Kunstareal Da geht noch was um die Pinakotheken herum

Impressionen von früheren Festen im Kunstareal. Foto: Stefan König

Schon zum vierten Mal wird am Wochenende im Kunstareal groß gefeiert. Doch wie entwickelt sich das Viertel um die Pinakotheken?

 

Zwischen Königsplatz und Kunstakademie, Luisen- und Ludwigstraße ballt sich im Kunstareal Weltklasse – in den Museen, Hochschulen und Kulturinstituten. Das alles sinnvoll zu vernetzen, ist nicht ganz einfach. Aber dringend nötig, wenn Münchens Kunstareal für Besucher und Einheimische auch wirklich Weltklasse sein will. Mit dem Vorsitzenden des Förderkreises Kunstareal haben wir über Rennstrecken und Liegestühle gesprochen, über schwierige Verbindungen und Sexappeal.

AZ: Herr Redlich, beim Kunstareal-Fest wird zwei Tage Miteinander demonstriert. Wie schaut’s an den restlich 363 Tagen im Jahr aus?
GUIDO REDLICH: Da funktioniert das schon auch, es gibt viele Tage mit 40 und mehr Veranstaltungen. Ich würde aber gerne kurz zurückspringen. Vor zehn Jahren waren keineswegs alle von der Idee eines vernetzten Kunstareals begeistert. Bei der ersten Konferenz im April 2009 haben manche Institutionen „Gleichmacherei“ befürchtet. Man musste also Vertrauen aufbauen, gemeinsame Projekte initiieren. Heute ist der intensive Austausch unter den Häusern selbstverständlich. Dass das so bleibt und noch besser wird, dafür sind die 363 anderen Tage im Jahr notwendig.

Mit der Gemeinsamkeit hapert es aber manchmal in einem einzigen Gebäude. Das Bauhaus-Jahr wäre doch eine schöne Gelegenheit gewesen, gerade in der Pinakothek der Moderne das kürzlich erst beschworene neue Miteinander mit einer Ausstellung vorzuführen.
Ich bin zuversichtlich, dass es künftig gemeinsame Aktivitäten gibt. Zum Beispiel wird die Rotunde jetzt im Wechsel von allen vier Museen bespielt. Zurzeit ist dort das „Pendulum“ von Ingo Maurer zu sehen. Im Kunstareal muss man aber größer denken. Nehmen Sie etwa Joseph Beuys. Es gibt Werke im Lenbachhaus und in der Pinakothek der Moderne, da wären hausübergreifende Führungen wünschenswert – zum Beispiel mit einer App. Auch deshalb haben wir dafür gekämpft, dass es eine permanente Geschäftsstelle des Kunstareals gibt. Aber wenn Ausstellungen oder gemeinsame Konzepte entwickelt werden sollen, reichen weder die finanziellen Mittel, noch das Personal.

Wäre es nicht sinnvoll, aus der Geschäftsstelle auch eine erste Informations- und Anlaufstelle für die Besucher zu machen?
Ja. Wir wünschen uns eine Art Startpunkt im Kunstareal. Etwa auf der Fläche der nicht vollendeten Pinakothek der Moderne oder an der Mensa der TU. Ob das personell an der Geschäftsstelle hängen muss, ist eine andere Frage. Die sollte sich um Themen wie die Orientierung im Areal kümmern, um das Programm oder die Kommunikation. Ein Besucherzentrum wäre etwas, das die Geschäftsstelle initiieren und unterstützen sollte. Den Betrieb müsste dann allerdings ein eigenständiges, geschultes Team übernehmen.

Außer Informationen könnte ein solcher Ort doch noch mehr bieten.
Natürlich, wir hätten dort gerne auch Ausstellungsflächen, Raum für Events, Diskussionen, Symposien, Experimente. Das muss mit Leben gefüllt werden. Denken Sie an das Eingangsgebäude auf der Berliner Museumsinsel, das David Chipperfield entworfen hat. Nun kann man Berlin nicht mit München vergleichen, die Museumsinsel hat einen Zugang, das Kunstareal ist offen und mit seiner Mischung aus Kunst, Kultur und Wissenschaft gar nicht zu vergleichen. Aber wir müssen neben dem Inhaltlichen auch infrastrukturell denken. Und das ist nicht aus der Portokasse zu bezahlen.

