Kultur Skandalöse Kunst: Fünf Särge und ein geiler Jesus

Eine Frau kniet vor Jesus, begrapscht ihn – und er lässt sich’s gern gefallen: Für Cheri Sembas Bilder braucht man keinen Dolmetscher. Foto: Berny Meyer

NÜRNBERG - Die Nürnberger Galerie LandskronSchneidzik zeigt zeitgenössische Werke aus dem schwarzen Kontinent

 

Schon lange nicht mehr war in einer Kunstausstellung so viel Zündstoff – obwohl der Name zunächst ganz schlicht „Zeitgenössische afrikanische Kunst“ lautet. Aber was im Penthouse der Galerie LandskronSchneidzik dahintersteckt, sind starke Themen, unverblümt angepackt und umgesetzt – wie auf dem Bild „Vrai Dieux, Vrai Homme“ des kongolesischen Malers Cheri Semba. Jesus ist dort zu sehen, vor ihm kniet eine sparsam bekleidete Frau, umfasst seine Beine, ihre linke Hand rutscht ihm dabei erstaunlich hoch in den Schritt. Und Jesus? Der hat die zehn Gebote im Kopf und nimmt zugleich aufmerksam den Hintern mit dem knappen Slip zur Kenntnis. Wie er sich entscheiden wird, steht fest: In seiner Hand hält er bereits ein Kondom.

Nicht weniger direkt: Fünf afrikanische Särge in verschiedenen Formen – ein riesiger Fisch, eine Injektionsspritze oder eine Bierflasche, innen mit buntem Samt gepolstert. Und so sehr Galeristin Regine Schneidzik die Kunst-Stücke schätzt, so macht sie sich doch auch Sorgen: „Da gibt es bestimmt den ein oder anderen, der diesen Jesus für Blasphemie hält.“ Tatsächlich jedoch belegt auch der Rest der Ausstellung vor allem eines: die afrikanische Herangehensweise ist von der europäischen grundverschieden.

Denn afrikanische Künstler gehen ihre Themen häufiger direkt an. Wenn sie etwas kritisieren, malen und schreiben sie diese Kritik fast wörtlich hin. Fürchtet etwa bei Cheri Semba ein Aidskranker auf dem Sterbebett, seine Frau überlege schon, was sie mit dem Erbe anfangen solle, dann ist exakt das zu sehen, und der Vorwurf des Todkranken steht auf dem Bild in einer Blase. Drogen, Alkohol, Prostitution – all das wird nicht mit Metaphern umschrieben, sondern 1:1 abgebildet. Und die Särge haben keine kritischen Hintergedanken – sie sind in Ghana Brauch. Sie symbolisieren, was dem Toten wichtig war: Sein Beruf (Spritze = Arzt), das Angeln (Fisch) oder auch schlicht das Bier. Wie direkt afrikanische Kunst arbeitet, konnte Professor Bernd Kleine-Gunk, dem die Sammlung gehört, selbst miterleben, als er den nigerianischen Künstler Twins Seven Seven in den Großraum Nürnberg einlud und herumführte. Aus seinen Eindrücken machte er eine erotische Pyramide, deren Außenseiten afrikanische Alltagsgegenstände zeigen und durch ein Guckloch den Blick ins Innere eröffnet – mit deftig-erotischen Zeichnungen. Der Anstoß zur Erotik waren Nürnberger Peep-Shows – und die Pyramidenform stammt von der Glaspyramide neben Kleine-Gunks Arbeitsplatz – der Euromed-Klinik. mur

Galerie LandskronSchneidzik, Deutschherrnstraße 15-19, Mi. - Fr. 12-18, Sa. 12-16 Uhr

 

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