Kultur Rätselhafte Apokalypse

Unheimliche Gestalten in blindem Aktionismus: Neo Rauchs „Die Vorführung“ von 2006. Foto: Uwe Walter, Galerie Eigen + Art, Berlin

Der Künstler als Fackelträger: Neo Rauch wird 50 und lässt sich gebührend feiern – die Retrospektive in der Pinakothek der Moderne ist das Kunst-Ereignis der Saison

 

Der Himmel lodert, die Erde tut sich auf, und aus dem Untergrund quillt allerorten Bedrohliches hervor: In Neo Rauchs Welt scheint das Ende unmittelbar bevorzustehen, aber keiner seiner Protagonisten scheint das für ungewöhnlich zu halten. Dementsprechend planlos, aber umso eifriger werkeln diese Anti-Helden vor sich hin – ob sie hämmern, pinseln, sticken, diskutieren – oder Köpfe abschneiden. Der Betrachter steht erschrocken und verwirrt davor, und fragt mit der naiven Neugier eines Kindes: Warum tun die das? Kaum will man ein Fünkchen verstanden haben, entdeckt man in der Ecke ein Detail, das jeden Deutungsversuch zunichte macht.

Ab Dienstag sind 60 von Neo Rauchs rätselhaften Apokalypsen in der Pinakothek der Moderne zu bestaunen. Sie sind Teil der umfassenden Retrospektive, die anlässlich seines 50. Geburtstages am 18.April in München und Leipzig gezeigt wird – und das Kunst-Ereignis der Saison.

Der Leipziger Künstler gilt international – vor allem in den USA – als einer der größten deutschen Gegenwartsmaler. Dabei wird man in seiner Kunst mit all dem konfrontiert, was man eigentlich lieber nicht sehen möchte, etwa in „Zoll“: In dem Gemälde von 2004 strahlt dem Grenzer, der einen Koffer kontrolliert, ein Haufen Knochen entgegen. Alle Figuren verrichten in blindem Aktionismus undurchschaubare Tätigkeiten, und die unheimlichsten Gestalten sind gewalttätig ohne jeden Affekt. Idyllen wie „Glück“ (2006) sind rar.

Fadenscheinige Sicherungen

Neo Rauch erklärt den Horizont seiner Bilder so: „Die Schale platzt auf, der Lack platzt ab, das ist eine Grundkonstellation unserer kulturellen Existenz. Die Sicherungen sind von fadenscheiniger Qualität, und da wir uns aus den Bereichen des Ritus entfernt haben, der im schlimmsten Fall einen Minimalhalt geben konnte, kann man sich fragen: Was gibt uns noch Fassung, wenn die Fassade bricht und die dämonischen Kräfte ungehindert zur Entfaltung kommen? Ich versuche, diesen Elementarkräften, den energetischen Strömen, zu begegnen, sie aufzufangen, sie auf meiner Leinwand zu beruhigen.“

Die ältesten Werke der Münchner Schau stammen von 1993 und 1994, und so kann man Rauchs künstlerische Entwicklung gut nachvollziehen. Auch weil die von Bernhart Schwenk kuratierte Ausstellung nicht chronologisch, sondern nach Sinnzusammenhängen gehängt ist, sieht man die formalen und inhaltlichen Unterschiede. War Rauchs Kolorit früher eher hell und vom Kontrast zwischen klaren Farben und Ockertönen geprägt, findet man in den jüngeren Gemälden zunehmend dunkle, altmeisterlich wirkende Töne, aus denen reine Farbakzente umso mehr herausleuchten. Waren seine Bildräume früher eher flächig unterteilt, so sind sie nun stärker verschachtelt und in die Tiefe gestaffelt. Was bleibt, ist die Vorliebe für dominante Diagonalen und das Spiel mit Worten und Kürzeln – den typischen Rauch-Zeichen.

Was den armen Teufeln in Rauchs Vorhölle jedenfalls völlig fehlt, ist eine Ahnung von der Existenz des Göttlichen. Das bestätigt Rauch zunächst: „Es sind absichtsvoll profan zurückgenommene Verrichtungen, in denen sie wie in einem Dornröschenschlaf gefangen sind. Die Frage ist, woher kommt der Impuls, der die Szenerien zum Leben erweckt?“

Der Künstler als Fackelträger

Eine Art Antwort gibt vielleicht das Gemälde „Der Altar“ von 2008: Ein bärtiger Mann hält einen Span an eine Flamme im Himmel über einem blumengeschmückten Tisch; zwei Frauen und ein Mann arbeiten ihm zu, reichen ihm Späne. „Hier hat jemand einen Altar improvisiert, an dem er ein Licht entzündet. Wie heißt es bei Goethe ,Auch Flämmchen spend’ ich dann und wann, mal sehen, wo es zünden kann’“, deutet Rauch seine Darstellung. „Das ist dann die Figur des Inspirators und Künstlers, er geht als Fackelträger durch die Zeiten.“

Der Behauptung, Frauen seien, wie in dem Altar-Bild, bei ihm nur Assistenzfiguren, widerspricht er indes vehement: „Sie sind die Schutzgöttinnen, Mütter, Schwestern, die mildtätigen Samariterinnen, denen wir bösen Kinder uns dann zuwenden können. Sie verkörpern das andere Prinzip.“

Im Rauch’schen Sinn für Ironie und Doppelbödigkeit klingt das fast zu schön, um wahr zu sein. Seine Bilderzählungen künden doch eher von der Abwesenheit dieses anderen Prinzips. Aber je weniger Frauen man sieht, desto unberührter bleiben sie von Schuld in all dem Wahnsinn. Das wäre nah am Geschlechter-Kitsch, aber gäbe einen Hauch von Hoffnung, dass hinter dem Endzeit-Qualm doch noch eine bessere aller möglichen Welten verborgen liegt.

Roberta de Righi

Die Weltkarriere eines Waisenknaben

Der 1960 in Leipzig geborene Rauch wuchs bei seinen Großeltern auf, da seine Eltern kurz nach seiner Geburt bei einem Zugunglück ums Leben kamen. Zu DDR-Zeiten studierte er bei Arno Rink und Bernhard Heisig – und startete im vereinten Deutschland nicht zuletzt dank seines Galeristen Gerd Harry Lybke eine einzigartige Karriere. Rauch wurde zur Galionsfigur der „Leipziger Schule“, die einen regelrechten deutschen Maler-Boom begründete. Ein Artikel in der „New York Times“ entfachte die Begeisterung der Amerikaner; Brad Pitt kaufte das Bild „Die Etappe“ und hängte es in sein Schlafzimmer. Rauchs Werke sind auf Jahre ausverkauft, er lebt mit seiner Ehefrau Rosa Loy weiter in seiner Geburtsstadt.

Die Ausstellung

Der Münchner Teil der (parallel in Leipzig gezeigten) Doppelausstellung „Begleiter“ ist ab Dienstag bis 15. August in der Pinakothek der Moderne zu sehen. Geöffnet Di – So 10 – 18 Uhr (Do bis 20 Uhr). Feiertags geöffnet außer 1. Mai. Der Eintritt kostet 10 Euro (Sonntag 1 Euro; ansonsten ermäßigt 7 Euro). Der Katalog erscheint im Hatje Cantz Verlag und kostet 39.80 Euro.

 

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