Kultur Tod der Primaballerina

In der Rolle des Detektivs verabschiedet sich Alen Bottaini vom Staatsballett, um sich auf Gastauftritte zu konzentrieren. Foto: Hösl Foto: Wilfried Hösl

Der Choreograf Terence Kohler über seinen heute uraufgeführten Tanz-Krimi „Série Noir“ beim Bayerischen Staatsballett und die Unwichtigkeit von Fußball für die Kunst

 

Zu einem echten „Film noir“ wie John Hustons „Die Spur des Falken“ (1941) gehören ein hartgesottener, meist von Humphrey Bogart dargestellter Detektiv, korrupte Polizisten und unerschrockene Versicherungsangestellte. Von diesem Genre lieh sich Terence Kohler den Titel zu „Série noire“. Die Premiere zum unseres Wissens nach Maurice Béjarts „Le concours“ erst zweitem Ballettkrimi ist heute um 19.30 Uhr im Prinzregententheater.

AZ: Mr. Kohler, wird Humphrey Bogart bei Ihnen tanzen?

TERENCE KOHLER: Nicht wirklich. Ursprünglich sollte mein Ballett „The Secret Agent“ heißen, aber das war nur ein Arbeitstitel. Ich habe mich gegen ihn entschieden, weil er zu viele 007-Assoziationen ausgelöst hat, mit denen der Abend nichts zu tun hat. Der Roman „The Secret Agent“ von Joseph Conrad bildet aber dennoch die Basis.

Was hat Ihr Ballett mit dem Kino gemeinsam?

Die Erzählweise. Sie läuft nicht von A nach B. Es gibt Rückblenden in die Vergangenheit des 19. Jahrhunderts, um die Handlung in der Gegenwart verständlich zu machen.

Wovon handelt Ihr Krimi?

Eine gegenwärtige Compagnie bringt ein Ballett heraus, das davor nur zweimal gespielt wurde, in Paris und im Russland des 19. Jahrhunderts. In beiden Fällen überlebte die Primaballerina nicht. Rückblenden zeigen, wie sich die Geschichte wiederholt. Die Szenen sind sehr kurz, wie die Einstellungen eines Films.

Das könnte schwer verständlich werden.

Es reicht nicht, wenn sich der Zuschauer zurücklehnt und „Ach, wie schön!“ seufzt. Man muss schon mitdenken. Das Ende des ersten Teils wird viele Leute verwirren, aber ich verspreche: In den ersten sieben Minuten des zweiten Akts klärt sich alles auf. Aber es braucht solche Versuche, um den Tanz weiterzuentwickeln.

Welche Filme der „Schwarzen Serie“ mögen Sie besonders?

Streifen aus den 1940er Jahren haben mich bei „Série Noir“ nicht direkt beeinflusst. Wichtiger war die Comic-Adaption „Sin City“ (2005) wegen der Farben. Vor den Autoren der Mystery-Fernsehserie „Lost“ ziehe ich den Hut: Es beeindruckt mich sehr, wie spielerisch sie mit den Zeitstrukturen umgehen.

Verwenden Sie Musik von Phil Glass, weil er auch Filmkomponist ist?

Ich habe ungewöhnliche Stücke aus seinen Symphonien ausgesucht, die weniger bekannt sind. Die Musik wird nicht im konventionellen Sinn vertanzt, indem der Bewegungsimpuls umgesetzt wird. Sie bildet eher den Rahmen. Sie ist atmosphärisch sehr dicht. Aber es gibt auch elektronische Klänge von Pierre Jodlowski, die ursprünglich für einen Klavierwettbewerb entstanden. Sie setzen bewusst einen Bruch, um die Denkvorgänge des Detektivs zu untermalen.

Einen getanzten Ermittler kann ich mir nur schwer vorstellen.

Das hat auch uns in den letzten Monaten zum Schwitzen gebracht. Der Detektiv ist die einzige menschliche Figur in der Ballettwelt des Stücks, ein Außenseiter und Mann, der als erstes die Hintern der Tänzerinnen anglotzt.

Stört es Sie, dass Ihre Premiere gegen die Fußball-WM antritt?

Wir machen Kunst, und daraußen regnet es oder es scheint die Sonne.

Aber der Kartenverkauf könnte leiden.

Ich mache meine Arbeit, ob es die Leute sehen wollen oder nicht, weil ich als Künstler meiner Sehnsucht folge. Natürlich muss meine Kunst für das Publikum von Bedeutung sein, sonst wäre sie überflüssig. Aber in der Welt draußen ist immer etwas wie der Terror, die WM, das einen hindern könnte, etwas zu tun. Das Ensemble des Staatsballetts und ich haben hart an „Série noire“ gearbeitet, und nun wollen wir sehen, ob es mit dem Publikum funktioniert.

Robert Braunmüller

Premiere heute, 19.30 Uhr, im Prinzregententheater. Auch am 23. und 25. Juni. Karten Tel. 21 85 19 20

Der Trailer des Staatsballetts zu Kohlers Ballett (Dauer 3 Minuten)

 

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