Kunstbuch Florian Heines Bildband „Der schöne Schein“

Der Hamburger Künstler 1010 hat es weltweit auf Häuserwände abgesehen. Seine Tropfen und Ringe an der Berliner Erich-Kurz-Straße sind tatsächlich nur gemalt. Ehrlich. Foto: Benjamin Pritzkuleit/Prestel

Der ultimative Boah-Effekt: Florian Heines Bildband „Der schöne Schein“ führt die optischen Illusionen in der Kunst vor Augen – von der Antike bis zur Street Art

 

Am Anfang stehen die Trauben des Zeuxis, an denen die Vögel pickten, weil sie so echt aussahen. Und der Vorhang des Maler-Konkurrenten Parrhasios, den Zeuxis beiseiteschieben wollte – aber er war auch nur gemalt. Die Kunst der Augentäuschung ist seit den Alten Griechen ein Virtuosen-Stück, das die Aufmerksamkeit des Publikums garantiert. Auch der Münchner Fotograf und Autor Florian Heine erzählt die Zeuxis-Legende nach und bringt in seinem Bildband „Der schöne Schein“ spektakuläre „optische Illusionen in der Kunst“ von der Antike bis zur Gegenwart zusammen.

Die gleichbleibende Popularität des Trompe-l’oeil mag auch daran liegen, dass die perfekte Täuschung leicht zugänglich ist, während Abstraktes schneller die Sinn-Frage provoziert. Die Nachahmung der Wirklichkeit war in allen Gattungen beliebt und Gegenstand des uralten „Paragone“-Wettstreits der Künste: Bildhauer oder Maler, wem gelingt die wahre Meisterschaft? Heine liefert eine bildmächtige Tour de Force durch die Kunstgeschichte.

Als Grau-in-Grau-Malerei imitierte etwa Giotto bereits Anfang des 14. Jahrhunderts Bauplastik, mit Erfindung der Zentralperspektive kam die Raum-Illusion in die Kunst der Renaissance. Masaccios Dreifaltigkeits-Fresko (1427) in der Florentiner Kirche Santa Maria Novella gilt als Initialzündung. Weiter geht es im Buch mit illusionistischen Elementen wie in der Camera degli Sposi in Mantua (um 1465) und später mit der Scheinkuppel in der Jesuitenkirche San Ignazio (um 1690) in Rom.

Treppen und tote Rebhühner

Die Architektur schließt der Autor ebenfalls mit ein, die gerade im Barock den Boah-Effekt als Glaubens-Propaganda inszeniert hat. Und ob Berninis „Scala regia“ im Vatikan oder Borrominis Arkadengang im Palazzo Spada – die Technik musste man schon virtuos beherrschen, um solche Wunder auf in Wahrheit kleinem Raum zustande zu bringen. Doch gerade die beiden Konkurrenten um die Gunst der Päpste zeigen, dass dieses Können Ergebnis eines harten Wettkampfs war.

In der Tafelmalerei gilt Jacopo de‘ Barbaris totes Rebhuhn von 1504 als Stillleben-Illusion schlechthin. Verblüffend echt wirkt aber auch der Vorhang von Frans Mieris im Gemeinschaftswerk von 1658, in dem Adriaen van der Spelt den Tulpenstrauß schuf.

Magritte brachte weit später das Prinzip der Nachahmung durch Malerei mit dem berühmten „Dies ist keine Pfeife“ (1929) auf den Punkt – sondern nur eine Abbildung. Und M. C. Escher führt 1961 die Perspektivzeichnung mit ihren eigenen Mitteln ad absurdum, die abstrakten räumlichen Effekte der Op Art entstanden in etwa zeitgleich.

Scherze der Moderne

Ein völlig anderes Moment der Täuschung entstand, als Banksy am Anfang seiner Karriere eigene Gemälde wie sein „Tox Cottage“ ins Museum hängte. Im Grenzgebiet der Genres liegen Thomas Demands fotografierte Attrappen; im Bereich Fotografie werden Andreas Gurskys ins Unendliche erweiterte Großformate als übersteigerte Wirklichkeit gezeigt. Und in der Bildhauerei führt Heine die fürs Mittelalter höchst realistischen Figuren des Naumburger Meisters auf. Maurizio Cattelans „La Nona Ora“, der vom Meteoriten erschlagene Papst Johannes Paul II., und Ron Muecks beängstigende nackte Riesen setzen 750 Jahre später auf Hyperrealismus und Übertreibung.

Pierre Delavie wiederum inszeniert „urbane Lügen“ und brachte 2017 eine Foto-Leinwand am Seine-Quai gegenüber vom Pariser Rathaus an: Darauf ein kenterndes Flüchtlingsboot, eine Aufnahme der italienischen Küstenwache 2016. Sein „Floß von Lampedusa“ steht quasi senkrecht im Wasser, nicht alle Menschen haben Rettungswesten an.

Delavie will die Gleichgültigkeit gegenüber dem Flüchtlingselend aufbrechen: Géricaults „Floß der Medusa“ „erschütterte die gesamte Bevölkerung, es löste eine echte gesellschaftliche Debatte aus“, so der Künstler. Der Trompe-l’oeil-Effekt ist eben auch das ultimative Mittel, um sogar durch die mediale Bilderflut stumpf gewordene Betrachter noch zu bewegen.

Florian Heine: „Der schöne Schein“ (Prestel, 190 S., 34 Euro)

 

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