Kunst Ein poetischer Verknüpfer

Seit ihn der legendäre Harald Szeemann als Postminimalisten bezeichnet hat, ist uns für Richard Tuttle nichts Griffigeres mehr eingefallen. Foto: Sebastian Widmann/dapd

Der amerikanische Objektkünstler Richard Tuttle führt nicht nur in der Pinakothek der Moderne ungewöhnliche Dialoge

 

Er ist ein zierlicher Mann mit feinen Händen. So gar nicht das, was man von einem Bildhauer erwartet. Aber Richard Tuttle meiselt ja auch nicht an massiven Gesteinsblöcken herum. Und ja, was letztlich unter seinen Händen entsteht, hat ganz andere Kräfte beansprucht: Er muss nachdenken, vermutlich nächtelang grübeln, um das passende Konzept zu finden. Tuttle ist keiner, aus dem die Worte sprudeln. Er ringt mit jeder Formulierung, vielleicht irritiert ihn aber auch das Klicken der Fotoapparate, die ihm und seiner feingliedrigen Kunst zu Leibe rücken.

„Ich liebe Restauratoren”, schwärmt der 71-Jährige in die Runde, während er in Raum 14 der Pinakothek der Moderne gemeinsam mit Florian Schwemer vom Doerner Institut ein besonders fragiles Objekt aus Wellkarton, Holz, Schur und diversen anderen Materialien aus einer Kiste hebt. „Restauratoren gehen so behutsam mit meinen Arbeiten um”, fährt Tuttle fort. Ein falscher Griff, und „The Duck IV” könnte Federn lassen. Trotz der obligaten weißen Handschuhe.

Aber das Verletzbare, die Hinfälligkeit ist elementarer Bestandteil dieser Kunst. Und für Schwemer, den renommierten Restaurator, immer auch eine Aufforderung der spannenderen Art. Drähte, Schnüre, Tücher und all die anderen Alltagsmaterialien in oft gewagten Verknüpfungen für die nächsten Jahre zu erhalten – an Ewigkeiten darf man hier kaum denken –, das ist schon wieder eine Kunst für sich.

Tuttle hat in diesem Münchner Herbst einen besonderen Auftritt. Im Kunstverein führen seine und die Werke von Lebensgefährtin und Dichterin Mei-mei Berssenbrugge einen berührend poetischen Dialog. In der Pinakothek entspinnt sich dagegen ein eher zufälliges Gespräch „unter Männern”. Joseph und John – gemeint sind Beuys und Cage – seien ihm immer schon sehr nah gewesen, erzählt Tuttle. Und man sieht es ja auch. Natürlich sprechen seine Zeichnungen eine andere Sprache, aber in der Attitüde, im Reduzierten, in ihrer Zartheit erinnern sie an Beuys’ Grafik, die im Nebenraum förmlich auf den Amerikaner zu warten schien.

Und in den nächsten Tagen wird dann noch John Cage dazu kommen, dessen „Ryoanji”-Zeichnungen ein paar Meter weiter ihrer Hängung harren. „Joseph und John sind unter der Erde, ich lebe noch”, lächelt Tuttle verlegen. Der Verlust sei unermesslich, sagt er wehmütig. Und man spürt, dass ihm dieses kuriose Veteranentreffen nicht nur Trost, sondern doch auch eine tiefe Freude ist.

Richard Tuttle ab 30.Oktober 2013 in der Pinakothek der Moderne, bis 25. November im Kunstverein

 

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