Kultur Reinigung statt Dusche

Anthony Perkins war vor „Psycho“ ein nicht sonderlich bekannter TV-Schauspieler. Foto: dpa

Die Zensur setzte dem Film nicht nur in der Duschszene zu, und es gibt keine Originalversion: Hitchcocks „Psycho“ gilt als bester Psychothriller der Kinogeschichte und wird heute 50

 

Eine Messerstecherei auf eine türkische Wassermelone – als Geräusch. Ein zwei Meter großes Duschkopf-Modell, um die Wasserstrahlen scheinbar näher filmen zu können, Schokoladensirup, der in Schwarz-Weiß wie Blut aussehen kann, und das alles zerschnipselt in 70 Einstellungen gedreht in einer ganzen Woche für zwei Minuten Film, von denen in nur 45 Sekunden der berühmteste Mord der Filmgeschichte passiert, von dem man aber letztlich nichts genaues sieht. Alles ist Kopf-Kino zu stakkato-peitschender Streicher-Musik, die suggeriert, was passsiert. Der Mörder (Anthony Perkins) ist gar nicht am Tatort, sondern probt gerade in New York ganz cool ein Theaterstück, und unter der Dusche sieht man vor allem auch nicht Janet Leigh, sondern ihr Körperdouble Marli Renfro.

„Wie haben Sie das gemacht, Herr Hitchcock“, fragte Francois Truffaut viele Jahre später im gleichnamigen Interview-Buch den Meister des Suspense, und erklärt sich die immense Wirkung von „Psycho“ selbst so: „Die ganze Konstruktion des Filmes kommt mir vor, als steige man eine Art Treppe der Anomalie hinauf. Zuerst ein Beischlaf, dann ein Diebstahl, dann ein Mord, zwei Morde und schließlich Geisteskrankheit. Jede Etappe bringt uns eine Stufe höher.“

Dass der Zuschauer dabei psychisch die Seite wechselt, vom Opfer hin zum Motelbetreiber Norman Bates, ist nur ein dramaturgischer Kunstgriff Hitchcocks. Und auch für Kunstkenner gibt es einiges zu entdecken: das biblische Motiv des Bildes „Susanna im Bade“, hinter dem sich das voyeuristische Loch befindet, durch das Bates ins Badezimmer lurt, oder die Villa hinter dem Motel, die von Edward Hoppers „House by the railroad“ inspiriert ist und nach psychologischer Analyse aufgebaut ist, wie das Seelenmodell von Sigmund Freud, mit der toten Mutter als Über-Ich im ersten Stock und dem Trieb-Es im Keller.

Es gab ein reales Vorbild

Hitchcocks „Psycho“ war ein Blockbuster mit Dreimeilen-Staus vor den großen amerikanischen Autokinos und panischer Flucht von Frauen aus dem Kinosaal. In einem Brief beklagte sich ein Vater, seit der Duschszene in „Psycho“ würde sich seine Tochter nicht mehr duschen. Hitchcock legte dem Vater nahe: „Dann geben Sie Ihre Tochter in die Reinigung!“

Heute wird „Psycho“ 50 Jahre. Das Filmverbrechen hatte ein Vorbild. Mitte der 50er ermordete der Amerikaner Ed Gein mindestens zwei Frauen und grub Leichen auf Friedhöfen aus. Als die Polizei ihn festnahm, fand sie im Haus abgeschnittene Nasen, Gliedmaßen und Geschlechtsteile sowie Masken aus Menschenhaut. In der Küche lag ein Herz. Gein starb 1984 im Gefängnis.

Oft kopiert, nie erreicht

Das Verbrechen inspirierte zu mehr als einem Dutzend Filme, darunter Horrorklassikern wie „Texas Chain Saw Massacre“ oder auch „Das Schweigen der Lämmer“. Doch zuerst gab es aber einen Roman: „Psycho“ von Robert Bloch. Alfred Hitchcock sicherte sich die Rechte für 9000 Dollar und ließ die bereits gedruckten Bücher aufkaufen. Niemand sollte das Ende kennen. Weil Paramount das Projekt geschmacklos fand, finanzierte Hitchcock den Film selbst. Das unzeitgemäße Drehen in Schwarz-Weiß war kostensparend. 

Um die Geheimniskrämerei auf die Spitze zu treiben, schwor Hitchcock alle Beteiligten auf Verschwiegenheit ein und diskutierte öffentlich die nicht existente Rolle der Mutter.

Leigh berichtete später, Hitchcock habe verschiedene Puppen der mumifizierten Mutter heimlich in ihrem Wohnwagen versteckt. Die, bei der sie am lautesten aufschrie, kam in den Film.

Hitchcock hatte bei der Abnahme zähe Verhandlungen mit der Zensur. Bis heute gibt es keine ursprünglich-vollständige Version zu sehen. Der Film zog drei – entbehrliche – Fortsetzungen nach sich. Im dritten „Psycho“ (1986) war Anthony Perkins selbst Regisseur, 1991 drehte Mick Garris „Psycho – The Beginning“, 1998 Gus Van Sant ein farbiges Remake.

Adrian Prechtel

 

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