Durch die Einigung mit dem Architekten Stephan Braunfels und den Erwerb der Nutzungsrechte am zweiten Bauabschnitt der Pinakothek der Moderne ist plötzlich viel Raum frei geworden. Zum Beispiel für ein solches Zentrum.
Das ist die Chance schlechthin. Die Fläche ist ja um einiges größer als die Grundfläche der Pinakothek der Moderne. Und wenn wir die LMU-Würfel an der Theresienstraße dazu nehmen, ist das ein riesiges Areal, auf dem man Kunst, Kultur und Wissenschaft wunderbar zusammenführen könnte. Aber es muss erst klar sein, was dort in welcher Form gespielt werden soll. Wir wollen keinesfalls in die Falle „Humboldt-Forum“ tappen.

Sie meinen, den Raum im Berliner Stadtschloss erst einmal nicht füllen zu können, wo das Forum untergebracht wird?
Ja, und es geht dabei nicht nur um den aktuellen Bedarf, sondern um den der Zukunft. Da sind zuerst die Anforderungen der unvollendeten Pinakothek der Moderne und ganz besonders der Graphischen Sammlung, bislang fehlen aber auch Voraussetzungen für Fotografie oder Videokunst. Genauso muss die Vermittlung neu verortet werden. Und auf der anderen Seite gibt es den Bedarf der LMU. Es wäre eine wunderbare Sache, wenn man die Fakultäten, die mit Kunst, Design und so fort zu tun haben, hierherholen könnte.

Die Schaustelle an der Gabelsbergerstraße hat doch gut funktioniert.
Und die Besucherzahlen in diesem Provisorium waren hoch. Ganz abgesehen davon, dass wir plötzlich noch ein ganz anderes Publikum erreicht haben. So etwas brauchen wir permanent.

Auch bei der Aufenthaltsqualität im Kunstareal ist noch viel Luft nach oben.
Da könnte man ruhig mehr ausprobieren – auch mit der Bevölkerung. Wir stellen jetzt am Wochenende 300 Liegestühle ins Kunstareal, mal sehen, wohin die wandern. Wir wollen doch wissen, wo sich die Leute gerne aufhalten. Mir fehlen genauso Aktionsflächen, einiges kann im Sommer doch auch draußen spielen. Und man könnte an den Häusern viel deutlicher zeigen, was drinnen stattfindet.

Die Gabelsberger- und Theresienstraße sind immer noch Rennstrecken.
Die Einbahnstraßenregelung soll aber in naher Zukunft aufgehoben werden. Es geht ja nicht um die völlige Verbannung der Autos. Das Beispiel Kopenhagen zeigt ganz gut, dass es Lösungen gibt, die Fußgänger, Rad- und Autofahrer gleichermaßen zufrieden stellen.

Und wie kann die Anbindung an die Innenstadt doch noch gelingen?
Man müsste weiter denken: Wie komme ich vom Haus der Kunst und den Museen an der Prinzregentenstraße ins Kunstareal? Wenn ich jetzt einen kleinen High-Line-Park über die Ludwigstraße vorschlage, ist die Empörung groß. Wir bräuchten dennoch etwas vom Mut der alten Könige. Aber es ist ja schon großartig, dass die neue Siemens-Konzernzentrale an der Grenze zum Kunstareal für Fußgänger durchlässig geworden ist. Wie sich der Übergang dann im Detail gestaltet, wird man sehen. Ich hätte ja am liebsten den Altstadttunnel um die Ecke gelegt, also noch weiter geführt bis zur Siemens-Zentrale. Dann gäbe es einen attraktiven und großzügigen Raum von der Ludwigstraße bis zur Markuskirche. Natürlich müsste es auch eine Straße geben, aber das Terrain wäre von der Ludwigstraße aus begehbar.

Wie realistisch ist denn ein gemeinsames Ticket fürs Kunstareal? Das darf nicht übermäßig teuer sein, die Häuser können aber auch nicht auf ihre Einnahmen verzichten.
Kein Besucher wird an einem Tag alle Museen schaffen. Ich denke an flexible Tickets etwa für zwei, drei Häuser oder an Wochenendangebote für Touristen. Auch über ermäßigte Eintritte für die Münchner sollte man nachdenken. Wenn ich als New Yorker ins Metropolitan Museum gehe, zahle ich weniger. Man sollte da offen überlegen. Und wenn mehr Besucher kommen, muss man auch für die infrastrukturellen Voraussetzungen sorgen und darf die Häuser dabei nicht allein lassen. Denn eines ist klar: Für den Sexappeal im Kunstareal sorgen die Museen!

Kunstareal-Fest: Samstag und Sonntag – mit 140 Veranstaltungen und freiem Eintritt in den Museen des Areals; Programm auf www.kunstareal.de.
Am Samstag erscheint im Hirmer-Verlag auch ein neuer „Kunstareal Guide“ zum Preis von 9,90 Euro. Im praktischen Mitnehm-Format bietet er auf 160 Seiten alle wichtigen Informationen und Insidertipps zu allen Museen

 

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