher mehr für die Schulen bewirken, aber sitzen Sie dazu nicht im falschen Ministerium?
Irgendwo stand, ich sei die bildungspolitische Allzweckwaffe der CSU. Damit kann ich gut leben. Ich war ja viereinhalb Jahre Staatssekretär im Wissenschaftsbereich und habe seit 2008 immer zwischen den Schulthemen und den Wissenschaftsthemen gewechselt. Es schadet jedenfalls nicht, wenn man als Verantwortlicher für die Hochschulen auch die Schulen gut kennt. Die Schnittstellen sind sensibel, ich denke etwa an den Einstieg ins Studium. Mit dem Kollegen im Kultusministerium arbeite ich sehr gut zusammen. Wir verstehen uns, und so läuft die Koalition auch gut.

Sie betonen gerne, dass Ihnen der demokratische Zugang zur Bildung, aber auch zur Kunst unglaublich wichtig ist.
Richtig! Gerade hier hat der Staat eine hohe Verantwortung, auch wenn das im Konkreten nicht immer einfach ist. Aber ich arbeite daran. Ich möchte Kunst und Kultur zu den Menschen bringen. Zum Beispiel beteiligen wir uns neuerdings mit unseren Staatstheatern am München-Pass, mit dem Bürgerinnen und Bürger mit geringem Einkommen 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn günstig an Eintrittskarten kommen können. Das ist für mich ein kleiner, aber wichtiger Beitrag für mehr Gerechtigkeit. Ich bin ein Eisenbahnerkind aus Plattling und habe in Passau studiert. Dort hätte ich mir keine Wohnung leisten können. Ich konnte aber umsonst mit der Bahn pendeln, weil mein Vater Lokführer war. Von daher konnte ich mir das Studium leisten. Ich hätte gerne Englisch studiert, aber ein Auslandssemester war nicht drin. Insofern gilt mein großes Augenmerk der Teilhabe, dem sozialen Aspekt des kulturellen Angebots.

Wie sehen das Ihre Plattlinger Freunde, wenn hunderte Millionen Euro in den neuen Konzertsaal, ins Haus der Kunst oder ins Deutsche Museum fließen – alles in München?
Das Deutsche Museum muss ich nicht verteidigen, selbst mit der Baustelle ist es das am besten besuchte Museum Deutschlands. Natürlich sind die Investitionen in München auch umstritten, man muss dann schon deutlich machen, warum sie nötig sind. Ich habe mich damals als Hochschulausschussvorsitzender massiv für die Sanierung des Gärtnerplatztheaters eingesetzt – einfach, weil es notwendig und wichtig war. Es gibt ja auch sogenannte weiche Standortfaktoren, die wirtschaftlich bedeutend sind. In den letzten Monaten hat die „New York Times“ darüber berichtet, auf welch engem Raum in München Weltklasse-Kunst zu sehen ist. Das hat nichts mit „Mia san mia“ zu tun! Wir dürfen uns ruhig klar machen, dass wir beispielsweise mit den Pinakotheken und dem Museum Brandhorst, mit dem Residenztheater und der Staatsoper in der Weltspitze mitmischen.

Davon hat aber der Rest des Bundeslandes nicht allzu viel.
Dann muss man den Touristen eben Packages anbieten, die neben München auch Augsburg, Regensburg, Nürnberg, Würzburg oder Passau enthalten. Da lohnen sich Gespräche, auch mit dem Tourismus, um solche Konzepte zu entwickeln. Ansonsten erhöht es natürlich die Akzeptanz der Münchner Institutionen, wenn sie auch aus ihrer Umgebung herausgehen. Dass Professor Maaz von den Staatsgemäldesammlungen vor ein paar Wochen im Porzellanikon in Selb mit dabei war, werte ich als wichtiges Signal. Austausch schafft Akzeptanz. Genauso versuchen wir, die nichtstaatlichen Museen in der Fläche besser zu vernetzen. Wir machen schließlich nicht nur Kultur für München. Insofern kann ich meine Plattlinger Freunde beruhigen: Wir tun viel für die Regionen! Kunst und Kultur findet im ganzen Freistaat statt.

Welche ist denn Ihre größte Baustelle?
In München natürlich das Haus der Kunst. Da kam sicher vieles zusammen, aber wir konnten das Ausstellungshaus in den letzten Monaten in ruhigere Bahnen lenken. Besonders wertvoll ist unser Expertenrat, der das Haus der Kunst zwei Jahre lang strategisch und programmatisch unterstützen wird. Und wir haben uns mit der Findungskommission für eine neue künstlerische Leitung gut aufgestellt. Das zusammen hat vieles entspannt. Jetzt müssen wir möglichst rasch eine geeignete Persönlichkeit finden.

Um die leidige Diskussion abzuschließen: Muss die neue künstlerische Leitung Deutsch sprechen?
Schaden würde es nicht. Aber wir haben natürlich das Gesamtpaket im Blick. Uns ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit das Haus positiv auf- und annimmt. Kunst darf nicht nur etwas Elitäres sein, Kunst muss demokratisch sein – und das soll sich auch in den Besucherzahlen widerspiegeln.

