Kunst Der flexible Holländer

Flexibel zu sein, hat Roger Diederen in den USA gelernt – nach Hammershøi (Hintergrund) bereitet er nun die Buchmalerei-Ausstellung vor. Foto: Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung

Roger Diederen wird neuer Direktor der Hypo-Kunsthalle – mit der AZ spricht er über neue Wege, Nischen und Blockbuster

Zum Feierbiest Louis van Gaal oder einer TV-Spaßbombe wie dem drolligen Harry Wijnvoord bildet er das exakte Gegenteil: Roger Diederen, der im Januar als neuer Direktor der Hypo-Kunsthalle antritt, ist ein stiller, sehr überlegter Mann. Wenn es um seine Favoriten in der Kunst geht, wird der Niederländer aber dann doch ziemlich temperamentvoll.

AZ: Herr Diederen, Sie waren in den USA an verschiedenen großen Sammlungen. Was haben Sie mitgenommen?
ROGER DIEDEREN: Am Cleveland Museum habe ich meine Leidenschaft fürs 19. Jahrhundert entdeckt! Aber was das System betrifft: In den USA sind die meisten Museen private Stiftungen. Es wird sehr viel auf die Initiative von Gönnern und Mäzenen gesetzt. Die Häuser sind deshalb ganz anders aufgestellt, machen aber eine sehr ernsthafte Arbeit. Mit der Hypo-Kulturstiftung habe ich hier eine vergleichbare Situation. Wir sind ein kleines, sehr flexibles Team und haben keine gigantische städtische oder staatliche Bürokratie. Insofern fühle ich mich in einer perfekten Melange zwischen amerikanischer und europäischer Tradition.

Das Programm der Kunsthalle soll möglichst breit bleiben?
Auf jeden Fall. Es gibt in München ein hochkarätiges Angebot in den ständigen Sammlungen, dazu sollten wir einen Extrabeitrag liefern, also wichtige Ausstellungen zeigen, die sonst nicht stattfinden würden.

Was werden denn die nächsten Schwerpunkte sein?
Die nordische Malerei ist fix, auch eine Gegenüberstellung von Dix und Beckmann in einer Koproduktion mit der Kunsthalle Mannheim. Dann sind wir wieder an einem großen archäologischen Projekt.

Was genau?
Bevor das nicht in trockenen Tüchern ist, möchte ich nicht mehr sagen, als dass es eine sehr brisante Ausstellung wird.

Als Spezialist könnten Sie doch endlich für die Salonmalerei eine Lanze brechen.
Unbedingt! Konkret ist noch nichts geplant, aber Künstler wie Alma-Tadema oder Gérôme würde ich liebend gerne nach München bringen, weil ich von deren Qualität überzeugt bin. Oder Whistler, von dem wir jetzt die berühmte Mutter in der Hammershøi-Ausstellung hatten. Auch Diego Rivera könnte ich mir hier gut vorstellen.

Nun legt man ja bei Ihnen großen Wert auf guten Zulauf.
Jedes Haus freut sich über viele Besucher. Die schönste Ausstellung nützt nichts, wenn sie keiner sieht.

Aber ein Nischenthema wäre wohl nicht drin?
Man kann uns doch nicht vorwerfen, dass wir nur Blockbuster machen: Gerade Hammershøi und Runge waren Experimente, die hatten keine 50000 Besucher. Es ist unser Anliegen, solche Künstler einem großen Publikum zu präsentieren. Auch bei unserer nächsten Ausstellung „Pracht auf Pergament” können wir nicht davon ausgehen, dass das ein Publikumserfolg wird.

Überall wird gespart, wie schaut es bei Ihnen aus?
Der Etat ist gleich geblieben, mehr wird es in diesen unsicheren Zeiten wohl nicht, aber Bank und Stiftung haben mir zugesagt, dass sie voll hinter der Kunsthalle stehen. Ich denke, mit meiner Ernennung wollte man das noch mal unterstreichen, andernfalls hätte man sich vielleicht für jemanden entschieden, der auf die 65 zugeht und bald abtreten will.

Wie wollen Sie denn jüngeres Publikum ansprechen?
Wir haben für die Jüngeren schon einiges gemacht, Kinderateliers, Projekte mit Schulklassen, das würde ich gerne verstärken. Auch die Preisstrukturen möchte ich für Kinder und Jugendliche noch attraktiver gestalten.

Die meisten Museen sind gerade fast panisch dabei, neue Vermittlungswege über Social Media etc. zu gehen.
Da engagieren wir uns natürlich auch, aber ich bin nüchtern genug, um mich nicht verrückt machen zu lassen. Die nachwachsende Generation ist anders gestimmt, davor kann man die Augen nicht schließen. Also testen wir auch Angebote wie Apps, um neue Gruppen anzusprechen. Zu Hammershøi gab es eine App, zur „Pracht auf Pergament” wird es auch eine geben.

Jetzt müssen Sie erst einmal einen neuen Roger Diederen, also Ersatz für sich, finden.
Ein guter Kurator, eine gute Kuratorin ist ganz entscheidend. Das sollte aber keine Kopie von mir sein, sondern jemand, der mich gut ergänzt.

Wie sind Sie eigentlich zur Kunstgeschichte gekommen?
Ich habe mich für Geschichte interessiert und erst bei einem Informationstag an der Uni entdeckt, dass es so etwas wie Kunstgeschichte gibt.

Klingt so, als wären Sie als Kind nicht endlos durch Ausstellungen gequält worden.
Überhaupt nicht! Meine Mutter hat mich schon mal aus der Provinz ins Rijksmuseum mitgenommen. Ich erinnere mich noch an die „Nachtwache”, die hat mich vollkommen begeistert.

Pracht auf Pergament - Schätze der Buchmalerei von 780 bis 1180, vom 19. Oktober 2012 bis 13. Januar 2013 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstr. 8, 80333 München

 

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