Kunst im öffentlichen Raum Wer würgt den bösen Wolf?

Elke Härtels „Eloise“ weiß sich beim Wolf zu wehren. Foto: Roland Herzog, Hamburg/RischART

Riesen-Raupen und Rotkäppchens taffe Schwester verwandeln den Alten Botanischen Garten in eine Märchenwelt – dahinter steckt Traditionsbäcker Rischart mit seinem Kunstprojekt

 

Es war einmal ein böser Wolf. Der war sich seiner Sache sehr, sehr sicher, bis er versuchte, der kleinen „Eloise” an den Kragen zu gehen. Geistesgegenwärtig besann sich die nämlich ihrer eigenen Kräfte – und drehte den Spieß einfach um. Jetzt baumelt Isegrim im Würgegriff von Rotkäppchens taffer Schwester in der Luft. Und wenn er nicht gestorben ist, dann hechelt er noch heute ... im Alten Botanischen Garten. Dort steht das ungleiche Paar aus weißem Polymergips (Elke Härtel) auf einer sattgrünen Wiese und zählt zu den eher amüsanten Objekten des 12. RischART-Projekts.

Seit 30 Jahren fördert der Münchner Traditionsbäcker Gerhard Müller-Rischart junge Kunst, und das mit Vorliebe im öffentlichen Raum. Dass vor 200 Jahren die ersten „Kinder- und Hausmärchen” der Brüder Grimm erschienen, brachte ihn und seine Kuratorin Katharina Keller auf den Plan. Die eingeladenen Künstler sollten sich diesmal mit dem Thema Märchen auseinander setzen. Und das im Alten Botanischen Garten, der zufällig auch vor 200 Jahren angelegt wurde. Mit seinen mächtigen Bäumen, den Rasenabschnitten und einem weithin sichtbaren Brunnen bietet er das ideale Terrain für gruselige, exotische, geheimnisvolle und gerne auch skurrile Geschichten. Wobei die vergnügliche Seite überwiegt. Das geht schon los mit Claus Richters quietschbunten Schildern, die Besuchern den Weg zu wundersamen bis schrägen Welten weisen.

Lügner werden vom fliegenden Teppich ersäuft

„Zur Drachenhöhle” etwa. Und dann ist da noch „Vorsicht! Winzige Pferde” zu lesen, „Achtung Niespulver!” oder „All you can eat”, was man sich dann schon selbst in die Gedankengänge zaubern muss. Denn unterwegs begegnet man natürlich ganz anderen Kuriositäten: einem schrappligen Monster-Hasenkopf (Heike Kati Barath) im Glashaus, der mit seinen rot leuchtenden Pupillen vor allem nachts zur Wirkung kommt. Oder den gelben Riesen-Raupen aus mit Holz gefülltem Kunststoff (Susu Gorth), die sich an einem Baum zu schaffen machen.

Nur ein paar Meter weiter dröhnt mit dem schauderhaft intonierten „Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald” (Felix Burger) der passende Soundtrack zu dieser doppeldeutigen Märchenveranstaltung immer lauter ins Ohr. So als sänge eine Handvoll Kinder um ihre Unversehrtheit.

Wobei die beste Geschichte tatsächlich ins Wasser gefallen ist. Sollten Passanten im ersten Schreck die Notruf-Nummer anwählen, wäre das kaum verwunderlich. Im Neptunbrunnen lugen zwei Füße mit gespreizten Zehen unter einem Teppich hervor. Der eher füllige Gefangene scheint mit dem Leben zu ringen, der Teppich – sicher ein fliegender – gibt ihn nicht mehr frei. Weshalb? „Wahre Männer lügen nicht” lautet der Titel dieser Arbeit von Matthias Hirtreiter: Mutiert der Märchen- zum Lügenerzähler, wird er irgendwann von den eigenen Geschichten – die fließen in Form von Wasser aus einer prächtigen Wunderlampe am Beckenrand – ersäuft. Wenn der Rettungsdienst den Lügner nicht längst aus dem Bassin gefischt hat...

RischART-Projekt im Alten Botanischen Garten zwischen Lenbachplatz und Hauptbahnhof, bis 21. Juli 2013, rund um die Uhr geöffnet, Führungen sonntags 14 Uhr

 

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