Kunst Ich bin eine Frohnatur

Der Maler Arnulf Rainer hat der Pinakothek der Moderne 110 seiner Werke geschenkt

 

Seine Bilder erscheinen oft düster und schwer, er selbst ist es gar nicht: Der österreichische Maler Arnulf Rainer wirkt verschmitzt, gewitzt und sehr vergnügt. In der Kunst war er stets ein Grenzgänger: Zunächst fasziniert von Surrealismus und Informel, malte er später unter LSD-Einfluss, setzte sich mit den Ausdrucksformen von psychisch Kranken auseinander. Jetzt hat er den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen 110 seiner Werke geschenkt. Die Pinakothek der Moderne widmet ihm dauerhaft zwei eigene Schauräume, am Montagabend wurde der Künstler mit einem Festakt geehrt.

AZ: Was verbindet Sie mit München, das Sie zu dieser Schenkung bewog?

ARNULF RAINER: Ich bin halb Bayer, halb Österreicher. Seit 1980 habe ich ein Atelier im Kloster Vornbach am Inn, in Niederbayern. Viele der Bilder sind dort entstanden. Hat des an bayerischen Touch? Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich habe auch eine Verbindung zu München.

Sie hatten in den 60er Jahren ein Studio hier.

Es lag in der Klenzestraße. Das war drei oder vier Jahre lang mein Zweitatelier, es war mir aber nicht groß genug. Ich habe München im Kontrast zu Wien erlebt. Ich hatte den Eindruck, hier ist das Kunstleben vielfältiger.

Ihre Schenkung umfasst 40 Gemälde, 70 Arbeiten auf Papier. War die Auswahl Ihre Entscheidung?

Ich habe überhaupt keine Auswahl getroffen. Die hiesigen Kuratoren sind alleinverantwortlich, ich geb’ keine Garantie, ob diese Bilder bedeutend sind. Sie haben den besseren Blick. Und ich will dadurch selbst einen Überblick darüber bekommen, was ich angestellt habe über die Jahre.

Sie gelten als „Übermaler”. Auch die große Ausstellung in der Alten Pinakothek 2010 nannte Sie so.

Der Begriff steht ja in Anführungszeichen. Aber ja, ich übermale eigene Sachen und Faksimiles berühmter Kollegen. Das darf man aber nicht als Aggression betrachten, sondern es ist eine Art Verheiratung, aus dem Gefühl innerer Verwandtschaft. Ich bin ein Mensch, der die Alte Kunst wahnsinnig liebt, und da will ich mich beschäftigen, so entstehen diese Mischformen.

Aus der Alten Pinakothek haben Sie etwa Velazquez, Rubens und Boucher übermalt.

Ja, da ziehen mich besonders die Gesichter an. Wenn ich dort herumgehe, schauen sie mich an, zwinkern mir zu. Ich bin zuerst verwirrt, aber nachdem das mit Freudestrahlen geschieht, nehme ich an, dass es eine Aufforderung ist, sie in mein eigenes Werk hineinzubringen. Dabei benutze ich Verzerrungslinsen und Falschfarben, das ist keine Eins-zu-eins-Umsetzung.

Ihre Initialzündung war aber doch ein Übergriff. Sie übermalten 1961 das Bild einer anderen Künstlerin.

Das war eine Radierung, kein Unikat. Es geschah aus Übermut, aber man hat das damals nicht verstanden. Es war kein Angriff auf die Moderne. Die Malerin hat geweint und gedacht, das ist wie eine Vergewaltigung. Später sah sie das anders und hat das Bild für einen guten Preis an das Museum in Wolfsburg verkauft.

Auch das Kreuz spielt in Ihrem Werk eine große Rolle – als christliches Symbol, als Todessymbol?

Ich bin kein Atheist, andererseits auch nicht sehr kirchengebunden, aber ich habe eine Beziehung zur Darstellung des Kreuzes in der Kunst. Wenn man meine Kreuz-Bilder zum ersten Mal sieht, wirken sie dramatischer als sie sind. Sie sind eine Kontemplation über das Kreuz. Ich will ein kontemplativer Maler sein, und wenn man die Bilder eine längere Zeit anschaut, kann man ein inneres Gleichgewicht bekommen. Das Kreuz interessiert mich aber auch als geometrische Form. Und es hat schon eine Ernsthaftigkeit, eine Unbedingtheit, die mich da hineinzieht. Soweit ich mich erinnern kann, hat jedoch noch kein Bild zu mir gerufen: „Jetzt will ich sterben.” Ich bin kein Düsterling, sondern eine Frohnatur.

 

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