Kulturpolitik Wenn deutsche Aufklärer grob versagen

Ai Weiwei vor dem Haus der Kunst vor seinem Werk „Remembering“. Das Arrangement aus 9000 Rucksäcken erinnerte an die Opfer des verheerenden Erdbebens in China im Mai 2008. Foto: Jörg Koch

Es ist ein Skandal: Der regimekritische Künstler Aiweiwird von den chinesischen Machthabern festgehalten, und deutsche Museumsdirektoren reagieren beleidigt, wenn sie auf den seltsamen Widerspruch zur eben eröffneten Ausstellung über Aufklärung im Pekinger Nationalmuseum hingewiesen werden.

 

Nun hat das Münchner Haus der Kunst diese Leisetreterei scharf kritisiert. Der Hauptkurator des Hauses, Ulrich Wilmes, warf dem Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden „Bagatellisierung” vor und nannte dessen Äußerungen „menschenverachtend”. Martin Roth hatte sich zuletzt mit Kritik an China zurückgehalten und in einem Interview mit der „Zeit” unter anderem gesagt: „Es gibt Hunderte Künstler wie ihn, über die spricht aber keiner, weil sie keine Popstars sind.”

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sind federführend bei der Ausstellung „Kunst der Aufklärung” von deutschen Museen, die am 1. April in Peking eröffnet wurde. Alle an dieser Ausstellung Beteiligten sollten deutliche Worte für die Verhaftung finden, forderte Wilmes. Auch der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Klaus Schrenk, habe viel zu zögerlich auf die schlechten Nachrichten aus China reagiert und nur höchst schmallippig die Verhaftung Ai Weiweis bedauert.

„Von solchen relativierenden Äußerungen möchten wir uns als Haus der Kunst deutlich distanzieren”, betonte Wilmes. Zwischen Ai Weiwei und dem Haus der Kunst gibt es enge freundschaftliche Beziehungen. Im Oktober 2009 wurde dort die Ausstellung „Ai Weiwei – So sorry” eröffnet. „Wir versuchen, den Kontakt zu halten über Freunde und Vertraute”, sagte der Kurator. „Aber auch da gibt es keine Nachrichten, die zur Hoffnung Anlass geben.”

Mittlerweile hat auch die Bayerische Akademie der Schönen Künste die chinesische Seite kritisiert. „Laut ihrer Verfassung bekennt sich die Volksrepublik China zur Einhaltung der allgemeinen Menschenrechte, die hier empfindlich verletzt wurden”, heißt es in einer vom Präsidenten Dieter Borchmeyer unterzeichneten Protestnote, die zugleich an die Verhaftung des Literaturnobelpreisträgers Liu Xiaobo vor einigen Wochen erinnert. Die gute Zusammenarbeit mit chinesischen Künstlern und Intellektuellen werde unter solchen Umständen erschwert.

Ai Weiwei war am 3. April – kurz nach der Eröffnung der Aufklärungs-Schau, verhaftet und verschleppt worden. Die Museumsleute schwiegen tagelang. Der Chef der Dresdner Kunstsammlung, Martin Roth, verteidigte seine öffentliche Zurückhaltung. Er glaube an die „Kraft des Dialogs” und habe „ganz andere Möglichkeiten, die auch subtiler sind als Parolen”, sagte er. Überhaupt könne er die ganze Aufregung nicht verstehen. Er entschuldigte seine Liebdienerei mit wirtschaftlichen Argumenten: „Ohne China müsste morgen die Phaeton-Produktion eingestellt werden. Diese Diktatur gibt uns in unserer Demokratie Lohn und Brot.”

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, zeigte sich in Berlin dagegen „entsetzt und schockiert über diesen Willkürakt” der Verhaftung. Die Ausstellung sollte dennoch in Peking bleiben. „Wir machen diese Ausstellung für die Menschen in China, deren Interesse an Öffnung und Gedankenfreiheit stetig wächst.” Doch welchen Wert hat ein Kulturdialog, der mit Polizeistiefeln getreten wird und als liberales Feigenblatt für Diktaturen dient?

Die „FAZ” schrieb über „das Paradox” eines sich aufklärerisch gebenden Kunstbetriebs, der sich im gleichen Atemzug einem Regime andiene, „das die legitimen Nachfolger einer aufklärerischen Kunst verschleppt und misshandelt”.

Chris Dercon, der nach London gewechselte Chef des Hauses der Kunst, kam gestern früh ganz aufgeregt zur Vorstellung der Video-Kunst-Ausstellung. „Der Protest läuft super”, berichtete er. Bianca Jagger trage eine T-Shirt mit „Free Ai Weiwei”. In London soll bald eine Leuchtschrift mit den gleichen Worten auf dem Turm der Tate Modern am Themse-Ufer zu lesen sein. Bis sich Münchens Staatsgemäldesammlungen zu so etwas durchringen, wird man wohl noch lange warten müssen.

 

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