Kultur Zuhören ist besser als Nachdenken

Der Komponist bei einer Probe im vorigen Jahr. Foto: Astrid Ackermann

Die musica viva wagt einen zweiten Versuch mit Dror Feilers lautem Orchesterstück „Halat Hisar“, das im Frühjahr 2008 nicht zur Uraufführung kam.

 

Im April 2008 protestierten Musiker des BR-Symphonieorchesters bei den Proben wegen zu großer Lautstärke. Die Uraufführung von Dror Feilers „Halat Hisar“ wurde daraufhin abgesagt. Diesmal werden an die Musiker und das Publikum Ohrstöpsel verteilt.

AZ: Herr Feiler, warum ist Ihre Musik so laut?

DROR FEILER: Die Leute sitzen bei Neuer Musik da und vergleichen: Ah, das Fagott klingt wie in Strawinskys „Sacre“. Ein Ligeti-Fragment! Eine Instrumentation wie bei Ferneyhough! Das mag ich nicht. Wenn die Lautstärke der Musik am Denken hindert, wird wieder mehr zugehört.

Dieser Effekt wäre auch mit Stille zu erreichen.

Sicher, aber mir gefällt auch das Scheppern und Klirren von Gläsern hier im Franziskaner. Was Palestrina für ein Geräusch gehalten hat, war für Beethoven schon Musik. Mir ist die Energie eines Rock-Konzerts lieber als das akademische Getue der Avantgarde.

Was bedeutet der Titel Ihres Stücks?

Es ist das arabische Wort für Belagerungszustand. Den Hintergrund bilden Gedichte des Palästinensers Mahmut Darwish über die Belagerung von Ramallah durch die israelische Armee. Mein Stück stellt dieses Ereignis nicht dar. Es ist eine Belagerung der beiden Solisten durch das Orchester.

Wer sind Zacharia Zbeidi und Tali Fahima, denen „Halat Hisar“ gewidmet ist?

Zbeidi war Mitglied der Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden und Anführer des Widerstands im Flüchtlingslager Jenin, wo ich ein Kindertheater aufgebaut habe. Er hält den bewaffneten Kampf für gescheitert und ruft zu kulturellem Widerstand auf, um die palästinensische Identität zu retten. Zbeidi stand lange auf einer israelischen Todesliste. Tali Fahima ist Jüdin. Sie hat sich ihm als menschliches Schutzschild zur Verfügung gestellt.

Warum setzen Sie sich als Jude für Palästinenser ein?

Jeder anständige Jude sollte das. Aus der Vergangenheit müsste er wissen, wie es ist, als unterdrückte Minderheit zu leben. Aber die israelische Propaganda hat das Hirn der meisten Juden gewaschen. Ich finde: Jeder Mensch, der zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan lebt, ob Jude, Muslim oder Christ, sollte gleiche Rechte erhalten. Sonst bricht immer wieder die Hölle los.

Warum wurde die Uraufführung von „Halat Hisar“ vor gut einem Jahr abgesagt?

Vieles kam zusammen: Ich hatte ein Papier zu praktischen Fragen vorbereitet. Es wurde leider nicht an die Musiker verteilt. Bei den Proben entstand eine eigene Dynamik. Soweit ich informiert bin, wollten 15 Musiker nicht spielen, 5 waren für die Aufführung und 70 stimmten gar nicht ab. Auf dieser Grundlage entschied sich das Management für eine Absage, obwohl meine Musik nicht lauter ist als Mahler.

Haben Sie etwas geändert?

Nein. Es ist das gleiche Stück, das gleiche Orchester, die gleichen Solisten und der gleiche Dirigent. Aber es gibt eine andere Aufstellung. Die Generalprobe findet zur Schonung der Ohren einen Tag vorher statt. Ich lasse den Musikern die Freiheit, Extremes abzuändern. Aber das war voriges Jahr auch schon so. Und jeder konnte wissen, wie ich komponiere.

Robert Braunmüller

Herkulessaal, Freitag, 20 Uhr, Restkarten an der Abendkasse

 

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