Kultur Spielend gegen den Strich

Die Wandelbare: Elke Wollmann, heute feste Stütze des Hauses zwischen "Orestie" und "Piaf" Foto: Marion Bührle

NÜRNBERG - AZ-Serie Teil 7: Die Darsteller waren dem Publikum immer wichtiger als die Regisseure – früher in klaren Hierarchien und heute im Protagonisten-Kollektiv.

Es gibt zwei Sorten von Stars auf der Bühne: Solche, die ihre Popularität bei Film und Fernsehen holten und den Mehrwert danach schnell mal live abschöpfen wollen und andere, die vor Ort über Jahre hinweg ihren Status aufgebaut haben. So oder so, trotz aller vieldiskutierten Regie-Kapriolen sind es die Darsteller, die über die Stabilität von Aufführungs-Erfolgen entscheiden. In der Geschichte des Nürnberger Schauspielhauses gab es nur wenige Reise-Promis („Klimbim“-Diva Elisabeth Volkmann fühlte sich bei ihrem Intermezzo als „Fremdkörper", Stefan Wigger war als „König Lear" ein Sonderfall), aber ab 1970 mit der Scheidung der Theater-Ehe Nürnberg/Fürth folgte die direkte Konfrontation. Da wollte es der Zufall, dass Johanna von Koczian in Fürth als Minna von Barnhelm durchreiste, während in Nürnberg grade Premiere des Lessing-Lustspiels mit Astrid Jacob war. Weil dieses Stück ohnehin zu den meistgespielten der 50 Jahre zählt (zuletzt mit Adeline Schebesch), wirkte das schon wieder reizvoll für alle, die Vergleiche lieben. Langzeitwirkung haben in Nürnberg ohnehin nur Schauspieler, die mit Rollen über Jahre hinweg präsent sind.

Die Entwicklung des Schauspieler-Berufes ist an dem halben Jahrhundert am Richard-Wagner-Platz gut abzulesen. Glamourös war es an dieser Sparte der Städtischen Bühnen, die 1975-1977 zum „Volkstheater", 1999 zum „Theater Nürnberg" und 2003 zum „Staatstheater" wurde, nie. Aber im ungleich größeren Ensemble bis hinein in die achtziger Jahre herrschte hierarchische Ordnung. Protagonisten, die sich die großen Rollen teilten, also etwa „Helden"-Spieler, die lebenslang gewichtige Worte durch lange Abende schleppten, über dem Mittelfeld der Charakterköpfe bis zum Sammelbecken der Stichwortgeber.

Hannes Riesenberger, der dann nach Hannover wechselte, ist aus Hesso Hubers Ära in Erinnerung geblieben, auch Wolf Richards (der als Schillers Don Carlos und in Mrozeks „Tango" brillierte) und die großartige Herta Schwarz (ging nach Zürich und kam im hohen Alter nochmal für das einst Therese Giehse zugeschriebene Solo „Weitere Aussichten" zurück, das ihr einen AZ-Stern des Jahres einbrachte). Sofie Keeser galt da seit 20 Jahren als Allzweck-Waffe (spielte die kesse Mississippi-Lilli und die fromme „Letzte am Schafott"), fand aber erst 1976 mit der Entdeckung des Fränkischen als Bühnensprache zum Unvergleichlichen.

Aus Hesso Hubers Zeit sind heute noch Marion Schweizer (zuletzt als Emmy Göring zu sehen) und Jochen Kuhl (kam als Musketier d'Artagnan in der Katharinen-Ruine und ist derzeit Albert Speer in der Kongresshalle) im Ensemble. Beide waren nicht von allen Direktoren wohlgelitten – und beide überstanden es bestens.

Ulla Willick war erst bei Huber und dann bei Utzerath im Ensemble, wo sie vor allem mit Regisseur Raymund Richter („Masse Mensch") arbeitete. Er holte sie denn auch nach Krefeld und 1992, als er Nürnberger Kurzzeit-Direktor wurde, erneut hierher. Seitdem spielt Willick in Ulm. In ihren frühen Nürnberger Jahren waren Astrid Jacob und Regina Lemnitz die Power-Frauen mit der Offensiv-Mimik für Einsätze in Klassik und Komödie. Hans Dieter Asner spielte da seine burschikose Salon-Eleganz aus, was die nebenan in der Oper bei Brecht/Weills „Sieben Todsünden“ gastierende Helen Vita an Hans Albers erinnerte.

Aus dem „Volkstheater"-Desaster ging Komödiant Hans-Josef Eich als einer der strahlenden Überlebenden hervor (sein Dorfrichter Adam im oft gespielten „Zerbrochnen Krug“ war der beste, den Nürnberg je hatte), in der Direktion Hansjörg Utzerath eroberte bald Michael Abendroth die Platzhirsch-Position. Er konnte viel (vom Mackie Messer über „Warten auf Godot" bis zum „Kontrabass") und scheute nichts. Nicht mal den Aufstand gegen den eigenen Direktor, der ihn trotzdem weiterhin besetzte. Bis heute ist Abendroth, ansonsten am großen Düsseldorfer Schauspielhaus engagiert, als Regisseur der Altdorfer Wallenstein-Festspiele im etwas anderen regionalen Einsatz.

Als junger Nachrücker kam, zunächst wenig beachtet, Michael Hochstrasser aus der Schweiz dazu. Er ist im Jahr 2009 Nürnbergs beliebtester Schauspieler, nachdem ihn Holger Berg in die große Klassik befördert hatte und Klaus Kusenberg ihm alle anderen Tore öffnete. In Peter Hathazys „Was ihr wollt" und in Georg Schmiedleitners „Der Bus" war er, jeweils gegen den Strich besetzt, grandios. Vergleichbares Ansehen genießt – neben der als Piaf und in der „Orestie“ 2009 besonders präsenten Elke Wollmannn – langfristig Jutta Richter-Haaser, die vor 20 Jahren aus Hannover nach Nürnberg kam und nun wie die besondere Stimme im besonders starken Frauen-Ensemble wirkt.

Und das ist der Unterschied zu den frühen Jahrzehnten: Es gibt keine B-Klasse mehr, von den „Es ist angerichtet“-Auftritten ganz zu schweigen. Nahezu jeder der Nürnberger Schauspieler ist in der Lage, eine Aufführung zu tragen, und jeder kann in kleinen Rollen seine Stärken zeigen. Muss er auch, denn das Schauspiel ächzt unter dem Druck der Sparwellen, die über die Kultur hereinbrachen und arbeitet unter ganz anderen Produktionsbedingungen wieder so im Stress wie das vor 50 Jahren auch schon war.

Die Anerkennung der Öffentlichkeit ist allerdings größer denn je, bei all den Krisenmeldungen aus dem Staatstheater war in den letzten Jahren das Schauspiel auf wundersame Weise ausgeklammert. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

Mag unter Hesso Huber das fleißigste, unter Hans Dieter Schwarze das ambitionierteste, unter Holger Berg das solideste und unter Hansjörg Utzerath das beste Nürnberger Theater gemacht worden sein - unter Klaus Kusenberg ist es am sympathischsten. Eine Stimmungslage, die beim Wiedereinzug 2010 gaaanz vorsichtig transportiert werden muss . Dieter Stoll

 

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