Kunstgeschichte Die Wiederentdeckung der schwedischen Malerin Hilma af Klint

Gemälde von Hilma af Klint. Foto: Filmverleih

Lange nach ihrem Tod 1944 wurde die schwedische Malerin Hilma af Klint entdeckt. Nach erfolgreichen Ausstellungen zeigen nun auch ein Buch und eine Filmdoku, dass die Kunstgeschichte korrigiert werden muss.

 

Wahrscheinlich sind sie sich 1914 sogar begegnet: Hilma af Klint und Wassily Kandinsky stellten beide in Malmö aus. Doch was hätten sich die schwedische Malerin und der intellektuelle Kopf des "Blauen Reiter" damals schon zu sagen gehabt? Zumal Klint wieder einmal mit Akademisch-Naturalistischem antrat, anstatt das zu zeigen, was uns seit einigen Jahren so ungemein verblüfft: farbintensive Bilder voller Kreisel, Blasen, Linien und Spiralen, kurz, Formationen und Farben, die um 1906 weit in die Zukunft weisen.

Unwillkürlich fragt man sich, wie Kandinsky auf diese Malerei reagiert hätte. Wäre der selbstgewisse Künstler, der das erste abstrakte Bild – 1911 geschaffen – für sich beanspruchte, wutschnaubend davongeeilt? Hätte er überhaupt erkannt, dass ihm eine zierliche Frau den Podestplatz streitig machen könnte? Und wenn doch, wäre es nicht ein Leichtes gewesen, ihr Werk als ornamentalen Hokuspokus abzutun, da sich Klint als malendes Medium begriff?

Es gibt gute Gründe, sich mit dieser ganz außergewöhnlichen Künstlerin zu beschäftigen, und keineswegs nur, weil sie den durchweg männlichen Heroen der Abstraktion ein paar Nasenlängen voraus war. Unter dem Titel "Hilma af Klint. Die Menschheit in Erstaunen versetzen" hat die Kunsthistorikerin und langjährige FAZ-Redakteurin Julia Voss eine Biografie geschrieben, und passend dazu kommt diese Woche Halina Dyrschkas Filmdokumentation "Jenseits des Sichtbaren" in die Kinos.

Das Universum fassen

Eine rätselhafte Frau wird da gefeiert, frei im Denken, couragiert und zurückhaltend zugleich. Nichts weniger als das Universum will sie fassen, und man fremdelt heute besonders mit ihrem Hang zum Mediastischen. Der "Einfluss der spirituellen Welt" beschere ihr "seltene und wunderbare Anweisungen", schreibt sie – und malt mit sagenhafter Energie weit über 100 Bilder in nur einem Jahr. Wobei spiritistische Sitzungen im späten 19. Jahrhundert gerade auch in Künstlerkreisen nichts Ungewöhnliches sind (man denke an den Münchner Affenmaler Gabriel von Max).

Das Unsichtbare, das große Wirkung tut, liegt ja auch in der Luft: 1889 werden die Radiowellen entdeckt, 1895 die Röntgenstrahlen, 1897 die Radioaktivität. Hilma af Klints Schaffen vornehmlich unter dem Gesichtspunkt des Spirituellen, Okkulten zu betrachten, wäre dann allerdings zu kurz gegriffen. Dazu stand die Künstlerin zu sehr im Leben, dazu war sie zu talentiert und zu gut ausgebildet. Die frühen Zeichnungen der 1862 geborenen Tochter eines Marineoffiziers spreche eine virtuose Sprache, egal ob sie sich mit Pflanzen, Insekten, Landschaften oder Porträts befasst.

Nach der Akademie in Stockholm konnte Klint davon auch ganz passabel leben, abgesehen davon wurde sie gerade vom Vater immer wieder ermutigt zu malen und bereits als junges Mädchen mit der Mathematik, der Navigation oder der Astronomie vertraut gemacht. Und selbst zu diesen Gebieten könnte man in Klints Kompositionen Verbindungen herstellen, man denke an Kurvendiskussionen und Umlaufbahnen von Planeten.

Ein überforderter Neffe

Dass sie diese Arbeiten nie ausgestellt hat, darf man inzwischen bezweifeln. Immerhin brachte sie 1908 den bestens vernetzten Theosophen Rudolf Steiner dazu, sich ihr Werk anzuschauen, doch der spätere Begründer der Anthroposophie reagierte harsch: Diese Art zu arbeiten sei unangemessen, die Zeitgenossen würden diese Bilder nicht akzeptieren, vielleicht 50 Jahre später. Dass ihr die Anerkennung schließlich noch länger versagt bleiben sollte, hat auch mit der Künstlerin selbst zu tun. Als sie 1944 an den Folgen eines Trambahnunfalls starb, gingen sämtliche 1500 Gemälde, Aquarelle und Skizzen sowie Notizbücher mit über 26 000 Seiten an ihren Neffen Erik. Der war damit völlig überfordert, vor allem aber bestimmte Klint, dass ihr Nachlass erst 20 Jahre nach dem Tod geöffnet werden dürfe.

Die zunächst eher sachte Verbreitung ließ dann bis in die 1980er und 90er Jahre auf sich warten. Doch die große Unbekannte, zu der sie jetzt im Rummel um Buch und Film stilisiert wird, ist Hilma af Klint schon lange nicht mehr. Die 2013 im Moderna Museet in Stockholm eröffnete Retrospektive ging um die Welt und hatte über eine Million Besucher. Dem New Yorker Guggenheim Museum bescherte die Schwedin vor einem Jahr die erfolgreichste Ausstellung des Hauses überhaupt. Dazu kam etwa in München die Schau "Weltempfänger", mit einer im Fall Af Klints freilich nicht ganz glücklichen Ausrichtung auf Malerinnen, die sich als Medium begriffen.

Die Kunstgeschichte gehört endlich korrigiert

Es wäre an der Zeit, das Œuvre dieser Künstlerin mit Kandinskys Farbkreisen und Malewitschs Quadraten zu konfrontieren, mit Klees geometrisch zerpuzzelten Welten und Warhols kolorierten Porträts. Selbst Cy Towmblys "universale Schrift", die sich mit dem rhythmischen Schwung begnügt, hat Hilma schon über 50 Jahre früher ausprobiert. Julia Voss und die Klint-Fürsprecherinnen der Doku haben recht, die Kunstgeschichte gehört endlich korrigiert.

Buch von Julia Voss: "Hilma af Klint. Die Menschheit in Erstaunen versetzen" (600 Seiten, Fischer Verlag, 25 Euro); Film "Jenseits des Sichtbaren. Hilma af Klint", Regie Halina Dyrschka, 93 Min., ab Donnerstag im Kino


 
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