Kultur Raupen im Bauch

Der Philosoph, Liebesforscher und Bestsellerautor Richard David Precht schöpft in seinen Büchern aus einem reichen, persönlichen Erfahrungsschatz. Foto: dpa

Ein Versuch, keine Erklärung: Bestsellerautor Richard David Precht widmet sich in seinem neuen Buch dem rätselhaften Thema „Liebe“

Die Herrscher der letztjährigen Sachbuch-Bestsellerlisten sind noch immer erfolgshungrig. Pünktlich zur am Donnerstag startenden Leipziger Buchmesse legen sie ihre neuen Ideen vor. Den Anfang machte Eckhard von Hirschhausen zum Titel-Thema „Glück“ (Platz eins der aktuellen „Spiegel“-Bestsellerliste“), nun kontert Richard David Precht mit „Liebe“.

Falsche Erwartungen von Voyeuren, Bettartisten oder emotional Notleidenden bremst der 44-jährige Germanist und Philosoph schon im Vorwort aus: „Aus diesem Buch werden Sie nichts lernen, das Ihre Fähigkeiten im Schlafzimmer verbessert. Es hilft Ihnen auch nicht weiter bei Orgasmus-Schwierigkeiten und Eifersuchts-Attacken, Liebeskummer und Vertrauensschwund in den Partner.“

Verstand gehört dazu

Denn Precht begibt sich wie bei seinem Überraschunsgserfolg „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ auf einen so lehrreichen wie unterhaltsamen Spaziergang durch die Geschichte verschiedener Wissenschaftszweige. Es geht allein darum, Liebe (als Beziehung zwischen Menschen), Sex, Lust, Partnerschaft aus Sicht der Biologen, Chemiker, Philosophen und Soziologen zu betrachten, Zusammenhänge zu erklären und vor allem: den gesunden Menschenverstand dabei nicht außer Acht zu lassen.

Die Evolutionsbiologen jedenfalls können Precht nicht überzeugen. Der moderne Metropolenbewohner ist nur bei Bestsellerautoren wie dem Ehepaar Pease („Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“) oder John Gray („Männer sind anders, Frauen auch“) mit dem „natürlichen“ Trieb- und Verhaltensmuster eines Neandertalers ausgestattet, ansonsten steht der Ur-Mensch wohl aus ganz anderer Sicht Pate für unser heutiges Liebesverhalten: Wir wissen fast nichts über sein Liebesleben, er ist die Leerstelle, die jeder Forscher mit seiner These ausformulieren kann.

Auch Rückschlüsse vom Verhalten der uns genetisch so nahen Menschenaffen sind zwar seit Jahrzehnten ein beliebtes Forschungsgebiet der evolutionären Psychologie, aber wohl kaum zulässig: an wem auch orientieren? Der „kleine Hippie-Affe“ Bonobo treibt es bekanntlich ständig mit jedem in der Affenkommune, Gibbons verbringen Jahre mit der richtigen Partnerwahl. „Mithilfe von heutigen Regenwaldbewohnern im steinzeitlichen Urnebel unseres Sexual- und Liebesverhalten zu stochern, ist also eine ziemlich wackelige Angelegenheit“, schreibt Precht. Aber die „zoologische Kaffesatzleserei“, die er genüsslich ausbreitet, hat ja einen ganz anderen Vorteil: Sie ist sehr unterhaltsam. Der seltsame Vogel Grauer Würger etwa versucht Weibchen durch aufgespießte Beute und die Größe seiner Speisekammer zu beeindrucken, da ist der Rückschluss auf die geldgierige Menschenfrau so nah wie falsch.

Monogame Präriewühlmäuse kann man durch Zugabe von Vasopressin oder Oxytocin-Blockern zu „wahllosem Kopulationsverhalten“ animieren, und ihre Brüder, die wilden Bergwühlmäuse chemisch zur Treue zwingen. Das menschliche Bewusstsein aber lässt sich nicht so billig austricksen.

Im genetischen Sinne überflüssig

Wer oder was aber bestimmt die Partnerwahl beim Menschen? Schon Darwin verzweifelte: „Der Mensch prüft mit scrupulöser Sorgfalt den Charakter und den Stammbaum seiner Pferde, Rinder und Hunde, ehe er sich paart. Wenn er aber zu seiner eigenen Heirath kommt, nimmt er sich selten oder niemals solche Mühe“, zitiert Precht.

Auch 150 Jahre Forschung, nebst Gen-Entschlüsselung haben das Rätsel der Liebe nicht gelüftet. Ist sie nur eine romantische Idee? Eine Kunst? Ein chemisches Experiment aus Dopamin und Serotonin, eine gesellschaftliche Konstruktion? Prechts Kunst besteht darin, die richtigen Fragen aufzuwerfen und unterhaltsam zu illustrieren, sein der Ehefrau gewidmeter Versuch über das im wissenschaftlichen Sinne „unordentliche“ Gefühl legt keinerlei Wert auf Vollständigkeit, gerade das unerschöpfliche Thema Familie wird im vorletzten Kapitel eher angerissen als behandelt.

Tipps zur „im genetisch-evolutionären Sinne“ überflüssigen Liebe maßt sich Precht nicht an, schließlich ist die Statistik beredt genug: „Drei Jahre Verliebtheit gilt als das Maximum der Gefühle, drei bis zwölf Monate als der Durchschnitt. Bei vier Jahren partnerschaftlicher Bindung liegt laut internationaler Statistik die durchschnittliche Scheidungszeit. Die Schmetterlinge im Bauch verwandeln sich wieder in Raupen.“

Dass es ohne Liebe zwischen Mann und Frau auch geht, klingt in diesem Kontext dann eher verzweifelt als beruhigend. Doch wer – versaut von Hollywood oder „Sex and the City“ – immer noch auf den einzig „Richtigen“ hofft, animiert Precht zu mehr Initiative: „Die Tyrannei, der wir uns aussetzen, wenn wir den für uns perfekten Partner suchen, bringt sicher mehr Unheil und Einsamkeit mit sich als ein paar abwechslungsreiche Falsche.“

Volker Isfort

Richard David Precht: „Liebe – ein unordentliches Gefühl“ (Goldmann, 386 Seiten, 19.95 Euro)

 

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