Sie meinen, das Programm sollte populärer werden?
Einen Tick vielleicht, doch ich werde mich sicher nicht in das Ausstellungsprogramm einmischen. Das ist Aufgabe der künstlerischen Leitung. Aber natürlich ist die Akzeptanz höher und es stärkt auch meine Verhandlungsposition bei weiteren Investitionen, wenn die Besucherzahlen stimmen. Das muss keineswegs gegen die Qualität gerichtet sein. Qualität steht auf jeden Fall an erster Stelle. Ich wünsche mir, dass es gelingt, neue, junge Publikumsschichten anzusprechen und bei der Kulturvermittlung noch stärker zu werden.

Das Haus der Kunst muss aber auch saniert werden. Wie sieht der Zeitplan aus?
Zuerst müssen wir eine neue künstlerische Leitung finden. Ich kann kein Ausstellungshaus an jemandem vorbei sanieren, der es leiten soll. Unser Ziel ist es, nicht komplett zu schließen. Das Haus soll möglichst während der Sanierung weiter bespielt werden – wenn das baulich und wirtschaftlich darstellbar ist.

Der ursprüngliche Zeitplan ist schon gerissen, erfahrungsgemäß führt das nicht gerade zu einer Senkung der Kosten.
Wir hatten in letzter Zeit einige Budgetüberschreitungen im Baubereich, das darf so nicht weiter gehen. Wenn wir über Akzeptanz reden, dann kann es nicht sein, dass Kostensteigerungen normal sind, nur weil der Staat baut. Die Mittel sind endlich. Ich werde darauf achten, dass nicht dauernd umdisponiert wird. Das verursacht ja auch Kostensteigerungen. Wie hat doch Herzog Franz gesagt: Man soll groß denken, aber nicht großspurig. Diese Ansicht teile ich.

Und wie wird es mit dem Kunstareal weitergehen? Denken Sie an eine Änderung der Verkehrsführung?
Dass man die Nutzungsrechte für die Urheberrechte am zweiten Bauabschnitt der Pinakothek der Moderne erwerben konnte, ist ein ganz entscheidender Schritt. Damit kann man das Areal der ehemaligen Türkenkaserne und damit auch das Kunstareal insgesamt neu planen. Aber bevor wir über den Verkehr nachdenken, wäre mir ein einheitliches Eintrittsangebot wichtiger. Zu beidem sind wir mit der Stadt München in Gesprächen.

Wie läuft diese Zusammenarbeit beim Konzertsaal?
Gut! Ich habe mich auch schon mehrmals mit Dieter Reiter getroffen, um kulturelle Fragen zu besprechen. Mir hätte die Lösung im Deutschen Museum übrigens auch gefallen, aber der jetzige Standort hinter dem Ostbahnhof ist eine interessante Lösung. Sie bietet viele Perspektiven. Das Münchner Werksviertel bedarf der Weiterentwicklung, und das kann mit dem Konzertsaal sehr gut gelingen.

Auch die Rock- und Popszene würde gerne von neuen Spielorten profitieren.
Das Konzept wurde ja bereits deutlich über die Klassik hinaus erweitert. Im Mittelpunkt soll die Kulturvermittlung stehen. Wir bauen ein Konzerthaus in München, aber für ganz Bayern. Und für jedes Alter!

Wird es einen Intendanten geben?
Es soll eine künstlerische Leitung geben zur Profilierung des Programms.

Viele stören sich daran, dass vor allem die klassische Musik gefördert wird.
Wir fördern alle Sparten, zum Beispiel auch über das Instrument des Kulturfonds Bayern – in der ganzen Fläche des Freistaats! Ich sehe aber auch den Bedarf im Popbereich. Daher möchte ich Rock, Pop und Co. noch mehr in den Blick nehmen. Auch, um noch mehr ins Gespräch zu kommen.

Auch auf dem Grünen Hügel stehen Entscheidungen an. Bleibt die Leitung der Bayreuther Festspiel bei der Familie Wagner?
Für die Bayerische Staatsregierung kann ich wohl sagen, dass Bayreuth ohne die Familie Wagner nicht vorstellbar ist. Ich habe schon eine Reihe Gespräche geführt. und ich bin zuversichtlich, dass wir das Thema vor den nächsten Festspielen gelöst haben.

Sind Sie eher ein Anhänger der Oper oder des Sprechtheaters?
Ich gehe sehr gerne in die Oper, sie hat als Gesamtkunstwerk schon den Hauch des Besonderen. Und unser Nationaltheater ist mit das beste Haus weltweit. Hier haben Nikolaus Bachler und Kirill Petrenko Herausragendes geleistet – und die Auslastung liegt fast bei 100 Prozent. Das freut mich natürlich sehr. Zuletzt hat mir Ernst Kreneks „Karl V.“ ausgesprochen gut gefallen. Diese Oper ist schwer zu inszenieren, und für mich als Historiker sind diese Reflexionen über Karl V. schon beeindruckend. Er ist für mich ohnehin der interessanteste Kaiser der deutschen Geschichte, auch wenn er gescheitert ist. Im Sprechtheater bin ich ein Freund der Klassiker. Natürlich habe ich mir im Residenztheater Schillers „Räuber“ angesehen. Das Stück ist großartig und die Inszenierung mit dem riesigen Laufband auch ästhetisch ansprechend.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading