Kunstdiebstahl Stefan Koldehoff und Tobias Timm über Kunst und Verbrechen

 Foto: Robert Braunmüller / TV/Medien

Vom Diebstahl bis zur Geldwäsche – die Liste der Kunstverbrechen ist lang. Stefan Koldehoff und Tobias Timm haben ihre Ergebnisse in ein aufregendes Buch gepackt

 

Was gut und teuer ist, scheint die Fantasie der Verbrecher ganz besonders anzuziehen. 64 Milliarden Dollar wurden im letzten Jahr auf dem internationalen Kunstmarkt umgesetzt, und die Schadenssummen durch Fälschungen, Diebstahl oder Steuerbetrug sind mit über 8 Milliarden Dollar immens. Stefan Koldehoff und Tobias Timm haben spektakuläre Fälle in ihrem Buch „Kunst und Verbrechen“ zusammengetragen. Wir haben mit den Kunstmarktexperten über dubiose Geschäfte, Gier, Gewalt und den kürzlich gestohlenen Van Gogh gesprochen.

AZ: Herr Koldehoff, Herr Timm, das Verbrechen rund um die Kunst wird immer perfider – in Holland haben die Diebe jetzt auch noch die Corona-Krise ausgenutzt.
STEFAN KOLDEHOFF: Wahrscheinlich klingt das jetzt zynisch, aber damit war leider zu rechnen: leere Straßen, Personalknappheit auch bei Wachen und Polizei, kaum Zeugen unterwegs und eine Glastür im Singer Museum von Laren, die sich offensichtlich innerhalb kurzer Zeit zertrümmern ließ.

Bei den letzten großen Museumsdiebstählen fällt überhaupt auf, dass mittlerweile viel Gewalt im Spiel ist.
TOBIAS TIMM: Ja, da sind nicht mehr die Gentlemen-Diebe im gut geschnittenen Anzug unterwegs, sondern kriminelle Banden, die sich mit Äxten und hydraulischen Geräten in Sekundenschnelle Zugang zum Museum verschaffen und die Kunstwerke mit brutaler Gewalt an sich bringen. Die Riesengoldmünze „Big Maple Leaf“ zum Beispiel wog 100 Kilo und wurde in wenigen Minuten aus dem Bode-Museum geschafft. Inzwischen muss man wohl davon ausgehen, dass sie zerteilt und eingeschmolzen wurde. Auch bei den Juwelen im Grünen Gewölbe in Dresden sind die Täter in ganz kurzer Zeit mit großer Brutalität vorgegangen. Und auch in diesem Fall ist zu befürchten, dass die Steine umgeschliffen wieder auf den Markt gelangt sind.

Gibt es eine Verschiebung vom Interesse am kulturellen hin zum reinen Materialwert?
KOLDEHOFF: Definitv. Dazu kommt noch ein Zweites: Die Rembrandts und Cézannes sind ja leicht zu identifizieren. Und im digitalen Zeitalter weiß man in Sekunden, wenn der „Schrei“ von Edvard Munch gestohlen wird. Das lässt sich dann nicht mehr so leicht absetzen.

Das dürfte auch bei Van Goghs „Frühlingsgarten“ ein Problem sein.
KOLDEHOFF: Deshalb ist es erstaunlich, dass dieses Bild gestohlen wurde. Mit nur 25 x 27 Zentimetern ist es zwar so klein, dass es sich gut wegtragen lässt. Aber auch der dümmste Dieb weiß inzwischen, dass sich ein solches Gemälde nicht verkaufen lässt. Jedenfalls nicht auf dem legalen Markt. Und den berühmten Auftraggeber, der dann immer genannt wird, haben Ermittler nach den Kunstdiebstählen der vergangenen Jahrzehnte leider nirgendwo auf der ganzen Welt finden können. Der ist ein Mythos: Kunstdiebe sind keine Kunstfreunde.

Was vermuten Sie?
KOLDEHOFF: Viel wahrscheinlicher ist, dass es wieder mal einen Tipp aus dem Museum gab – zum Beispiel vom häufig durch Fremdfirmen schlecht bezahlten Wachpersonal. Das war schon oft der Fall: „Wir haben gerade einen Van Gogh als Leihgabe, so und so könnte es klappen und so und so lange braucht die Polizei bis sie hier ist.“ 15 Minuten sind übrigens eine überraschend lange Zeit zwischen Alarm und Eintreffen. Jetzt kann man nur hoffen, dass sich die Täter schnell melden. Die beiden Gemälde, die 2002 aus dem Van Gogh-Museum in Amsterdam gestohlen wurden, tauchten allerdings erst 14 Jahre später wieder auf – bei einem Mafioso in Italien.

Was sind das für Leute, die solche Kunstraubzüge durchziehen?
TIMM: Professionelle Banden, die sich sonst Uhrengeschäfte oder Banken aussuchen und jetzt festgestellt haben, dass es in Museen große, relativ ungesicherte Schätze gibt. Zumindest wenn man diese neuen Möglichkeiten mit hydraulischen Schneidwerkzeugen ansieht.

Sind die Museen dieser neuen Kriminalität noch gewachsen?
KOLDEHOFF: Sie müssen sich jedenfalls heftige Gedanken darüber machen, ob eine Ausstattung ausreicht, die eher auf die eleganten Trickdiebe ausgelegt war. Früher wollte man verhindern, dass nachts ungehindert jemand in die Räume kommt, und hat zum Beispiel Kameras installiert. Auf die Methode „Möglichst schnell möglichst viel“ sind viele noch nicht eingestellt.

Da verlangen Fälschungen mehr Fingerspitzengefühl. Was ist da vor allem betroffen?
KOLDEHOFF: Ich glaube, man muss sich fragen, was eigentlich nicht gefälscht wird. Auch das war bei unseren Recherchen eine überraschende Erkenntnis. Natürlich werden die Bilder gefälscht, die am Kunstmarkt sehr teuer sind. Das ist aber gar nicht so einfach, weil es längst Experten und Museen gibt, die sich um das Œuvre eines Künstlers kümmern und den Werkkatalog führen. Deshalb hat sich Wolfgang Beltracchi ja ganz bewusst eher auf die zweite Reihe konzentriert. Er hat nicht Ernst Ludwig Kirchner gefälscht, sondern Heinrich Campendonk.

Und was hat Sie erstaunt?
KOLDEHOFF: Inzwischen werden selbst Bücher aus dem 14. und 15. Jahrhundert mit fotomechanischen Methoden gefälscht und für viel Geld verkauft. Wir haben uns auch intensiv im Bereich der Nazi-Devotionalien umgetan, also bei den angeblichen Hitler-Aquarellen und Zeichnungen, einem Telefon, das der Diktator besessen haben soll, und all den Orden, Waffen und NS-Uniformen. Über 90 Prozent von allem, was da angeboten wird, sind Fälschungen. Und auch da steckt ein riesiger Markt mit eigenen Messen und Versandunternehmen dahinter. Timm: In einem Münchner Auktionshaus wurden für 300, 400 Euro Grafiken von Picasso und anderen verkauft. Das waren billigste Kopien, aber die Leute griffen zu.

Die Gier der Schnäppchenjäger scheint grenzenlos.
KOLDEHOFF: Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Und selbst bei solchen schlechten Kopien gibt es immer noch Experten, die gegen Geld Expertisen schreiben. Man muss als Sammler immer aufpassen, vor allem, wenn jemand erzählt: „Ich hab‘ etwas ganz Besonderes, nur für Dich, und eigentlich würde es so und so viel kosten, aber Du kriegst es für die Hälfte“. Solche guten Menschen gibt es in der Kunstwelt nicht. Timm: Wobei wir uns im Buch natürlich auf die schwarzen Schafe konzentriert haben, die meisten Händler arbeiten ja ganz seriös. Koldehoff: Es gibt allerdings zwei aktuelle Studien, die betonen, dass gerade beim Thema Steuerhinterziehung und Geldwäsche der Kunstmarkt in besonderem Maße gefährdet ist.

Wegen der hohen Summen?
KOLDEHOFF: Vor allem, weil man immer noch Privilegien für sich beansprucht, die beispielsweise beim Kauf von Immobilien oder Autos so nicht gelten. Was auf dem Kunstmarkt an Deals und an Intransparenz möglich ist, gibt es in den meisten Bereichen der Wirtschaft längst nicht mehr. Und das aus gutem Grund.

Bei der ältesten Schrottlaube können Sie die Vorbesitzer genau zurückverfolgen.
Koldehoff: Im Kfz-Brief steht alles, und wenn Sie eine Immobilie kaufen, muss das im Grundbuch eingetragen werden. Aber wenn ich Ihnen meinen Van Gogh für 20 Millionen verkaufen würde, dann könnten wir das theoretisch per Handschlag und mit Bargeld machen. Ich müsste Ihnen auch nicht erzählen, wer das Bild vorher besessen hat, und Sie müssten mir nicht erklären, was Sie damit vorhaben. Sie könnten das alles über Offshore- oder Briefkastenfirmen auf den Cayman Islands laufen lassen. Und ich hätte nicht einmal die Möglichkeit nachzuvollziehen, mit wem ich ein 20-Millionen-Geschäft mache. Und das Finanzamt auch nicht.

Offshore-Firmen, Freihäfen, Darknet – wer will das noch kontrollieren?
TIMM: Je mehr die Kunst im Wert stieg, desto interessanter wurde sie auch, um damit Geld zu waschen oder Steuern zu hinterziehen. In Singapur, Luxemburg und in der Schweiz gibt es Freihäfen auf quasi exterritorialem Gelände, wo Sammler und Händler ihre Bilder lagern können. Niemand kann wirklich überprüfen, was da passiert, wer mit wem handelt, woher die Gelder kommen. Und Steuern werden hier auch nicht bezahlt.

Wie muss man sich einen solchen Freihafen vorstellen?
TIMM: Ich war im Freeport in Singapur. Das ist ein sehr eleganter großer Tresor mit einem Foyer, das von einer großen Skulptur dominiert wird. Und dann gibt es viele kleine Kabinette und Büros, in die man sich als Sammler oder Händler zurückziehen kann, um sich die Kunst anzuschauen oder Geschäfte zu machen. Großartige Kunst wird hier dauerhaft in klimatisierten Kisten gelagert, ohne dass sie jemand zu Gesicht bekommt. Das ist eine absurde Situation.

Erstaunlich ist doch auch, wie sehr in Europa immer noch mit illegal eingeführten Antiken gehandelt wird.
KOLDEHOFF: Und Deutschland gehört sogar zu den Hauptumschlagsplätzen. Wir beschreiben auch einen unglaublichen Fall, der in München spielt. Bei einem Händler sind vor einiger Zeit Antiken aus Mexiko, Peru und anderen Staaten beschlagnahmt worden. Die hat der bayerische Staat erst aufbewahrt und irgendwann festgestellt, dass der damals verhaftete Händler ja noch Steuerschulden hat. Also wurden die Antiken im Herbst 2018 in einem Verwaltungsgebäude Mitten in Schwabing versteigert.

Ohne Protest?
KOLDEHOFF: Ich habe mich bei den Kulturattachés dieser Staaten umgehört. Ich wollte einfach wissen, ob sich der Freistaat überhaupt dafür interessiert hat, woher diese offensichtlich illegal ausgegrabenen Objekte kommen und ob Interesse an einer Rückgabe besteht. Was keine offizielle Exportlizenz hat, gehört ja in vielen Ländern automatisch dem Staat, in dem es gefunden wurde. Der peruanische Kulturattaché hörte zum ersten Mal von dieser Auktion. Zwei davon haben stattgefunden – mit Hunderten von Stücken. Die dritte ist dann nach meinen Recherchen gestoppt worden.

Die Kunstmesse Tefaf in Maastricht wurde abgebrochen, die Art Basel wird verschoben. Wie wirkt sich Corona auf den Kunstmarkt aus?
TIMM: Ich glaube, dass momentan noch sehr gehypte Gegenwartskünstler in Zukunft weniger gefragt sein werden. Junge Galerien und Galerien für zeitgenössische Kunst bekommen große Probleme, denn in Krisen werden eher die Bluechips des Kunstmarkts gekauft, also Namen wie Cézanne, Picasso, Matisse, Jackson Pollock. Die Sammler gehen auf Sicherheit.

Bieten die Auktionen im Netz einen gewissen Ersatz?
KOLDEHOFF: Bei Sotheby’s und Christie’s versucht man seit Jahren, die teuren Werke übers Internet zu verkaufen. Wer aber mehrere Millionen für ein Bild ausgibt, will es vorher sehen. Und er oder sie möchte umschmeichelt werden, ein Gläschen Champagner bekommen… Teure Kunst gehört zu den wenigen Bereichen, in denen das Internet noch dramatisch scheitert.

Kaufen Sie selbst auch Kunst?
KOLDEHOFF:
Ja!

TIMM: Sehr günstige, aber nicht die Schnäppchen. Wir sind beide Mitglieder eines Hamburger Sammlervereins. Dort kann man Grafik und Fotografie kaufen, die in großen Auflagen hergestellt wird. Deshalb hat sie auf dem Markt keinen wirklichen Wert, obwohl sie oft wirklich gut ist. Koldehoff: Ich kaufe durchaus in Galerien oder bei einer Auktion, aber dann bei Häusern, auf die ich mich verlassen kann. Und das geht auch mit einem ganz normalen Gehalt.

Schon mal reingefallen?
KOLDEHOFF: Gleich beim ersten Mal! Mit 17, 18 habe ich eine Lithografie von Salvador Dalí gekauft, dazu einen Kredit bei meinem Vater aufgenommen und abgestottert. Das Blatt erwies sich als Fälschung, Dalí hatte Blankoblätter signiert, auf die kriminelle Leute dann gedruckt haben. Als mir das auffiel, habe ich mich an die Versandgalerie gewandt und mein Geld anstandslos zurückbekommen. Christa Sigg

Stefan Koldehoff und Tobias Timm: „Kunst und Verbrechen“ (Galiani Verlag, 328 Seiten, 25 Euro)

 

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