Kultur Lust auf Viagra trotz Streit um Kurtisane

Bis zur Premiere heftig umstritten – und dann die erfolgreichste Nürnberger Opern-Produktion des Jahrzehnts: Verdis „La Traviata“ mit Anne Lünenbürger (Mitte). Foto: Berny Meyer

NÜRNBERG - Fränkische Kultur-Rückblende: Als das Pellerhaus Musikhochschule werden sollte, Waffen auf der Kaiserburg klirrten und die Oper um Verdi stritt.

Bewegt sie sich etwa doch, die fränkische Kultur-Szene? Womöglich sogar vorwärts? Einmal pro Monat wagt die AZ mit der Serie „10 Jahre danach“ den Blick zurück mit Orientierung nach vorn. Nicht mehr Aktualität und noch nicht Nostalgie – das sollte die Einordnung erleichtern. Heute: März 1999.

Krach um eine Kurtisane: Vor der Premiere von Verdis „La Traviata“ und einschließlich der getrennten Verbeugung des dirigierenden Philippe Auguin und der inszenierenden Katja Czellnik scheppert es gewaltig vor und hinter den Kulissen. Der GMD („Das Ergebnis stimmt nicht mit dem überein, was wir besprochen haben“) und die Gast-Regisseurin („Wenn man von außen kommt, kann man radikaler sein“) waren mit der Partnerschaft unzufrieden. Es wurde dennoch die erfolgreichste Nürnberger Opernhaus-Produktion des Jahrzehnts und Anne Lünenbürger sang die Titel-Partie acht Spielzeiten lang. Inzwischen wurde sie Opfer des Intendanten-Wechsels, Auguin lebt nun in New York und Katja Czellnik hat zuletzt in Berlin (erfolglos) Paul Dessaus „Lukullus“ inszeniert – mit Auguin-Vorgänger Eberhard Kloke als Partner am Pult.

Verschiebebahnhof Pellerhaus: Von einem „Jahrhundert-Beschluss“ ist die Rede, als der Stadtrat am 16. März 1999 die Szene ordnet. Das Pellerhaus am Egidienplatz, vorübergehend Bibliotheksadresse, wird zum möglichen Sitz der Musikhochschule ausgerufen. Kulturreferent Georg Leipold und Baureferent Walter Anderle sind sich einig, dass der Innenhof überdacht und als Konzertsaal genutzt werden kann. Der Stadtkämmerer namens Ulrich Maly geht auf Distanz zur kalkulierten Kosten-Summe von 23,8 Millionen. Der beabsichtigte „große Wurf“ sieht zehn Jahre danach etwas kleiner aus. Die Musikhochschule hat es sich im Behelfsheim am Sebastianspital eingerichtet und Leipold-Nachfolgerin Julia Lehner bot das Pellerhaus vor zwei Wochen dem überraschten Freistaat für ein Bayern-Museum an, das bislang nur als Sprechblase von Ministerpräsident Seehofer existiert.

Zwischen-Hoch beim „Südwind“: Zehnter Geburtstag von Jürgen Markwirths imposanter Konzertreihe, die bis März 1999 Größen wie die pakistanischen Sabri Brothers, Taraf de Haidouks aus Rumänien und den griechischen Weltbürger Mikis Theodorakis nach Nürnberg holte – um „die hier lebenden Ausländer anzusprechen und den Einheimischen deren Kultur näherzubringen“. Zehn Jahre später ist es vorbei mit dem Modellfall. Markwirth, inzwischen zuständig für die Trümmer-Pflege des zerschlagenen Amtes für Kultur und Freizeit, muss vor dem Kostendruck und der übermächtigen Konkurrenz kommerzieller Konzertagenturen kapitulieren. Silvana Deluigi tritt am 25.3. auf, aber Ende der Saison wird dem Südwind die Luft abgedreht.

Farbräume als Kraftfelder: Leuchtende Wände der Düsseldorfer Künstlerin Katharina Grosse werden in Nürnberg bestaunt. Erst in der Schmidtbank-Galerie, dann in der Kunsthalle. Die Kritik nennt die visuellen Lustmacher „Farb-Viagra“ und prophezeit der 37-Jährigen eine internationale Karriere. Was jedenfalls in der Nürnberger Hierarchie bestätigt wird: Eine Grosse-Ausstellung ist für 30. April 2009 im Neuen Museum angekündigt.

Magie zur Wiedervorlage: Mit „Die Mühle der schwarzen Raben“ bringt das Theater Mummpitz im März 1999 die „Krabat“-Sage auf die Bühne. Fascho-Sprüche vom „neuen Menschen“, die da von dunklen Figuren geraunt werden, sind mit viel Comedy abgefedert. Knapp zehn Jahre später legte die Konkurrenz vom Theater Pfütze mit der eigenen Version des Stoffes nach – und geriet in den Wettbewerb mit einer anlaufenden Verfilmung. Durchschlagender Erfolg war weder Bühne noch Kino beschieden. Mummpitz, 1999 Kooperationspartner der Städtischen Bühnen in den Kammerspielen, residiert jetzt im Kachelbau – und kooperiert mit dem Fürther Theater. Am 26. März hat dort „Prometheus“ Premiere.

Zeitenwende mit Ansage bei den Nürnberger Symphonikern: Intendant Günter Einhaus kündigt im 20. DienstJahr seinen Rückzug in den Ruhestand an. Zum großen Neuanfang reicht es nicht gleich – der an die Organisationsspitze geholte Ulrich Görg (vorher am Opernhaus) kommt nie richtig an im Colosseum. Erst seit Lucius Hemmer blüht dort neues Selbstbewusstsein.

Stadtgeschichte will hoch hinaus: Das Germanische Nationalmuseum richtet im März 1999 als Dauerausstellung das „Kaiserburg-Museum“ ein. Ein nicht ganz so großer Sprung wie der vom Eppelein nebenan, aber für Touristen und Schulklassen ein Fixpunkt. Rüstungen, Pferdegeschirr und Waffen auf Schritt und Tritt gemäß der kaiserlichen Äußerung „Meine Residenz ist der Steigbügel, meine Heimat ist der Sattel“. Eine Privatinitiative bastelt 2009 an einem eigenen „richtigen“ Stadtgeschichtsmuseums-Konzept.

Reiche Kino-Ernte im März 1999: „Shakespeare in Love“ in der Serie der Klassiker-Verpopelungen, die raffiniert zwischen Farbe und Schwarzweiß changierende Spießer-Satire „Pleasantville“, Caroline Links Vor-Oscar-Fingerübung „Pünktchen und Anton“ und der erste Realo-Asterix mit Gerard Depardieu - wie mit dem Schrubber gemalt. Dieter Stoll

 

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