Kultur Zwischen den Welten pendelnd

Szene aus William Forsythes "Artifact". Foto: Wilfried Hösl

Das Bayerische Staatsballett eröffnete seine Festwochen mit William Forsythes „Artifact“. Der Klassiker des postmodernen Tanzes hat ein paar graue Haare, begeistert aber noch immer

 

Das Stück, 1984 entstanden, war für den US-Choreografen der Beginn einer Auseinandersetzung mit dem klassischen Ballett. Sehgewohnheiten wurden rigoros beiseite geschoben. Das Vokabular der Bewegungsabläufe wirkte übertrieben und aus dem Zusammenhang gerissen – eine mutige Kampfansage gegen tradierte Erwartungshaltungen. Über ein Vierteljahrhundert später sieht man das Ganze freilich weitaus gelassener.

Drastische Pointen wie der – einer Guillotine ähnlich – herunter rasende Vorhang, während sich die Tänzer zu Bachs berühmter „Chaconne“ aus der Violinpartita Nr. 2 in d-moll neu formieren, sind mittlerweile postmoderner Alltag. Doch auch diesmal gab es im Nationaltheater genügend Zuschauer, die an einen Fauxpas der Technik glaubten.

Träumen ist erlaubt, auch nachdenken darf sein: Warum hat William Forsythe die Strukturen des klassischen Balletts beibehalten, warum nicht gleich alles über den Haufen geworfen? „Artifact“, aufgebaut wie die großen Tanzstücke des späten 19. Jahrhunderts, pendelt zwischen den Welten. Es gibt zwei „bunte“ und zwei „weiße“ Akte. Doch nur im dritten Teil, der eine Backstage-Situation schildert, in der Wände umfallen und wie bei einem Ehekrach viel gekreischt wird, wagt sich der Choreograf aus der Deckung und präsentiert statt Tanz eine aufregende, aber auch ziemlich nervige Sound-Collage.

Postmoderne Verfremdungen

Da greift er jene Stilmittel wieder auf, mit denen er zu Beginn die Richtung vorzugeben schien: Eine Dame im historischen Kostüm (Kate Strong) reihte sinnlos Satzfetzen aneinander, ein Mann mit einem Megaphon (Nicholas Champion) forderte Akteure und Publikum auf, zu hören, zu sehen, sich zu erinnern – oder es bleiben zu lassen. Und eine stumme, grau bemalte Figur (Silvia Confalonieri) sorgte sich um den Tanz. Sie turnte vor, was die anderen in militärisch anmutenden Posen nachzumachen hatten.

Das Ensemble fügte sich, auch dort, wo Bachs „Chaconne“ im Mittelpunkt stand. Sie wurde in einer Einspielung mit Nathan Milstein dank fragwürdiger Tonanlage ziemlich derb in den Raum geschmettert. Zum Glück konnte sich die Präsenz der Compagnie behaupten, ebenso wie die Überzeugungskraft der beiden Pas de deux, die sich Lucia Lacarra mit Tigran Mikayelyan und Lisa-Maree Cullum mit Alen Bottaini teilten.

Dass die ergänzende Klaviermusik von Eva Crossman-Hecht (am Flügel: Margot Kazimirska) für den Thomaskantor keine Konkurrenz darstellen würde, war zu erwarten gewesen. Mit „Artifact“ eröffnete das Staatsballett seine Festwochen zur 20-jährigen Selbstständigkeit dennoch anspruchsvoll und auf höchstem Niveau. Der anwesende William Forsythe wurde mächtig gefeiert. Für die grauen Haare seines Stücks kann man ihn wohl kaum verantwortlich machen.

Volker Boser

 

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