Kultur Verrenkung fürs Vaterland

Wiebke Puls (Thusnelda) führt ihrem Hermann (Peter Kurth) Stöckelschuhe vor, die ihr der Römer Ventidius in die düsteren Wälder Germaniens mitgebracht hat. Foto: Dorothee Falke

Kleist und Grabbe in der Hüpfburg: Armin Petras’ Verschnitt zweier „Hermannschlacht“-Dramen verweigert eine Antwort auf die Frage, was uns der Nationalismus des 19. Jahrhunderts noch soll

 

Da stehen sie bedröppelt, die Germanenfürsten nach der Vernichtung der römischen Besatzer: In Unterhosen, die mannshohen Schwerter vor sich aufgepflanzt. Wie soll’s weitergehen? Keiner weiß es. Man delegiert an Hermann, den Cheruskerfürsten. Der hat die zerstrittenen Stämme zur gemeinsamen Aktion bewogen: Also wird er der künftige Führer eines noch nicht existierenden Germaniens sein. Nacheinander steckt ihm jeder Häuptling sein Schwert hinten in den Hosenbund. Derart eisengestählt an Kreuz und Beinen, kann der Held nur noch steifbeinig von der Bühne staksen.

Ein schönes Schlussbild in Armin Petras’ Inszenierung von Kleists „Hermannsschlacht“: Macht macht ihren Träger nicht unbedingt stärker. Nach zwei pausenlosen Stunden applaudierte das Premieren-Publikum freundlich und bejubelte eine sensationelle Wiebke Puls als Thusnelda in den Kammerspielen.

Im Kreuz hatte es dieser Hermann schon vorher: Mit Lügen und Intrigen, hat er die verstrittenen Germanen aufgehetzt. Kein Mittel ist zu billig: Er rät sogar, die eigenen Lande zu verwüsten, um es den Römern in die Schuhe zu schieben. Gleichzeitig gibt er zu Hause den Diplomaten und hält seine Frau Thusnelda an, den Avancen des verliebten Ventidius Vorschub zu leisten.

Ein Mix aus zwei sauren Werken

Petras hat aus Kleists gewaltigem Drama von 1808 eine eigene Reader’s-Digest-Version destilliert und mit den Hermann-Monologen aus Grabbes gleichnamigem Drama von 1836 angereichert. Wo es bei Kleist um Partisanen-Widerstand gegen Napoleon geht, benennt Grabbe schon die Römer als Ausbeuter und Kolonisatoren.

Die Inszenierung verzichtet auf jede Historisierung. Die barfüßigen Germanen aus dem Jahre 9 v. Chr. tragen T-Shirts, der Römer Ventidius (stark: Edmund Telgenkämper) Smoking und Lackschuhe – er schenkt seinem verbündeten Gastgeber Hermann Schuhe, die der mühsam an- und gerne wieder auszieht. Die Germanen hausen in einer Riesenhüpfburg aus Schaumgummiwürfeln (Bühne: Katrin Brack), die von den Schauspielern immer neu aufgeschichtet und umgebaut wird.

Entblössungen

Peter Kurth von Petras’ Berliner Gorki-Theater ist alles andere als ein deutscher Held. Lässig lümmelt dieser Hermann scheinbar naiv herum, spielt sich nie in den Vordergrund, beobachtet verschlagen und hinterlistig – kommentiert auch mal: „Ist ja super.“ Seine Thusnelda ist umso präsenter: Bei Wiebke Puls vibriert alles. Der Umschlag von der Zuneigung zum Verehrer Ventidius – mit dem sie Hausmusik macht und sich in seine mitgebrachten roten Highheels zwängt – zur blutigen Rache. Sie holt die Figur in jedem Moment ins Heute, selbst unter einer lächerlichen Bärenmaske.

Das gelingt den anderen nicht so überzeugend. Was an der Regie liegt: Thusneldas bebrillte Dienerin Gertrud (Katharina Hackhausen) muss in zu vielen Funktionen agieren, und die Stammesfürsten (Jochen Noch, Michael Tregor, Horst Kotterba) werden zu lächerlich zotteligen Asterix- und Obelix-Gestalten, die am Schluss auf die weißbehosten Römer-Leichen blicken (Lasse Myhr als Varus). Selbst das Modern String Quartet entblößt sich für seine Bühnen-Live-Unterstützung. Was das alles für die Deutschen heute bedeutet, beantwortet Petras allerdings nicht.

Gabriella Lorenz

Kammerspiele, wieder am 18., 21., 25. Okt., 1., 5., 11., 20., 25. Nov., 20 Uhr, Tel. 233966 00

 

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