Kunstbau am Lenbachhaus Eine Künstlerfreundschaft: Die Ausstellung "August Macke und Franz Marc"

Eine Besucherin vor dem Gemälde "Die gelbe Kuh" (1911) von Franz Marc in der Ausstellung «August Macke und Franz Marc - Eine Künstlerfreundschaft» im Lenbachhaus Kunstbau. Foto: dpa

Der Titel ist Programm: Die fantastische Ausstellung "August Macke und Franz Marc. Eine Künstlerfreundschaft" im Kunstbau

 

„Ich denk noch, wie ich zum ersten Mal Deine Pferdelithographie sah. Die hat mich gepackt und tut’s noch, weil das Pferd im Freien so gut ausgedrückt war.“ August Macke (1887-1914) schreibt diese Zeilen Monate nach der ersten Begegnung mit Franz Marc (1880-1916), und man ist doch ein bisschen irritiert vor diesem nur 35 mal 28 Zentimeter großen Bild, das im schier endlosen Kunstbau des Lenbachhauses fast untergeht. Denn dass ausgerechnet der „farbmanische“ Macke auf das gräulich-gelbliche Blatt angesprungen ist, überrascht – spricht aber auch für dessen versierten Blick.

Jedenfalls eilten Macke und seine beiden Begleiter damals, am 6. Januar 1910, gleich in die Schellingstraße, weil sie diesen komischen Malerkauz, wie ihn der Galerist Josef Brakl geschildert hatte, unbedingt kennenlernen mussten. Auf der Nummer 33 trafen dann tatsächlich Welten aufeinander. Drei „ziemlich elegante“ und wie sich bald herausstellte vermögende Herren aus dem Rheinland und der zurückgezogen werkelnde, vergrübelte Münchner Marc, der noch vor nicht allzu langer Zeit mit einem Theologiestudium geliebäugelt hatte. Doch es funkte sofort. Macke lud den Kollegen „dringend“ an den Tegernsee, wo er sich mit seiner Frau für ein gutes Jahr niedergelassen hatte.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Und so abgedroschen es klingen mag: Das war der Beginn einer fruchtbaren wie tiefen Freundschaft, die mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieg ein abruptes Ende fand. Diese viereinhalb aufregenden, intensiven Jahre sind nun nach dem Auftakt im Kunstmuseum Bonn in München aufgefächert: mit 200 Gemälden, Papierarbeiten, Kunstgewerblichem, Fotografien und Briefen – vor allem jedoch in Gegenüberstellungen, die deutlich machen, dass sich hier zwei Suchende immer wieder gegenseitig beflügeln.

Gerade Marc, der 1910 bereits auf die 30 zugeht, naturalistisch vor sich hin kreiselt, Katzen, Rehe, Badende strichelt und nicht so recht vorwärts kommt, gerät durch die Begegnung mit dem sieben Jahre jüngeren Macke regelrecht unter die Farbdusche. Man beginnt gemeinsam zu theoretisieren und zu experimentieren, Mackes „Farbenkreis“ (1910) macht das anschaulich. Seine Nackten („Drei Akte“ und „Akt liegend“) und die „Strickende Frau“ hängen allerdings noch sehr an Matisse, während sich Marc mehr und mehr vom Einfluss seines Heroen Van Gogh frei macht und zu immer klareren Formen findet. Etwa beim „Pferd in Landschaft“ (1910).

Von Anfang an pflegen die beiden Männer einen sehr privaten, ja vertrauten Austausch, was auch mit der Sympathie ihrer Frauen Elisabeth Macke und Maria Franck, später Marc, zu tun hat. Man besucht sich gegenseitig, tauscht Geschenke - von bemalten Kacheln bis zu Stickereien oder Hinterglasbildern (beide Künstler haben ein Faible fürs Kunsthandwerk). Wobei das „Blaue Pferdchen“ (1912), das Marc für den kleinen Walter Macke zum Geburtstag malt, zu den besonders anrührenden Exponaten der Schau zählt. „Walterchens Spielsachen“ von Macke bilden dazu ein amüsantes Pendant.

Da ist der „Blaue Reiter“ dann auch schon gegründet, Wassily Kandinsky, der zweite wichtige Freund 1911 in Marcs Leben getreten. Mit dem 14 Jahre älteren russischen Kollegen verbinden ihn transzendente Kunstvisionen („Das Geistige in der Kunst“). Doch das Verhältnis zu Macke ist ein innigeres, man duzt sich, während es mit Kandinsky stets beim Sie bleibt. Natürlich kommt es zu Eifersüchteleien, Macke sieht sich im Almanach „Der Blaue Reiter“, der Grundsatzschrift der Künstlervereinigung, nicht genügend gewürdigt und bekrittelt schließlich Marcs „Gelbe Kuh“ (1911). Ausgerechnet. Diese Ikone des Expressionismus zählt jetzt auch zu den Höhepunkten der Ausstellung.

Zweifel und Verständnis

Marc zeigt Verständnis, er zweifelt ja selbst. Dauernd. Insofern tut ihm der spontane, unbekümmerte Macke gut mit seiner unstillbaren Augenlust. Und beide fahren in dieser Zeit ihre Antennen aus, saugen auf, was künstlerisch in der Luft liegt, wie etwa den Kubismus und speziell den Orphismus eines Robert Delaunay. Man kann das schön verfolgen an Marcs berühmtem „Tiger“ oder am „Reh im Klostergarten“ (1912) und an Mackes „Zoologischem Garten I“ (1912), allesamt „Lieblingsbilder“ der Museumsgänger. Doch - und das fällt in der Häufung dieser Schau besonders auf – gelingt beiden in den letzten zwei Jahren erneut eine kaum fassbare Steigerung, begleitet von einer sagenhaft leuchtenden Palette.

Macke gewinnt Abstand zum „Blauen Reiter“ und malt Idyllen voller Ruhe und Konzentration. Man kann sich mit seinen Promenierenden versenken in farbsatte Parklandschaften, Schaufenster, orientalische Cafés. Marc reduziert mehr und mehr, abstrahiert vor allem seine Tiere auf eindringliche Grundformen und kreiert so Sinnbilder für das Einssein mit der Natur.

Vermöbeln zwecks Reinigung

Das scheint zu schön, um von Dauer zu sein. Die politische Realität knallt in das Schaffen der Freunde. Beide werden gleich zu Kriegsbeginn eingezogen, und deren gerne zitierte Begeisterung (Marc hofft auf eine „Reinigung“, Macke will „die Kerle schon vermöbeln“) kippt bald in blankes Entsetzen. Macke gerät schnell in die brutalsten Kämpfe und fällt bereits am 26. September 1914. Ein Desaster, das Marc tief erschüttert. Er verfasst einen bewegenden Nachruf, der noch einmal von tiefer Freundschaft und künstlerischer Wertschätzung kündet. Und damit nimmt eine der produktivsten Phasen der modernen Kunstgeschichte ein jähes Ende.

Wohin die Reise hätte gehen können? Bei Macke deutet sich Neusachliches an, bei Marc ein abstrakter Farbrausch. Darüber darf man spekulieren am Ende einer sehr ausführlichen Ausstellung, die nicht nur erhellende Konfrontationen bietet, sondern auch ein paar festgesetzte Bilder zurecht rückt. Christa Sigg

Bis 3. Mai, Di bis So 10 bis 21 Uhr, Katalog (Hatje Cantz) 34 Euro im Museumsshop

 

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